Das Orienttheater

In einem früheren Beitrag hatte ich ja schon mal auf den Zusammenhang zwischen Fremdzuschreibungen und Eigenwahrnehmung bei Muslimen hingewiesen. Demnach ist die Eigenwahrnehmung fast schon diktiert durch die Zuschreibung, die von außen kommt. Das Denken unterliegt dadurch leider sehr starken Zwängen und Einschränkungen – der Tellerrand, über den man eigentlich hinausdenken sollte, erscheint in Diskussionen oft unerreichbar. Auf den Alltag runtergebrochen, kommt eine eine typische Unterhaltung unter Muslimen über z.B. Rechte und Freiheiten muslimischer Frauen nicht ohne Bezugnahme auf “westliche Vorurteile” aus, auch wenn diese von keinem der Gesprächspartner erwähnt wurden. Authentische und originelle Ansätze werden so im Keim erstickt. Darüber hinaus ist die thematische Auswahl dessen, womit sich der innerislamische Diskurs seit ungefähr einhundert Jahren intellektuell beschäftigt, beschränkt auf Themen, die der Zeitgeist bestimmt: Gewalt, nichtvorhandene Frauenrechte, Unvereinbarkeit mit Demokratie, Rückständigkeit, Aufklärungsfeindlichkeit usw.

In einer Sendung des Deutschlandfunks zum Thema Orientalismus findet Prof. Dr. Reinhard Schulze folgende Worte für dieses Dilemma:

Der Orientalismus beschreibt ja eigentlich nur für den Westen jetzt, wie der Orient ausgestaltet sei. Und das Interessante ist, dass sich die “Orientalen”, in Anführungsstrichen, also diejenigen, auf die sich diese Diskurse beziehen, nach dieser Redeweise ausrichten und sich auch so verhalten, wie der Orientalismus es eigentlich vorschreibt. Der ganze Orientalismusdiskurs ist eigentlich nicht nur ein Diskurs des Westens über den Orient, sondern ist quasi auch ein Diskurs beider Seiten über sich selbst. Man teilt die Rollen zu, die der eine und der andere zu spielen hat, einigt sich auf diese Rolle und spielt das ganze Orienttheater aus.