Transkript des Vortrages in Stuttgart am 27.05.2008 zum Thema “Muslime in Europa – Damals und Heute”

  1. Einführung
  2. Moscheereise durch Europa
  3. Muslime in Deutschland: Ihre Geschichte, Entwicklung und derzeitige Situation
    1. Identität
    2. Repräsentanz
    3. Teilhabe
  4. Kritische Thesen

1. Einführung

Ich muss zugeben, dass das Thema des heutigen Vortrages mir einiges an Kopfzerbrechen bereitet hat, da es doch recht weit gefasst ist. Ich habe mich nach einigen Überlegungen dazu entschlossen, mich auf Muslime in Deutschland zu konzentrieren und das auch nur auf die Erfahrung der Muslime in den letzten 50 Jahren. Dies mache ich, weil es mir ein Bedürfnis ist auch einmal meine Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland gesammelt habe zu ordnen und meine Kritik daran – positive und negative – einmal auszusprechen.

Ich werde mich also in diesem Vortrag auf die jüngere Geschichte der Muslime in Deutschland beziehen. Mir schien es in der Vorbereitung sinnvolle nach einer Antwort auf folgende Fragen zu suchen: Was wollten und wollen Muslime in Europa und insbesondere in Deutschland eigentlich erreichen, was war und ist ihnen wichtig, auf welchen Wegen haben sie versucht dies zu erreichen, wo waren sie erfolgreich und wo scheiterten sie?

Der Vortrag gliedert sich grob in drei Teile. Ich werde dabei vom Allgemeinen zum ganz Konkreten kommen.

Im ersten Teil werde ich kurz etwas zu muslimischen Populationen in Europa sagen und wie es zu diesen kam und den Europabegriff umreißen. Da das runterrattern von Zahlen und Ländern in einem Vortrag oft etwas langweilig ist, werde ich mit Ihnen einen kleinen Bummel durch Europas Moscheen machen. Dies, um einen Endruck der Geschichte des Islams in Europa zu vermitteln.

Im zweiten Teil – der auch der Hauptteil meines Vortrages ist – versuche ich zunächst die Hauptbereiche muslimischer gesellschaftlicher Aktivitäten in Deutschland zu identifizieren. Innerhalb dieser werde ich die Entwicklung, die Muslime in den letzten 50 Jahren genommen haben nachzeichnen und mit bekannten und weniger bekannten Beispielen schmücken.

Dem folgt im dritten Teil eine Bewertung, in der ich thesenartig das „wie“ und „was“ muslimischer Prioritäten und ihrer Herangehensweise positiv als auch negativ kritisieren werde. Wo möglich werde ich Alternativen vorschlagen.

2. Moscheereise durch Europa

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3. Muslime in Deutschland: Ihre Geschichte, Entwicklung und derzeitige Situation

Bevor ich auf die einzelnen Teilbereiche muslimischer Präsenz in Deutschland zu sprechen komme, noch kurz ein Wort zu Definitionen. Wenn ich von muslimischer Gemeinschaft oder muslimischen Aktivitäten u.a. spreche dann meine ich damit religiös gelebte gesellschaftliche/spirituelle/politische Aktivität, die sich auch bewusst als solche versteht und bejahend damit identifiziert. Damit ist selbstverständlich nur eine Teilmenge dessen beschrieben, was Menschen mit einem muslimischen Hintergrund an gesellschaftlichen Aktivitäten in Deutschland geleistet haben.

3.1. Identität

Zur Zeit der Gründung der BRD war das Bild der muslimischen Landschaft in Deutschland komplett anders als das was wir heute kennen. Ca. 200 Deutsche Muslime 2000 muslimische Studenten und Händler aus dem (vorrangig iranischen und arabischen) Orient bildeten die deutsche muslimische Gemeinde zu dieser Zeit. Beide Gruppen hatten kaum unter Identitätsproblemen zu leiden1 Dies mag bei den deutschstämmigen, meist zum Islam konvertierten Muslimen zum Einen daran gelegen haben, dass sie äußerlich nicht besonders auffielen und sie in der Außenwahrnehmung auch eher als Orientliebhaber oder Menschen mit einem (wenn auch symphatischen) Spleen vorkamen. Zum Anderen schien die eigene Wahrnehmung als deutsch und zugleich muslimisch diesen frühen Muslimen2 keinerlei Probleme zu bereiten. Diejenigen Muslime nun, die aus dem Ausland als Händler oder Studenten hier waren, waren wiederum sehr stark durch ihre Herkunft geprägt, was jedoch durch den Aufenthalt in Deutschland zu keinerlei Störungen in der Selbstwahrnehmung führte. Man war Ägypter, Muslim und lebte in Deutschland. Eine einfache Sache.

Die Unbeschwertheit die aus manchen Berichten herausklingt, spiegelt sich auch in dem Umgang mit religiösen Bedürfnissen wieder, den man damals erfuhr. So gibt es eine Anekdote, die auf einem Treffen der DML erzählt wurde. In den 50er Jahren stellte es noch ein größeres Problem dar, an Fleisch zu kommen, das nach islamischen Ritus geschlachtet wurde. Also fragte eine Gruppe deutscher Muslime kurzerhand in einem Hamburger Schlachthof nach Möglichkeiten des Schlachtens. Dort wies man ihnen ganz unkompliziert eine Stelle in dem Schlachthaus zu, wo man dann Fleisch und Würstchen zum Grillen herstellen konnte.3

Insgesamt herrschte aufgrund der geringen Anzahl eine recht familiäre Atmosphäre unter den Muslimen zu dieser Zeit. Jeder kannte jeden, Neulinge bekamen recht schnell Kontakt. Aus dieser Zeit stammrn auch die ältesten Gebetsräume an deutschen Universitäten. Einer davon ist an der Technischen Universität Berlin und ein anderer an der Uni Mannheim feiert meines Wissens nach in diesem Jahr sein 45-jähriges Bestehen.

Anfang der 60er Jahre kamen dann die ersten Arbeitsmigranten dazu. Dadurch, dass ihr Aufenthalt hier zunächst nicht als Daueraufenthalt gedacht war, schlugen die Menschen auch keine identitätsstiftenden Wurzeln in Deutschland. Erst in der 70er Jahren, mit dem Nachzug von Familienmitgliedern und dem Zuzug politischer Flüchtlinge kam es zu verstärkten Gründungen von Heimatvereinen in Deutschland. Dieser Umstand reflektiert einerseits das wachsende Bewusstsein darüber, dass man nun doch “für länger” in diesem Land lebt, andererseits wurde durch die Heimatvereine die Identifizierung mit ebendieser Heimat gestärkt bis hin zur Konservierung der damit verbundenen Traditionen und Werte.

In den 80er Jahre kann man dann zunehmend die Herausbildung eines Deutschlandbezugs unter der gewachsenen und nun zum Großteil aus Migranten bestehenden muslimischen Gemeinde beobachten. Die unter Muslimen bekannten, inzwischen aber aufgrund der Größe nicht mehr stattfindenden “Treffen deutschsprachiger Muslime” (TDM) sind ein Zeugnis davon. Heute kann man unter Muslimen einen Generationenkonflikt beobachten in dem eine “Kulturkonserve” parallel zu einer sich als Deutsch identifizierenden Generation lebt.
Umgangssprache der neuen Generation ist Deutsch

3.2. Repräsentanz

Der älteste deutsche Verband (und für lange Zeit der einzige) ist die deutsche Muslim Liga e.V., der noch in den 50er Jahren gegründet wurde. Ihre Aufgaben sah die DML zunächst darin, eine Anlaufstelle für neue Muslime und vor allen Dingen neu hinzugezogene Muslime aus dem Ausland zu sein. Interessant vor dem Hintergrund heutiger Diskussionen ist, dass die DML bereits in den 50er Jahren eine Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts beantragt hatte, allerdings aus unterschiedlichen Gründen scheiterte.

Die 80er Jahre kann man auch die Phase der Verbandsgründungen nennen. Diese entstanden um gemeinsame Interessen zu vertreten. Dazu gehören Organisation von Hajj- und sonstigen Pilgerreisen, allgemeine religiöse Unterweisung usw. Hier gab (und gibt) es auch Versuche der Einflussnahme von Außen. Dies zum Einen durch ausländische Regierungen (wie die türkische und tunesische) um im eigenen Land unerwünschten bzw. verfolgten Bewegungen den Einfluss in den Diaspora-Gemeinden zu untergraben. Zum Anderen geschah diese Einflussnahme durch eben genannte politische/religiöse Bewegungen wie die Muslimbruderschaft, die aufgrund zunehmender staatlicher Verfolgung hier auch Fuß fassten.

In den 90er Jahren lassen sich zunehmend Vereinsgründungen beobachten, die unabhängig von Moscheevereinen agierten. Dazu zählen Frauen-, Jugend-, Sport und karitative Vereine. Nach 2000 ist die Verbandslandschaft von der Suche nach Einheit der Muslime geprägt. Dies passierte durch Alleinvertretungsversuche von Verbänden wie dem Islamrat, Ditib oder auch dem ZMD.‏ Eine Zeit lang konnte man sich auch Hoffnungen machen, dass aufbauend auf bereits vorhandene Landesverbände ein föderativer Zusammenschluss (IRD- Islamischer Rat Deutschland) von muslimischen Verbänden zustande kommt. Dies wäre ein großer Fortschritt gewesen, da so ein Zusammenschluss wirklich demokratische Strukturen innerhalb der Verbände gesichert hätte. Dieser Zusammenschluss ist letztlich jedoch gescheitert derzeit gescheitert. Die Gründe für dieses Scheitern sind nicht ausreichend bekannt, es ist aber anzunehmen, dass Eitelkeiten und Machtbestrebungen eine erhebliche Rolle darin gespielt haben. Nun gibt es einen Koordinierungsrat (KRM), der ein Zusammenschluss der Bundesverbände unter Einbeziehung nicht vertretener Vereine darstellt.

3.3. Teilhabe

Bis in die 80er Jahre bestand kein Bedarf an kollektiver Außenvertretung. Wie im vorigen Abschnitt schon erwähnt kam es in den 80er Jahren erst zur verstärkten Gründung von Moscheevereinen. Diese Zeit ist auch die Phase des Dialogs (mit Kirchen)‏. In den 90er Jahre äußert sich gesellschaftliche Teilhabe in den Bereichen Nachhilfe- und Jugendarbeit, Aufbau eigener Medien.

Heute nehmen Verbänden und Einzelpersonen an politischen Diskussionsrunden (TV)‏ teil, sind bei bei Anhörungen in Parlamenten anwesend. Über Verbände versuchen Muslime politische und gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen aber auch der individuelle Weg wird vermehrt beschritten wie z.B. durch den Eintritt in bestehende Parteien oder das Ehrenamt.

4. Kritische Thesen

Nationalismus ist schädlich

  • Die heutige Situation: Verbände, als auch Moscheen sind heute noch nach Herkunftsländern aufgeteilt.
  • Diese Unterteilung hat zur Folge, dass einzelne muslimische Gemeinden sowohl untereinander als auch dem Rest der Gesellschaft entfremdet sind.
  • Moscheen sind so als erstes Orte von Kulturpflege und erst dann von Religionsausübung.
  • Positive Ansätze von kulturübergreifender Gemeinsamkeit lassen sich finden – jedoch außerhalb der Moscheen in Studentenvereinigungen, Frauenverbänden, Jugendorganisationen!

Basiskontakt stärkt den Rücken

  • Die heutige Situation: Verbandsführungen haben keinen ausreichenden und direkten Kontakt zu den von ihnen Vertretenen.
  • Echte Vertretung erfordert jedoch Basiskontakt.
  • Auf Basisebene muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Das bedeutet, dass Verbandsführungen nicht wie es heute üblich ist in einer Art Bevormundung über die Bedürfnisse und Forderungen der Muslime befinden. Vielmehr sollten die so genannten öffentlichen Vertreter von Muslimen sich dem Basiskontakt stellen. Auf dieser Ebene sollte dann auch eine Art Überzeugungsarbeit passieren; d.h. der Vertreter sollte die von ihm Vertretenen von der Wichtigkeit seiner Anliegen überzeugen können und wollen und nötigenfalls auch Rückmeldungen reflektieren.

Wir brauchen keine neuen Moscheen

  • Die heutige Situation: es wird gebaut, was nicht gebraucht wird in Bezug auf Prunk und Größe.‏
  • Die Finanzierung wird oft auch auf Pump und Spendensammeln betrieben. Es sollte auf gar keinen Fall eine Verschuldung in Kauf genommen werden, sondern nur das gebaut werden was eine Gemeinde sich leisten kann. Weiterhin denke ich auch, dass sich eine Moschee selber tragen können muss, um nicht auch in Zukunft – bei nötigen Renovierungen etw.– wieder auf große Spenden angewiesen zu sein. Dies erzielen manche Moscheen durch Vermietungen von attraktiven Wohnungen, Geschäftsräumen etc.
  • Der Bau großer Moscheen erscheint vor allen Dingen vor folgendem Hintergrund momentan unnötig: Investitionen sind nötig, jedoch nicht in Steine, sondern in Menschen
    • Imamausbildung
    • Jugendarbeit
    • Soziale Wohlfahrt
    • islamisch-wissenschaftliche Einrichtungen

Politische Teilhabe will gelernt werden

  • Die heutige Situation: Muslime fühlen sich als einzelne oft ohnmächtig, haben jedoch gleichzeitig oft hohe (und oft tief enttäuschte) Erwartungen in Politiker und ihre eigenen Vertreter.
  • Politische Bildung ist der Schlüssel, sie wird für politische Mündigkeit benötigt.
  • Imame in Moscheen haben die einmalige Möglichkeit, viele Muslime zu erreichen. D.h. Imame müssen politisch und medial geschult werden und dieses Wissen bewusst weitergeben.

Meine Stimme kann ich hörbar machen

  • Die heutige Situation: man verlässt sich auf die Vertreter, die Basis der Muslime ist aber nicht präsent bzw. beteiligt sich nicht und ist passiv.
  • es gibt jedoch viele Möglichkeiten zur Teilhabe für den Einzelnen
    • Leserbriefe
    • Direkter Kontakt zu lokalen Akteuren in Politik, sozialer Wohlfahrt und religiösen Einrichtungen
    • Wahlkampfveranstaltungen
    • Internetseiten und Weblogs

Kritik ist heilsam

  • Die heutige Situation: Gleichgesinnte tun sich zusammen und grenzen sich und andere aus. So entsteht zwar in einem kleinen Rahmen ein “heile-Welt-Gefühl”, wirkt aber von außen elitär.
  • Kritiker einladen, statt ausgrenzen.
  • Auch diejenigen, die etwas zu kritisieren haben (und davon gibt es unter Muslimen viele) sollten den Kontakt zu denen suchen, die sie kritisieren und sich nicht selbst zum Außenseiter machen.
  • Kritik und Antwort auf Kritik braucht Zeit und Diskussion

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verwandte Literatur:
Islam in Deutschland – die 50er und 60er Jahre von Abdulkarim Grimm
Neuanfänge – der zweite Weltkrieg und die Folgen von Mohammad Aman Hobohm
Islam in Deutschland – Eine Prise Geschichte von Murad Wilfried Hofmann

Fußnoten
  1. Meine Ausführungen beziehen sich auf meine eigenen Erfahrungen, Texte in der Literaturliste bzw. auf persönliche Gespräche mit erfahreneren deutschen Muslimen. []
  2. Übrigens leben noch einige dieser frühen Protagonisten des (BRD-)deutschen Islam. Sie hätten sicherlich eine Menge zu erzählen, wenn man sie befragen würde. []
  3. Ich weiß allerdings nicht in welchem zeitlichen Rahmen und mit welcher Regelmäßigkeit so etwas stattfand. []