Kurz verlinkt: Kommentar zur Diskussion um Kalisch
Im Spiegel gibt es heute ein ausführliches Interview mit Michael Marx (Corpus Coranicum). Anlass ist die Diskussion um den Münsteraner Professor Kalisch, der mit seiner Einstellung zur Natur des Propheten Muhammad für Wirbel gesorgt hatte. Im Mittelpunkt steht dabei die Aussage es entspräche dem derzeitigen Forschungsstand innerhalb der Islamwissenschaft, begründete Zweifel an der Existenz des Propheten zu haben.
Ich verfolge diese Diskussion schon etwas länger, Kalisch ist ja auch nicht der einzige der Aussagen in der Art tätigt. Das Novum ist bei ihm nur, dass es sich hier um einen bekennenden Muslim handelt. Was mir bei diesen Behauptungen besonders aufstößt ist allerdings nicht der offensichtliche Widerspruch zu muslimischen Grundüberzeugungen. Was mich am meisten verwundert ist, dass diese Behauptung nur dann als Ergebnis einer Forschung postuliert werden könnte, wenn überhaupt eine Forschung stattgefunden hat. Eigentlich ganz simpel. Das ist aber innerhalb der Islamwissenschaft noch gar nicht in ausreichendem Ausmaß passiert.1 Das Projekt in Potsdam setzt an dieser Stelle an:
Wir am Corpus Coranicum versuchen, erst einmal Grundlagenforschung zu treiben, bevor man mit Supertheorien kommt.
Interessant ist, dass Michael Marx die mündlichen Aussagen Kalischs qualitativ auf dieselbe Stufe einordnet wie die Arbeiten Ohligs und sie als außer-wissenschaftlich empfindet – weil widersprüchlich und argumentativ lückenhaft.
Marx: Es gilt, vorsichtig zu sein. Für die Geschichte generell kann man keine naturwissenschaftlichen Beweise anführen. Wie wollen Sie die Existenz von Karl dem Großen beweisen? Wir können keine Experimente durchführen, wir müssen mit Evidenzen arbeiten. Und ein Evidenzstrang in dieser Frage ist der Koran. Hier ist die Evidenzlage so gut wie bei keiner anderen Religion. Wir kennen Koranhandschriften und islamische Inschriften schon ab 40 bis 50 Jahre nach dem Tode des Propheten. Der Koran wäre extrem erklärungsbedürftig, wenn man den Propheten rausrechnet. Ohlig behauptet, der Islam sei bis in die Ommajadenzeit, also bis ins 9. Jahrhundert, im Wesentlichen eine christliche Sekte gewesen. In dem Fall aber habe ich das massive Problem, dass der Text des Koran dazu nicht passt. Wieso ist dann die Christusfigur im Koran nicht zentraler? Abraham, Moses und Noah werden viel häufiger genannt.
Insgesamt kann ich nur empfehlen, das gesamte Interview zu lesen, da dadurch die wissenschaftlichen Dimensionen der Diskussion dem Außenseiter klarer werden.
Lexikon der Islam-Irrtümer – Alfred Hackensberger
Selten habe ich ein so merkwürdiges Buch gelesen. Auch Alfred Hackensberger hat sich vorgenommen, “Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse”1 in Bezug auf den Islam aufzuklären.
Das Buch ist so aufgebaut, dass man unter einem Schlagwort – z.B. Frauen – ein dazugehörendes Vorurteil oder Missverständnis findet – z.B. Die muslimische Frau ist ein unterdrücktes Wesen. Im darauffolgenden Absatz macht sich Alfred Hackensberger dann daran, seine Sichtweise der Dinge darzustellen. In dem von mir gegebenen Beispiel gelingt ihm das auch recht gut, wie ich finde. Der Autor weiß viel und unterschiedliches aus seiner eigenen Erfahrung als Dozent für Deutsch als Fremdsprache in Marokko und seiner Tätigkeit als Reporter im mittleren Osten zu berichten, so dass ihm oft ein wirklich informativer Einblick gelingt. Dies ist vor allen Dingen in politischen Betrachtungen der Fall. Sehr interessant sind für mich die Artikel zum Themenbereich “Konflikte im Nahen Osten” gewesen.
An manchen Stellen scheint es jedoch, dass dem Autor so gar kein wirkliches Vorurteil einfiel, der Autor aber trotzdem das Buch mit seinen Erfahrungen und Sichtweisen füllen mochte. So kommt dann ein Vorurteil wie “Muslime trinken keinen Alkohol, weil es ihnen der Koran verbietet” zustande. Dem folgt ein kurzer Artikel mit Berichten über Alkoholgeschäfte in Damaskus, Bierliebhaber in Marokko und das vermeintliche Fehlen eines Verbotes von Alkohol im Koran usw. Mir erschien dieser Artikel (und andere) eher wie ein Zeilenfüller, und ist zudem noch falsch. Denn es ist natürlich so, dass Muslime keinen Alkohol trinken, weil es “ihnen der Koran verbietet”.2 Der Fakt, dass sich nicht alle/oder auch nur wenige Muslime daran halten, beweist noch nicht das Gegenteil.
Etwas unseriös wirkt Hackensbergers Vorliebe für eine einseitige Darstellung der Thesen der “Luxenberger Schule” als die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. So findet man immer wieder Verweise auf Luxenberg selbst oder Ohlig in einigen der Lexikoneinträge, obwohl diese in Fachkreisen längt widerlegt sind bzw. dort aufgrund der mangelhaften Methodik oft nicht ernst genommen werden konnten. Dem Hackensberger scheinen sie aber einfach zu gefallen, und so findet man dann unter diversen Einträgen, besonders zum Thema “Koran”, Ausführungen und Interviews mit Luxenberg’schen Thesen. Für Hackensberger scheinen diese ein hoffnungvoller Weg zum historisch-kritischen Umgang mit dem Koran zu sein. Doch genau das sind sie nicht3, denn ein wirklich historisch-kritischer Ansatz setzt sich zunächst einmal systematisch mit den vorhandenen Quellen auseinander. Diese sind zahlreich und beinhalten natürlich auch die mündlichen Quellen (ja, auch diese sind schriftlich festgehalten). Ein lobenswertes Projekt, dass diesen Ansatz heute tatsächlich verfolgt ist das Corpus Coranicum in Potsdam. Mit den Quellen4 setzten sich Leute wie Luxenberg oder Ohlig allerdings nur selektiv auseinander – also wenn es die eigene zu beweisende Theorie unterstützt –, wenn sie es überhaupt tun.
Alles in allem habe ich das Buch ganz gerne gelesen, weil es in den genannten Bereichen (Frauenunterdrückung, Politik) wirklich erkenntnisfördernd sein kann. Jedoch glaube ich, dass Alfred Hackensberger durch seine eigene eingeschränkte Sicht in großen Teilen doch wieder nur alte und neue Vorurteile bestärkt.
Buchneuerscheinung: at-Tirmidhis “al-Shama’il Muhammadiyya”
Ich habe vor ein paar Tagen per Rundmail von einer interessanten Neuerscheinung erfahren. Es geht dabei um die Übersetzung der “Al-Schama’il al-Muhammadiyya” von Imam al-Tirmidhi. Bei dem Buch handelt es sich um das früheste seines Genres, denn diese Sammlung von Hadithen widmet sich speziell der Person des Propheten (saws), seinem Äußeren, Charakter, Verhalten usw. Hier kann man das Buch beim Warda Verlag bestellen.
Der Koran im Spiegel
Neulich kam in der jüdisch-muslimischen Mailinglist, in der auch ich Mitglied bin, die Frage auf, wie andere Mitglieder der Liste den Titelartikel der Spiegelausgabe vom 22.12.2007 “Der Koran – das mächtigste Buch der Welt” sehen. Ich habe mir den Artikel erst daraufhin angeschaut, da ich den Spiegel schon länger nicht mehr lese. An dieser Stelle veröffentliche ich meine Antwort in etwas abgewandelter Form.
Hallo,
ich habe mir den Artikel erst jetzt durchlesen können. Ich muss sagen, dass ich furchtbares erwartet habe, den Titel-Artikel zu stillen Islamisierung Deutschlands noch im Hinterkopf habend. Deshalb war ich erstmal erleichtert, einen eher flachen uninformativen aber nicht so reißerischen Artikel zu lesen. Mittlerweile frage ich mich allerdings ob das nicht viel schlimmer ist. Aber ich gehe mal auf einzelne Kritikpunkte ein, die ich habe, es könnte also etwas länger werden:
Die Reformer
Die Reformer, die in dem Artikel vorgestellt werden, sind oft keine. Abu Zayd ist der einzige unter ihnen, auf den diese Beschreibung zutreffen würde. Ich will mich an dieser Stelle nicht kritisch mit seinen Thesen auseinandersetzen, da es zu viel Raum einnehmen würde, dies seinem Werk gerecht werdend und angemessen zu tun. Ich kann dazu nur sagen, dass er sich tatsächlich mit innerislamischem Denken und Diskurs auseinandersetzt und seinen intellektuellen, gelehrten Beitrag dazu leistet. Allerdings vorrangig vor akademischen, nichtmuslimischen Publikum, soweit mir bekannt, was islamischer Reform von innen nicht unbedingt förderlich ist. Nun gut. Diesen Mann aber nun mit Salman Rushdie, Farag Foda oder auch Nahed Selim gleichzusetzen ist einfach nur lächerlich. Die beiden Schriftsteller Rushdie und Foda, sind/waren vielleicht Kritiker usw. aber bestimmt keine Reformer im Sinne eines aus innerem Interesse verfolgten Verbesserungsbestrebens der eigenes Glaubenspraxis und -vorstellungen. Nahed Selim hat, soweit ich weiß nichts weiter getan als ein Buch zu veröffentlichen, dass in der Forderung gipfelt, den Männern den Koran zu nehmen.1 Als würde das das Problem lösen. Und als würde es stimmen, dass (a) Frauen nie den Koran interpretiert hätten (vgl. für die Neuzeit Zaynab al-Ghazali oder wie ich meine auch Suad Salih, die Leiterin der Scharia Fakultät der Azhar, vgl. für die Vormoderne meinen Artikel zu weiblichen Gelehrten) und dass (b) Frauen aufgrund ihres Frauseins per se zu anderen, gerechteren oder sagen wir es gleich besseren Ergebnissen kommen bei ihrer Interpretation (siehe Beispiele aus der Neuzeit). Am Ende des Artikels wird dann auch noch Atatürk in die Reihe der Islamreformer gestellt.
Das alles wäre ja auch nicht weiter problematisch, wenn nur Abu Zayd und die anderen nicht als die Reformer schlechthin dargestellt würden. Ihnen gegenüber gibt es dann noch nur noch die “konservativen Gegner”, die natürlich nicht an Reform interessiert sein sollen. Diese Gegenüberstellung ist nicht nur stark vereinfachend, sie ist auch ganz schlicht falsch. Die muslimische Welt ist seit Jahrhunderten voll von selbsternannten und so bezeichneten Reformern. Die Bandbreite reicht von Abd al-Wahhab, über Afghani, Mohammed Abduh, Huda Sharawi, Hassan al-Banna, Sayyid Qutb, bis hin zu Leuten wie Tariq Ramadan, Amina Wadud, Asma Barlas.2 Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen mit Leuten, die so unterschiedliche Auffassungen über Islam, Reform und westliche Interessen vertreten, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Das so platt zu reduzieren auf ein “Hier die Guten, Da die Blöden” ist dumpf und fehlinformierend. Übrigens haben die “konservativen Gelehrten der Azhar”3 bestimmt kein Problem mit den Thesen Abu Zayds, weil sie etwas gegen eine zeitgemäße Interpretation des Korans hätten – das tun sie nämlich erklärtermaßen auch, nur anders – wie es in dem Artikel suggeriert wird. Das Problem mit Abu Zayds Thesen ist für die Gelehrten der Azhar (und nebenbei auch für wohl die meisten anderen Gelehrten und Muslime) wohl eher, dass Abu Zayd sagt, dass es sich bei dem Koran um das subjektive Offenbarungserlebnis Muhammads (saws) handelt und eben nicht um wörtliche Offenbarung Gottes an den Propheten, soweit ich ihn verstanden habe.
Der ganzen Artikel wimmelt nur so voller Klischees über “gute” und “schlechte” Muslime. Ein weiteres Klischee, welches auch immer wieder gerne herangezogen wird, um zu demonstrieren wie sehr man doch in der Lage ist zu differenzieren, ist das Sufitum. Das Sufitum ist dann immer der lockere Islam mit Gegenwartskompatibilität in diesen Zusammenhängen. Zitat Spiegel: ” In der islamischen Variante der Mystik, dem Sufismus, sieht Sorusch ein Potential für die Herausforderungen der Moderne; hier sei der Glaube stets auf der Suche, stets fragend, nie selbstsicher – ein Gegenpol zum autoritären Rechtsislam, wie ihn die Mullahs predigen”. Schon wieder kann man weiter von der Realitiät nicht entfernt sein. Das “Sufitum” ist gar nicht vom so genannten “Rechtsislam”4 trennbar. Verkörpert wird dies durch berühmte Gelehrte, die sowohl einem Sufiorden angehörten als auch hervorragende Rechtsgelehrte waren, z.B. damals (Imam an-Nawawi, al-Ghazali usw.) und heute (Ali Guma, Mufti von Ägypten, einer der Usul ul-Fiqh Gelehrten und “Sufi”).
Übersetzungen aus dem Koran
Mich haben die verwendeten Übersetzung aus dem Koran in dem Artikel stark verwundert. Ich weiß aber nicht um welche es sich dort handelt. Auffallend ist z. B. wie tendenziös die Spiegel Autoren selbst die Bedeutung des Korans auslegen. Auf Seite 20 wird der 2. Vers der 2. Sure so übersetzt: “Dies ist das Buch, an dem nicht zu zweifeln ist, geoffenbart als Rechtleitung für die Gottesfürchtigen.“ Die betreffende Stelle (la rayba fih – in ihm ist kein Zweifel) hat jedoch andere Nuancen (ich würde sogar sagen, dass die Übersetzung aus dem Spiegel irreführend ist). So wird unter dieser Stelle z.B. verstanden, dass in dieser Schrift nichts ist, was zum Zweifel ob ihres göttlichen Ursprungs anregt, oder, dass diese Schrift nicht zweifelhaft ist, oder dass diese Schrift zweifelsfrei eine Rechtleitung ist.5 Die Übersetzung im Spiegel legt allerdings nahe, dass es verboten sei zu zweifeln oder zu hinterfragen. Es handelt sich bei diesem Satz jedoch aber schon grammatikalisch nicht um ein Ge- oder Verbot sondern um die Feststellung einer Tatsache. Vergleiche auch die (grammatikalisch) gleichen Aussagen “la ilaha illah Allah – es gibt keine Gottheit außer Allah” oder “la ikraha fi ad-din – es gibt keinen Zwang im Glauben”. Ich vermute diese “Übersetzung” soll nur weiter den Eindruck beim Leser untermauern, dass “strenggläubige” Muslime schon religionspraktisch gesehen nicht zweifeln (sprich: nachdenken) dürften.
Koran Definitionen
Durch den ganzen Artikel hindurch ist mir nicht klargeworden was die Autoren unter “Koran” verstehen. Ich denke es ist ihnen selbst auch nicht klar. So ist in dem grünen Infokästchen auf Seite 20 davon die Rede, dass der Koran bis zum Tode des Propheten (saws) nicht als Gesamtwerk existierte. Dies stimmt natürlich nicht, da der Offenbarungsvorgang noch vor dem Ableben des Propheten beendet war, also vollständig war. Nach der traditionellen Darstellung kannte nicht nur Muhammad sondern auch viele seiner Anhänger den kompletten Koran. Er existierte also vollständnig zu seinem Tode. Was bis dahin nicht existierte, ist eine komplette schriftlich fixierte Sammlung aller offenbarten Verse. So eine schriftliche Sammlung nennt man Mushaf und nicht Koran. Das wird auch im arabischen Sprachgebrauch deutlich, der hier klar unterscheidet. Die Redaktion und Sammlung des Mushafs fand tatsächlich erst länger nach dem Tode des Propheten statt. Die verschiedenen Lesarten (richtiger Rezitationsarten), die auch im Artikel angesprochen werden, existieren tatsächlich, was sich manchmal auch im (mit der Zeit immer detaillierter gewordenen) Schriftbild niederschlagen kann. Durch den ganzen Artikel hindurch wird aber durch die nicht erfolgte Differenzierung zwischen Mushaf und Koran der Eindruck erweckt, dass der Koran (a) ein Buch ist, welches (b) teilweise erst nach dem Tod des Propheten entstand und welches (c) von den Muslimen in seiner Buchform (also einem Gegenstand) verehrt wird. Alles schlicht falsch.
Es gibt nicht eine mir bekannte Meinung irgendeines wie auch immer gearteten Theologen innerhalb des Islams, der, wie im Artikel behauptet, das Buch als Gegenstand an sich (Mushaf) mit dem Koran gleichsetzt in punkto “Heiligkeit”.6 Schon gar nicht handelt es sich bei diesem Buch um die Inkarnation (!!) Gottes7 wie auf Seite 23 mehrfach behauptet. Auch bei dem Koran – also dem offenbarten Wort, das rezitiert wird – handelt es sich nicht um eine Fleischwerdung Gottes. Eine Fleischwerdung8 oder Buchwerdung kann es nach islamischer Vorstellung über das Wesen Gottes auch gar nicht geben. Kein Muslim, egal welcher Couleur, glaubt so einen Humbug. Auch in Bezug auf die Kaaba (die nicht schwarz ist, auch kein Kubus ist, und immer mal wieder umgebaut wurde) wird im Artikel versucht Muslime als Verehrer von Gegenständen darzustellen. Ich musste an diesen Stellen unweigerlich lächeln, weil diese Vorstellungen so an den Haaren herbei gezogen wirken wenn man sich ein ganz kleines bisschen mit der Glaubenspraxis von Muslimen auskennt.
Die Autoren malen ein Bild vom Koran, wie es Extremisten tun. Als könnte man den Koran von vorne bis hinten lesen und alles wäre klar. So etwas wie eine historische Analyse des sukzessiven Alkoholverbots (Seite 26) – die schon den ersten Muslimen bekannt war, und die in jeder Einführung zum Koran zu finden ist – scheinen die Autoren nicht zu kennen, auch das Einbetten bestimmter Verse in den historischen Kontext – auch eine alte Methode –, wie bei den Versen zu bestimmten Schlachten zur Zeit des Propheten (Seite 26), scheint den Autoren nichts zu sagen. Stattdessen zeichnen sie ein Bild voller Widersprüche und “geheimnisvoller Stellen”.
Verfälschende o. tendenziöse Darstellungen
In dem Artikel ist mir auch die Darstellung der Offenbarungserlebnisse des Propheten übel aufgestoßen. Gut, jeder kann ja durchaus unterschiedlicher Meinung sein in Bezug auf die Glaubwürdigkeit des Propheten in Bezug auf seine Offenbarungserlebnisse und die Darstellung dieser Erlebnisse in den muslimischen Quellen, das steht ja jedem frei. Jedoch sind diese Quellen die einzigen, die wir haben und aus denen ist mir nichts von einer “Midlife-Crisis” (S.25), einem Tuch aus Brokat auf dem der erste Vers stand (S.25), einem Würgen bis fast zum Tode durch den Engel (S.25) bekannt. Vielmehr kenne ich nur die Version, die besagt, dass der Engel den Propheten heftig schüttelte, presste und ihn aufforderte zu rezitieren (nicht lesen), was der Prophet – völlig verstört durch dieses Erlebnis – mehrere Male ablehnte, bis er es dann endlich doch tat. Dies lässt mich natürlich fragen, wie die Autoren auf solcherlei Darstellungen kommen, denn irgendwelche Quellen müssen sie ja benutzt haben.
Andere Religionen im Koran
Auf Seite 25 ist die Rede davon, dass Juden und Christen im Koran für die “Verwässerung biblischer Gebote” gescholten werden und weil sie “laxe Gottesdiener” seien. Hier soll der Eindruck erweckt werden, dass Muslime die strengen, unflexiblen Religiösen wären, wohingegen alle anderen die lockeren, sprich modernen wären. Dies entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Die koranische Kritik an den Buchbesitzern (Juden, Sabäer und Christen) zur Zeit des Propheten ist vielmehr die Verfälschung bzw. das wissentliche Zuwiderhandeln der ihnen zuteil gewordenen Offenbarungen, und/oder die schlechte Behandlung und Nicht-Anerkennung nachfolgender Propheten, und/oder das sich an Gottes Stelle zum Bestimmer über Ge- und Verbotenes zu machen, teilweise sogar zum strengeren hin. Diese Kritik lässt sich übrigens auch problemlos als Warnung an die damaligen (und um vieles mehr die heutigen) Muslime verstehen. Interessant ist an dieser Stelle auch zu bemerken, dass es unter Muslimen die sehr populäre Auffassung gibt, Gott hätte es ihnen mit dem Islam leicht gemacht im Gegensatz zu anderen Glaubensgemeinschaften, auch in Bezug auf die islamische Glaubenspraxis und, dass Gott eben nicht von ihnen möchte, dass sie es sich durch eine besonders “strenge” Auslegung schwer machen.9
Ich will mal hier aufhören, aber meine Kritik an dem Artikel könnte ich problemlos fortsetzen (die völlig ahistorische Darstellung der mu’atzilitischen Position und “Herrschaftsphase” z.B.). Aber ich sehe, dass es schon lang genug geworden ist und bedanke mich bei denen, die es bis hierher geschafft haben. Würde mich mal interessieren, wie andere den Artikel aufgenommen haben.
Liebe Grüße und alles Gute, wassalam,
Kathrin
Frauen an der Kaaba 2
Die Pläne zur Verlegung des Frauenbereichs in der Nähe der Kaaba in einen weiter abgelegen Bereich kommen nun doch nicht zum Tragen. Dies hat ein offizieller Sprecher der saudischen Regierung heute mitgeteilt. Die Aufteilung im Mataaf (dem Vorhof der Kaaba) soll beibehalten werden, d.h. den Frauen ist der Platz am ehemaligen Eingang zur Zamzamquelle vorbehalten (auf dem Bild links, durch die schwarze Kleidung der Frauen leicht zu erkennen). Alhamdulillah kann ich dazu nur sagen. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack, denn dieser Bereich ist sehr klein und dadurch sehr schnell besetzt.
Des Weiteren ist die Rede davon, dass nun 53% der gesamten Fläche des Haram für Frauen reserviert sei. Und zwar auf den zwei oberen Ebenen des Haram. Bleibt abzuwarten wie das in die Praxis umgesetzt wird, ich hatte ja schon von den teilweise sehr unwirschen “Aufpassern” im Haram berichtet. In einem anderen Artikel wird darüber berichtet, wie meistens Frauen dazu angehalten werden bestimmte Bereiche zu verlassen, fertig zu beten etc.
Ein weiteres Problem, auf das in beiden Artikeln eingegangen wird, ist der erschwerte Zugang für Frauen zum Grab des Propheten (sallahu aleyhi wa sallam) in Medina. Man kommt für gewöhnlich nur in einen speziell abgegrenzten Teil (und das auch nur zu bestimmten Zeiten), von dem aus man auch gar nichts sehen kann, da alles mit Plastikwänden abgeschirmt ist. Dies ist für viele Frauen sehr traurig, da sie sich, genau wie die Männer, nichts sehnlicher wünschen dem Propheten (sas) so nah wie möglich zu kommen. Ich kann zwar noch nachvollziehen, dass man bei einem so großen Besucheraufkommen nach Geschlechtern trennt. Es kann zu einem großen Gedränge kommen und für den ein oder anderen unangenehm werden. Das muss jedoch nicht heißen, dass Frauen dann bestimmte Plätze (zumal einen so wichtigen) gar nicht mehr betreten dürfen. Man könnte ja einfach unterschiedliche Zeiten einrichten.
Ich verstehe einfach nicht, warum grade Frauen diejenigen sind, die unter der rigiden Geschlechtertrennung zu leiden haben. In der Argumentation heißt es immer, dass sie grade nur zum Schutze der Frau da sei….
Die Liebe zum Propheten Muhammad (saws)
Während meines Aufenthalts in Kairo habe ich zum ersten Mal die qasidat al-Burdah (Mantel-Ode) gehört. Dass sie mir so lange unbekannt war, ist eigentlich merkwürdig, da sie sich überall in der islamischen Welt seit mehr als 700 Jahren sehr großer Beliebtheit erfreut.
Dieses Gedicht geht zurück auf Scharafuddin al-Busiri, der im 13. Jahrhundert in Ägypten lebte. Er war eine Zeit lang halbseitig gelähmt und konnte deshalb nicht laufen. In einem Traum legte der Prophet Muhammad – Friede sei mit ihm – seinen Mantel über ihn und als er aufwacht konnte er wieder gehen. Vor lauter Freude und Dankbarkeit verfasst er dieses Gedicht, welches aus insgesamt zehn Teilen besteht. Interessierte können sich die Englische Übersetzung und das Arabische Original herunterladen.
Es gibt einige neuere Aufnahmen der Burdah von bekannten muslimischen Interpreten, so wie z.B. von Mesut Kurtis, Khalid Belrhouzi und Yusuf Islam (ehem. Cat Stevens) oder den marokkanischen Fez Singers. Am besten gefällt mir jedoch die wunderschöne Rezitation eines Imam Jilani aus England. Auf der von mir verlinkten Seite sind auch viele andere schöne Audiodateien zum Download bereitgestellt.
Interessant ist auch ein kleiner Artikel aus der Islamischen Zeitung, der die Hintergründe der Entstehung des Gedichts darstellt und auch ein sehr schönes Hörbeispiel zur Verfügung stellt.
