Vortrag im Rahmen der IHV Köln am 08.05.2007

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1. Ausgangspunkt und Stand der historischen Forschung zu “Geschichte von Frauen in Islamisch geprägten Gesellschaften”

2. Kurze Anmerkungen zur Quellenlage und der Problematik der Auswertung

3. Beispiele einiger weiblicher Gelehrter aus dem Mittelalter

4. Schlussfolgerungen

5. Benutzte und weiterführende Literatur

Assalamu aleikum wa rahmatullahi wa baraktuh, liebe Geschwister und Freunde,

Bismillahir-rahmanir-rahim,

Ich bin heute hierhergekommen, um einen Vortrag über ein Thema zu halten, mit dem ich mich zum ersten Mal im Rahmen meiner Magisterarbeit beschäftigt habe: weibliche islamische Gelehrte in der Geschichte. Mir selbst hat die Beschäftigung mit diesem Thema auf vielerlei Ebenen die Augen geöffnet beziehungsweise mich zu vielen weiteren Fragestellungen und Denkanstößen gebracht, die ich bis jetzt und hoffentlich auch in Zukunft weiterverfolge. Ich hoffe, dass ich euch etwas von meinem eigenen Interesse vermitteln kann und bedanke mich jetzt schon mal für die Einladung hierhin nach Köln, der ich gerne gefolgt bin.

Ausgangspunkt des Vortrages ist der Stand der historischen Forschung zur “Geschichte von Frauen in islamisch geprägten Gesellschaften”, den ich kurz erläutern möchte. Danach werde ich einige kurze Anmerkungen zur Quellenlage und der Problematik der Auswertung machen, um dann auf das Phänomen weiblicher islamischer Gelehrte zu sprechen zu kommen. Dies werde ich dann anhand einiger Beispiele aus der Geschichte weiter umschreiben. Zum Schluss will ich einige Fragen anreißen, die sich aus dieser Art der Foschung ergeben.

Ich habe versucht das Thema innerhalb eines Zeitrahmens von 25 Minuten zu behandeln, damit wir danach Zeit für eine hoffentlich fruchtbare Diskussion haben werden. Ich möchte euch bitten, Fragen und Anmerkungen während des Votrages zu notieren, damit nichts davon verloren geht.

1. Ausgangspunkt und Stand der historischen Forschung zu “Geschichte von Frauen in Islamisch geprägten Gesellschaften”

Die Geschichte der Frau in den islamisch geprägten Gesellschaften ist äußerst lückenhaft und bis heute nicht ausreichend genug erforscht, als dass man unumstößliche Wahrheiten daraus ziehen könnte. Es lassen sich jedoch Tendenzen ablesen. Eine davon ist, dass Einträge für weibliche Personen in historischen Biografiewerken, die die Hauptquelle der Forschung auf diesem Gebiet darstellen, mit fortschreitender Zeit abnahmen. So nehmen Frauen in Geschichtswerken, die sich den Gefährten des Propheten (saws) widmen grob gerechnet noch 10 bis 15 % aller Einträge ein. Spätere Geschichtswerke, die sich rückblickend mit vergangenen berühmten Persönlichkeiten beschäftigen oder Persönlichkeiten eines einzelnen Jahrhunderts auflisten weisen durchschnittlich nur 0 bis 2,5 % Frauenanteil auf.

Ausgangspunkt meines Vortrages heute sollen zusätzlich noch ein paar Annahmen sein, die man mehr oder weniger deutlich ausgeprochen heutzutage nicht nur unter Muslimen findet: Frauen sind demnach nicht oder zumindest nicht so gut wie Männer in der Lage religiös-wissenschaftliches Wissen zu erlangen und weiterzugeben. Dies liege zum einen daran, dass sie noch “nicht so lange” auf diesem Gebiet tätig seien und zum anderen daran, dass sie aufgrund ihres Intellekts nicht dazu befähigt seien.

2. Kurze Anmerkungen zur Quellenlage und der Problematik der Auswertung

Die Quellenlage ist sehr reichhaltig in Bezug auf den Mittelmeerraum (und auf diesen konzentriert sich die Literatur momentan und auch ich werde dies in meinen Ausführungen der Einfachheit halber tun). Zumeist handelt es sich um religiöse Abhandlungen, Gerichtsprotokolle, Korrespondenz, Eheverträge, Reiseberichte und rechtlich relevante Dokumente. Viele dieser Quellen sind jedoch bis heute noch nicht systematisch untersucht und analysiert worden, schon gar nicht unter dem Gesichtspunkt der Erforschung geschlechterrelevanter Daten. Wir wissen also bis heute sehr wenig über die Art und Weise der Beziehungen der Geschlechter untereinander und über die berühmte “Stellung der Frau” in den damaligen Gesellschaften. Verstärkt in den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich jedoch auch in den Orientwissenschaften im Westen eine Richtung herausgebildet die diese Lücken füllen möchte. Quantitativ nimmt der Fokus auf die “Frau im Islam” in den gegenwärtigen Gesellschaften den größeren Raum ein. Man widmet sich auch immer stärker der historischen Seite dieser Fragestellung. Gott sei Dank, die Grundlagen dafür, also die Quellen gibt es ja. Im Anhang habe ich eine Auswahl an wissenschaftlichen Publikationen für Interessierte zusammengestellt. Diese Auswahl ist überhaupt nicht repräsentativ für den kompletten Forschungsstand und erfolgte nach meinen eigenen Präferenzen.

Ich will nun kurz einige Probleme ansprechen, vor denen die moderne Forschung steht, wenn sie sich mit den von mir angesprochenen Quellen auseinandersetzt, um Informationen über das Leben von, den Diskurs über und die Stellung der Frau in islamisch geprägten Gesellschaften zu erhalten:

• Zunächst einmal gibt es kaum Primärquellen von Frauen selbst. Das bedeutet man ist auf Informationen angewiesen, die von Männern stammen. Das heißt aber erstens nicht, dass die Information nur deshalb unzuverlässig wäre. Zweitens heißt es auch nicht, dass dies ein spezifisches Problem vormoderner islamischer Geschichtsschreibung wäre. Wir verfügen nur einfach nicht über weibliche Sichtweisen zu allen möglichen Sachverhalten und können somit auch nicht direkt erfahren wie Frauen die damaligen Verhältnisse wahrgenommen und reflektiert haben und ob sich diese Sichtweise überhaupt von denen der männlichen Autoren unterschied.

• Ein weiteres Problem liegt darin, dass zudem auch noch verhältnismäßig wenig über Frauen geschrieben wurde. Dies wirft mehrere Fragen auf, die schwer bis gar nicht zu beantworten sind: spielten Frauen eine so marginale Rolle (auch in Bereichen wie Geschichtsschreibung, Wissenschaft, Poesie), so dass die Literatur über sie diesen Fakt nur reflektiert? Oder ist dies etwa auf eine männliche Haltung zurück zu führen die Frauen bewusst oder unbewusst aus diesen männerdominierten Bereichen zurückzudrängen suchte? Waren Frauen vielleicht einfach nur in anderen Sphären aktiv? Warum gibt es dazu dann nichts Schriftliches? Es ist bis heute schwer, bzw. wäre auch voreilig, generelle Schlüsse auf die Position der Frau in islamischen Gesellschaften zu ziehen. Zumal die historische Stellung der Frauen von Gesellschaft zu Gesellschaft, Epoche zu Epoche, und auch innerhalb sozialer Schichten ein und derselben Gesellschaft sehr differenziert zu betrachten ist und bestimmt nicht einheitlich war. Hier muss es noch tiefere und gründlichere Erforschung geben.

• Biographische Lexika spielen in der islamisch/arabischen Geschichtsschreibung eine große Rolle. Die Beschäftigung damit stellt einen wiederum vor andere Probleme. Denn solche Lexika enthalten Informationen zu Ausbildung, Gelehrtenstand, Reisen die zur Wissenserweiterung vorgenommen wurden, Information über Charakter und Leben einer Person in stark standardisierter Form. Diese Informationen dienen unter anderem auch der Darstellung von Vorbildhaftigkeit zur moralischen Erziehung des Laien. So dass die übermäßige Erwähnung negativer Charaktereigenschaften kontraproduktiv gewesen wäre und wir deshalb kritisch zu betrachtende Seiten einer Person gar nicht kennenlernen.

• Zuletzt sind die in solchen Lexika dargestellten Personen nicht die Durchnittspersonen in der jeweiligen Zeit sondern sind vorrangig gebildete Frauen und Männer aus der Ober- und Mittelschicht. Der Bevölkerungsausschnitt ist also sehr begrenzt.

Zwei dieser Geschichtswerke sind bei der Suche nach Biographien weiblicher Gelehrter besonders hilfreich. Zum ersten ist dies ad-Durar al-Kamina (die verborgene Perle) von Ibn Hajar al-’Asqalani aus dem Achten Jahrhundert der Hijra und zum zweiten ad-Daw’ al-Lami’ (das strahlende Licht) von Shams ad-Din as-Sakhawi aus dem neunten Jahrhundert der Hijra. Dies entspricht dem 14. und dem 15. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung. Das interessante an diesen beiden Werken ist nicht nur, dass dort eine relativ große Anzahl weiblicher Persönlichkeiten des jeweiligen Jahrhunderts aufgeführt wird, sondern dass beide Autoren selbst auch bei weiblichen Gelehrten in die Lehre gingen. Ibn Hajar selbst verweist auf 53 weibliche Gelehrte, bei denen er studierte, und as-Sakhawi gibt an Lehrlizenzen – auf arabisch nennt man das Ijaza – von insgesamt 68 weiblichen Hadithgelehrten erhalten zu haben.

Das System des Lernens beruhte auf einer direkten und nahen Beziehung zwischen Lehrer und Student. Im 11. Jahrhundert entstand und verbreitete sich dann die Institution der madrasa (Schulen mit Lehrern, die auch Gehälter für ihre Arbeit erhielten). Neben diesen Schulen blieben jedoch die Wohnhäuser von Gelehrten und Moscheen wichtige Orte zur Verbreitung von Wissen innerhalb gelehrter Zirkel. Die Aufnahme in einen solchen Zirkel war bestimmt durch Prüfungen und Bewertungen des Lehrers, die von den Studenten selber vorgenommen wurden. Dieses System wurde natürlich gleichermaßen auch auf Frauen angewandt, die in diese Profession eintreten wollten. Ihre Arbeit in diesem Feld musste die Frauen dann auch zwangsläufug mit anderen Zweigen der Hadithwissenschaft in Verbindung gebracht haben wie Geschichte, Logik, Literatur, Ethik und Philosophie.

Bemerkenswert in diesen beiden Geschichtswerken sind auch die Charakterisierungen der aufgezeichneten weiblichen Hadithgelehrten bei Ibn Hajar mit Beschreibungen wie: „sie war in ihrem Denken rational“ oder: „sie verstand die Rechtswissenschaft sehr gut“. Detaillierter geschieht das noch bei Sakhawi, der verschiedene weibliche Hadithgelehrte beschreibt als Gelehrte: „die durch Verstand und eine führende Position charakterisiert wurde”, oder: “die vielen ehrenvollen Gelehrten Hadithe beibrachte und über Wissen, Erfahrung und ehrbares Verhalten verfügte”. Über eine Kairoer Gelehrte schreibt derselbe: „viele Imame erhielten gelehrte Unterweisung von ihr, und ihre Studenten erhielten umfangreichen Unterricht, denn sie war eine gute und freundliche Frau mit großem Verständnis und Wissen über die Prophetenbiografie, Hadithwerke und Poesie.” Andere Titel neben dem einer Shaykha waren Sitt al-Fuqaha (was man mit „Dame der Juristen“ übersetzen könnte), Sitt al-Quda’ (Dame der Richter). Auch scheint es so gewesen zu sein, dass aufgrund ihrer Bekanntheit einige der Frauen viel umherreisten, so dass eine Frau beispielweise in Kairo, Jerusalem und Damaskus unterrichten konnte und dort auch bekannt war. In den oben erwähnten Geschichtswerken ist die Rede von Büchern, die von weiblichen Gelehrten zu ihren jeweiligen Spezialgebieten verfasst worden sein sollen. Uns blieb jedoch keines dieser Werke bis heute erhalten.

Frauen hatten also – im Gegensatz zur heutigen Wahrnehmung – in mittelalterlichen muslimischen Gesellschaften die Fähigkeit und Qualifikation religiöse Unterweisungen auszuführen und genossen ein ihren Qualifikationen angemessenes Ansehen unter beiden Geschlechtern. Gleichzeitig führten sie diese Funktionen auf einer informellen also nicht offiziellen Ebene aus – nämlich in Häusern und Moscheen – und waren nicht in irgendeiner Form in staatliche und andere offizielle Ämter eingebunden. Diese Entwicklung kann nun vielerlei Ursachen haben, über die wir nur spekulieren können. Man kann bis jetzt nur viele verschiedene Beobachungen machen, aber diese werfen wiederrum neue Fragen auf. Eine Beobachtung ist, dass es zu der Zeit des Propheten (saws) und der nachfolgenden Generation den größten Anteil gelehrter und als solche respektierter Frauen gab und es danach mit diesem Anteil stetig bergab ging. Ein anderer Fakt ist, dass Frauen generell nur einen geringen Prozentsatz in diesen Professionen darstellten. Eine weitere Tendenz geht in die Richtung, dass mit der fortschreitenden Bürokratisierung religiöser Ämter (wie etwa im osmanischen Reich), mit der fortschreitenden Staatenbildung und der Kodifizierung von Recht, Frauen völlig aus diesen Professionen verschwanden. Wir wissen aber auch, dass Frauen auf dem informellen Sektor organisiert unterrichteten und lernten, sich in Stiftungen für Arme engagierten, sozusagen im ehrenamtlichen Sektor vertreten waren. Ich selber bin zwar keine Anhängerin der These, dass dies ausschließlich aus bewusster Frauenfeindlichkeit und Machtbestreben einiger oder gleich aller Männer geschah, es sich dabei sozusagen um eine kollektive Verschwörung handelte. Am Ende steht trotzdem ein großes Warum zu all diesen Beobachtungen, dass bis heute nicht befriedigend beantwortet ist uns aber vielleicht hilft, Antworten für unsere heutige Situation zu finden.

3. Beispiele einiger weiblicher Gelehrter aus dem Mittelalter

Im Folgenden stelle ich beispielhaft 6 weibliche Gelehrte aus unterschiedlichen Professionen und Epochen vor. Eine Fülle von Frauen sind bereits auch einem breiteren Publikum aus den ersten beiden Generationen der damals neuen islamischen Gemeinde als Übermittlerinnen und Bewahrerinnen der Hadithe über den Propheten Muhammad (saws) bekannt. In diesem Text sollen allerdings Frauen eine Rolle spielen, die dem Normalmuslim wenig sagen, die zudem aus einer Zeit stammen zu der sich islamische Gelehrsamkeit schon systematisert hatte, also nach dem ersten Jahrhundert Hijri/ islamischer Zeitrechnung. Dabei erfolgte die Auswahl nur nach meinem eigenen Interesse und ist nicht repräsentativ.

Die wohl bekannteste Gelehrte ist Shuhda bint Abi Nasr aus Baghdad. Sie starb fast hundertjährg im Jahre 1178 und wird oft als eine der besten Gelehrten ihrer Zeit bezeichnet. Sie lehrte Bukhari und andere Hadithwerke und hatte eine große Anzahl von Schülern und war unter den Namen “al-Katiba” (die Schreiberin) aufgrund ihrer Kalligrafiekünste und “Fakhr an-Nisa” (Ruhm der Frauen) bekannt. Sie war so berühmt, dass einige Zeitgenossen es sogar für nötig hielten eine Teilnahme an ihrem Unterricht zu erfinden. Sie ist ein Beispiel dafür, dass Frauen Kontakt zu einem weiteren Publikum hatten. Shaykha Shuhda wird bei Ibn Khallikan folgendermaßen beschrieben: „Shuhda gehörte zu der Art Gelehrter, die auch über eine sehr gute Handschrift verfügten. Viele Leute lernten von ihr (sam’ ‘alayha khalq kathir). Sie hatte deshalb eine große Anhängerschaft und ihr Publikum bestand aus Jungen und Alten. Sie wurde sehr bekannt und ihre Berühmtheit sprach sich weit herum.”

Eine weitere Hadithgelehrte ist ‘Aisha bint ‘Ali. Sie war eine hanbalitische Gelehrte aus Kairo die von 1359 bis 1436 lebte. Sie lernte zunächst von ihrem Großvater und erhielt später auch Lizenzen von anderen Gelehrten aus Syrien und Ägypten. Außer dem Quran studierte sie Kalligrafie, Geschichte, Sira, Poesie und Recht. Unter ihren Studenten waren Ibn Hajar al-Asqalani, der sie für ihre ausgezeichnete Schrift rühmte und al-Maqrizi, der sie für ihren Verstand, ihr Gedächtnis und ihren Intellekt hoch lobte.

Nafisa bint al-Hasan ibn Zayd ibn al-Hasan ibn Ali ibn Ali Talib ist ein Ur-Großenkelin des Propheten (saws) und lebte von 762 bis 824. Sie kannte den Quran auswendig und kannte sich auch im Kommentieren des Qurans (Tafsir) aus und war außerdem eine Authorität in rechtlichen Fragen. Sie wuchs in Medina auf und zog später, nach ihrer Eheschließung mit Ishaq ibn Ja’far, nach Fustat in Ägypten, dem heutigen Kairo. Sie hielt öffentlichen Unterricht, an dem auch Imam ash-Shafi’i, Dhu an-Nun al-Misri, Abu Bakr al-Adfawi und as-Samarqandi teilnahmen. In seinem letzten Willen soll ash-Shafi’i verfügt haben, dass seine Totenbahre auf dem Weg zum Friedhof an ihrem Haus innehielt.

Eine als Faqih bekannte Gelehrte war Umm Hani Maryam. Sie wurde in eine Gelehrtenfamilie aus Kairo hineingeboren und lebte von 1376 bis 1466. Sie studierte bei mindesten neun Lehrern in Mekka und Kairo und erhielt von mindestens zwölf anderen eine Ijaza. In ihrer Jugend lernte sie den Quran auswendig, studierte Kalam, Recht, Geschichte, Gammatik und den größten Teil der sechs Hadithsammlungen (besonders al-Bukhari). Sie hatte vier Söhne, von denen jeder sich in einer der vier Rechtschulen (madhhab) spezialisierte. Sie verwaltete außerdem erfolgreich selbstständig größere Stiftungsgrundstücke (waqf).

Fatima as-Samarqandiyya aus dem 12. Jahrhundert studierte mit ihrem Vater das hanafitische Recht und war als Muftiya bekannt. Rechtliche Entscheidungen, also Fatawa, wurden unter beiden Namen veröffentlicht. Sie heiratete einen Schüler ihres Vaters, der für eine Abhandlung über rechtliche Neuerungen bekannt war: ‘Ala ad-Din al-Kasani. Ungeachtet seiner Fähigkeiten korrigierte Fatima die Fehler in seinen rechtlichen Abhandlungen.

Über Fatima an-Nisaburiyya, die 849 starb, erfahren wir durch zeitgenössische Sufimeister, mit denen sie Austausch über religiöse Angelegenheiten pflegte. Dhu an-Nun al-Misri nannte sie eine “wahre Mystikerin” und “seine Lehrerin”. Abu Yazid Bistami sagt über sie: “In meinem ganzen Leben kannte ich nur eine wahre Frau: Fatima.” Er berichtet auch über seine Überraschung darüber, dass sie schon alle spirituellen Stationen des Sufi-Weges erfahren hatte, noch bevor er mit ihr darüber sprach. Sie lebte in der Nähe von Mekka und besuchte des öfteren Jerusalem. Sie starb während der kleinen Pilgerfahrt (’Umra).

Dies stellt nur eine sehr kleine Auswahl an bekannten Frauen aus dem Mittelalter dar, die sich in den religiösen Wissenschaften profilierten. Hinzukommt, dass Frauen auch in anderen „Berufszweigen“ einen so hohen Bekanntheitsgrad erreichten, dass sie in Geschichtswerken Erwähnung finden. Frauen waren Ärztinnen, Herrscherinnen, Dichterinnen, Sängerinnen, Geschäftsfrauen und so weiter und so fort. Das ist wiederrum ein anderer Vortrag.

4. Schlussfolgerungen

Neue historische Studien und deren Ergebnisse stellen also die Annahme in Frage, dass ausschließlich die Moderne für die wahre Befreiung der Frau verantwortlich ist. Das Gegensatzpaar Tradition/Rückständigkeit vs. Moderne/Fortschritt kann durch entsprechende Forschungsergebnisse korrigiert werden. Andererseits kann dies auch bedeuten, dass die Moderne in vielen Gesellschaften dieser Welt in einigen Bereichen sogar Rückschritte gebracht hat. Dies scheint in islamisch geprägten Gesellschaften für Frauen hauptsächlich im Bereich des Rechts so zu sein, aber dies ist ein anderes sehr interessantes Thema. Eine weitere Konsequenz ist die Aushebelung der Argumentation mancher als “anti-westlich” deklarierter Haltungen, die gegen eine Arbeitstätigkeit der Frau im öffentlichen Raum argumentieren. Diese Argumentation beruht vorrangig auf der Annahme, dass das Phänomen weiblicher Berufstätigkeit außerhalb des Hauses einem wie auch immer gearteten islamischen System völlig fremd sei und vom Westen im Zuge der Kolonialisierung neu importiert wurde. Wenn man sich solche Argumentationsweisen ansieht geht es jedoch meist nicht um die Frage nach der Berufstätigkeit einer Frau – schließlich wehren sich die wenigsten solcher Stimmen gegen Frauen in der Feldarbeit – sondern dreht sich im Kern um die Frage nach öffentlicher Autorität von Frauen (als Politikerinnen, Richterinnen, Muftis oder einfach nur als Vorsitzende eines Vereins usw.).

Trotzdem muss, bei aller Begeisterung für das Thema, bedacht werden, dass die bis heute ausgewerteten Quellen keinesfalls allseits die authentischen Lebensumstände von Frauen darstellen. Sie reflektieren jedoch zumindest bestimmte soziale und kulturelle Haltungen, die ihnen als Expertinnen in bestimmten Gebieten entgegengebracht wurden. Weibliche Gelehrte gehörten, genau wie ihre männlichen Kollegen, zumeist einer Elite von religiösen Gelehrten und Juristen an und kamen auch meistens aus derartigen Familien. Der jetzige Stand der Forschung erlaubt jedoch keinerlei Rückschlüsse auf eine Bezahlung der weiblichen Gelehrten. Die oben angeführten Beispiele zeigen, dass es Frauen gab, die anerkannte religiöse Autoritäten waren die auf der gleichen intellektuellen und fachlichen Ebene wie Männer agierten und mit ihnen interagierten. Dennoch kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Präsenz solcher hochausgebildeter Frauen in hohen offiziellen Ämtern fehlte. Die Existenz solcher Frauen war aber kein Problem im Sinne religiös-rechtlicher, sozialer und qualifikatorischer Akzeptanz.
Um aber einer Apologetik vorzubeugen – nach dem Motto: “Der Islam unterdrückt die Frauen nicht, legen wir also die Hände in den Schoß und verschließen die Augen vor realen Misständen!” – können wir alle uns fragen: warum wurden/werden Frauen oft von offiziellen Ämtern ausgeschlossen und warum stellt die Teilhabe an der offiziellen bzw. öffentlichen religiösen Sphäre und in führenden Positionen bis heute ein Problem dar?

5. Benutzte und weiterführende Literatur

Abou-Bakr, Omaima / as-Sa’di, Huda (2001): Awraq adh-Dhakira: al-Mar’a wa al-hayat ad-Diniyya fi al-’Usuur al-Wusa bayna al-Islam wal-Gharb. Nr. 2. Kairo: Multaqa al-Mar’a wa adh-Dhakira.

Abou-Bakr, Omaima (2003): Teaching the Words of the Prophet: Women instructors of the Hadith (Fourteenth and Fifteenth centuries). IN: HAWWA – Journal of women of the Middle East and the Islamic World. Jg.1, Nr. 3. Leiden: Brill. S. 306–328.

Bewley, Aisha (2004): Muslim Women – A biographical Dictionary. London: Ta-Ha Publishers.

Goldziher, Ignaz (1977): Women in the Hadith Literature. IN: Muslim Studies, Vol. Two, pp. 366-368. URL: http://www.crescentlife.com/thisthat/feminist%20muslims/women_in_hadith_literature.htm.

Kahhala, ‘Umar Rida (1991): A’lam an-Nisa’. 10. Auflage. Beirut: Mu’asassa ar-Rissala.

Lutfi, Hoda (1981): Al-Sakhawi’s Kitab al-Nisa’ as a Source for the Social and Economic History of Muslim Women during the fifteenth century a.d. In: The Muslim World, Ausgabe 21. S.104–124.

Mu’asassa al-Mar’a wa adh-Dhakira/ Women and Memory Forum (2000): Newsletter/ar-Rasa’il adh-Dhakira. Ausgabe 3. URL: http://www.wmf.org.eg/pdf/issue3.pdf.

Roded, Ruth (1994): Women in Islamic Biographical Collections – From Ibn Sa’d to Who’s Who. Boulder; London: Lynne Rienner Publishers.