Norwegische Lokomotivführer legen Schweigeminuten für Gaza ein
Die Gewerkschaft der Lokomotivführer in Norwegen hat am Donnerstag, den 8. Januar, als Zeichen des Protestes gegen den Krieg in Gaza zwei Minuten den Bahnverkehr angehalten. Dies beinhaltete den Zugverkehr in ganz Norwegen und die U-Bahnlinien in Oslo. Folgende Informationen wurden den Reisenden mitgeteilt:
“Wegen der Situation im Gazastreifen hat sich die norwegische Gewerkschaft der Lokomotivführer dazu entschieden, ihre Solidarität mit dem palästinensischen Folk zu demonstrieren. Dies wird durch ein zusätzliches Anhalten in den Stationen für zwei Minuten realisiert. Alle Passagierzüge in Norwegen werden simultan den Betrieb einstellen. Wir verlangen den unverzüglichen Abzug israelischer Truppen aus dem palästinensischen Gebiet. Vielen Dank für ihr Verständnis.”
Hier findet man eine Stellungnahme zum Gazakrieg auf der online Präsenz der norwegischen Lokomotivführergewerkschaft. (Momentan nur per Google-Cache abrufbar)
Aldi, Lidl, Israel und die große Spendenaktion
Normalerweise kriege ich Massenmails mit irrsinnigen Betreffs (”Macht bei dieser Online-Umfrage mit!?!?!?!”, “Gehe nicht zu Demonstration weil das unislamisch ist!!!!!!!”, “SubhanAllah – Mekka Zentrum der Erde!?!?!??!!?!!!“) und offenen Mailadressen nur unterbewusst mit. Sie landen bei mir direkt im Papierkorb. In den letzten Tagen erreichen mich allerdings soviele SMS, Anrufe und Emails einem Boykottaufruf von Aldi und Lidl betreffend, dass ich mich genötigt sehe dazu jetzt mal was zu schreiben1 . Die Emails haben folgenden Inhalt:
Salam, Aldi und Lidl machen Spende für Israel. daher bitte nicht dort einkaufen,vor allem in der Zeit bis übernächsten Samstag,den 17.01.2009.
oder auch in Variation:
Den Freitag 9.1. 09 und den Samstag 10.1.09 alles bei LIDL und ALDI verkauft werden dieses Geld für Israelis schicken um die Israelis zu “Helfen Palästina zu zerstören” .
oder als SMS:
Am 10.01. nicht bei Aldi + Lidl einkauffen! Das Geld wird für Israel gespendet! Bitte weitersagen! Nachricht ist von einem Bruder, der bei Aldi als Filialleiter arbeitet!
Ich habe gleich mehrere Probleme mit diesen Nachrichten:
- Die Unlogik. Wenn ein Konzern etwas spenden möchte, dann tut er das ohnehin und nicht nur an bestimmten Tagen. Was soll mein Boykott an diesen Tagen also bringen?
- Die fehlenden Quellen. Wie kommen Muslime (die Absender sind bei mir ausschließlich Muslime, oder zumindest Leute mit arabisch oder türkisch klingenden Namen) darauf, solch offensichtlich abstrusen und dubiosen Behauptungen ohne vorherige Überprüfung weiterzuleiten? Auf Nachfrage kommt die Antwort: Ja, das haben soooo viele mir geschickt, dann muss es ja stimmen!. Oder: “Aldi gehört ja auch Juden2” .
- Hier habe ich dann gleich das nächste Problem, nämlich die misstrauische bis offen feindliche Haltung Juden in ihrer Gesamtheit gegenüber. Sie ist mir schon öfters begegnet, nur heißt das nicht, dass sie deswegen auch richtig ist. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass Menschen die irgendeiner Gruppe – Juden, Christen, Afrikaner, Atheisten usw. – angehören nicht alle gleich sein, denken oder handeln können. Trotzdem wird dieses Pauschalurteil immer wieder geäußert. Ironischerweise von Leuten, die sich selbst – oft zurecht – als Opfer eines rassistischen Vorurteils sehen und es wegen dieser Erfahrung besser wissen könnten/sollten.
Nun, wenn schon die eigene Vernunft einen nicht mehr aufhält, dann doch wenigstens – so meine stille Hoffnung – die Realität. Ein paar Muslime haben sich die Mühe gemacht, das Märchen zu überprüfen. Ich dokumentiere an dieser Stelle zwei Emails zum Thema, damit möglichst viele darauf aufmerksam werden, die sich erstmal im Netz informieren wollen, bevor sie sinnlose Emails weiterleiten oder unsinnigen Boykottaufrufen folgen.
Die erste ist von der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen:
Von: “Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen”
Datum: 9. Januar 2009 09:38:50 MEZ
Betreff: ACHTUNG: Falsche Meldungen zu Palästina/Israel mittels SMS und E-MailLiebe Freunde und Geschwister,
rael spenden” auch in Deutschland kursiert seit 07. Jänner die gleiche Nachricht.”
Dieser ist ein absoluter UNFUG und BLÖDSINN. Wir haben es auch inzwischen verifiziert, indem wir bei den Konzernen direkt nachfragten.
Unser Appell an alle die Nerven zu bewahren und KEINE wie immer unverifizierte Meldungen herum verteilen. Wir sollen gerade in dieser emotionalen Situation um Gaza nicht jede dubiose Meldung weiterleiten. So etwas würde auf uns schlecht zurückfallen.
Liebe Grüße und besten Dank
Für die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen:
Tarafa Baghajati
Liebe Grüße und besten Dank
Für die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen:
Tarafa Baghajati
_______
Initiative muslimischer ÖsterreicherInnenwww.islaminitiative.at
e-mail:dieinitiative@gmx.at
Die zweite Email habe ich von einem Muslim, den ich nicht persönlich kenne, weiter geleitet bekommen. Es ist die Antwort vom ALDI SÜD-Serviceteam zum Thema:
Datum: Fri, 09 Jan 2009 17:03:55 +0100
Von: mail@aldisued.de
Betreff: RE:Boykottaufruf [#394936]
An: xxxxx.xxxx@yahoo.deSehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für Ihre Email und die damit verbundene Anfrage.
Gerne teilen wir Ihnen mit, dass es sich bei der angeblichen Unterstützung von Israel um ein Gerücht handelt, das jeder Grundlage entbehrt.
Wir möchten Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es zu den Grundsätzen der Unternehmensgruppe ALDI SÜD gehört, sich nicht politisch oder religiös zu engagieren.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr ALDI SÜD-Serviceteam
Die ganze Aufregung geht meines Erachtens auf eine berechtigte Empörung über die aktuellen Verbrechen am palästinensischen Volk zurück. Es kann aber nicht sein, dass man daraufhin unvernünftig, irrational, unlogisch und zudem noch rassistisch wird. Wir ändern gar nichts an der Sache wenn wir die falschen Ursachen dafür verantwortlich machen – hier die Religion des Anderen – und unsere Zeit mit Quatsch verschwenden. Dieser Konflikt ist vor allen Dingen ein politischer – es geht um Land, Wahlen, und die Vertreibung eines Volkes durch ein anderes durch Massenmord und Deportation vertriebenes Volk. Muslime sollten sehen, dass sie nicht alleine sind in ihrer Ablehnung der israelischen Vorgehensweise in Gaza. Ich habe in meinem vorherigen Blogeintrag ja unterschiedliche Websites vorgestellt, die Informationen zur Geschichte des Konflikts zur Verfügung stellen und den politischen Widerstand und Friedensaktivismus verschiedener Gruppierungen (muslimisch, jüdisch, national oder säkular motivierter Natur) reflektieren – vor allen Dingen weil diese Seiten wirklich gut und umfassend informieren, aber auch, um zu zeigen, dass Protest selbst aus Israel kommt, also über religiöse und nationale Grenzen hinausgeht. Die Ohnmacht, die viele Menschen aufgrund dieser Situation empfinden ist real: wir werden den Konflikt nicht mit einem Zauberstab von heute auf morgen beenden. Aber es gibt Möglichkeiten, Leid zu lindern, indem man Zeit und Geld spendet; aufzuklären, indem man echte Informationen verbreitet und evtl. durch Übersetzungen zur Verfügung stellt und darüber diskutiert; sich zu engagieren bei den vielen Gruppierungen (Kulturvereine, manche Parteien, Friedensinitiativen) die das Thema Palästina auch in “ruhigen” Zeiten auf der Agenda haben oder sich an Politiker (auch die lokalen) wendet um das eigene Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen und ihre Unterstützung in irgendeiner Form zu gewinnen.
UPDATE:
Mittlerweile finden sich auf den Seiten von Aldi und Lidl schon Dementis. Mit Dank an Blog-Dunia.
Infolinks zu Gaza/Palästina
Electronic Intifada
Gegründet im Jahr 2001, informiert dieses Online Portal regelmäßig mit Hintergrundberichten, Medienanalysen, Augenzeugenberichten und Aktionen zu aktuellen Themen zu Palästina und Israel. Die Autoren sind Aktivisten, Akademiker und Nahostexperten.

v.l.n.r.: EI-Gründer Ali Abunimah, Nigel Parry, Arjan El Fassed, Laurie King-Irani.
Eine weitere Rubrik ist die der Satire. Dort findet man aktuell ein Telefongespräch mit einem IDF-Offizier. Noch während der Luftattacken wurden Flyer über Gaza abgeworfen, die die Bewohner dazu aufrufen, mit den israelischen Streitkräften zu kollaborieren und Verstecke von Terroristen Preis zu geben.
B’tselem
Das israelische Informationscenter für Menschenrechte in den besetzten Gebieten wurde 1989 von israelischen Akademikern, Anwälten, Journalisten und Knesset-Mitgliedern gegründet, um die israelische Öffentlichkeit und Politiker über die Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten zu informieren. Es stellt in der letzten Zeit vor allen Dingen sogenannte Testimonies online, die dokumentieren wer in den besetzten Gebieten zu welchem Zeitpunkt durch feindliche Angriffe ums Leben gekommen ist – dies beeinhaltet Opfer sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite. Weiterhin gibt es derzeit fast täglich Nachrichten aus dem Gazastreifen über Menschenrechtsverletzungen im Krieg.
Palestinian Blogs

Auf dieser Seite sammeln sich viele verschiedene Blogs die über Palästinarelevantes berichten. Aktuell eine gute Quelle für Live-Berichte.
Yohay Elams Blog
Dieser private Blog eines Israelis hat interessante Informationen und Videomaterial zu Demonstrationen in Tel Aviv gegen den Militäreinsatz Israels in Gaza.
Jewish Peace News
Jewish Peace News (JPN) ist ein Informationsservice, der Kommentare, Analysen und Benachrichtigungen zu Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Israel/Palästina-Konflikt zur Verfügung stellt. Ziel ist die Förderung eine gerechte Lösung für den Konflikt, ein Ende der Besatzung und kompletter Rückzug aus den palästinensischen Gebieten, sowie eine Lösung des Flüchtlingsproblems. Aktuell findet sich eine Zusammenstellung verschiedener Artikel zum Widerstand gegen den Krieg in Gaza auf dem Blog.
Raising Yousuf and Nour
Diesen Blog einer Mutter aus Gaza, gibt es schon recht lange. Laila El-Haddad ist Journalistin, lebt in den USA und schreibt regelmäßig Informatives zu den aktuellen Ereignissen aus ihrer persönlichen Perspektive.

Aktion von Jewish Voice for Peace zum Versand anti-muslimischer DVDs während des vergangenen Wahlkampfes in den USA.
Auf der Seite kann man sich auch über die grundlegenden Fragen des Konflikts informieren wie: Was ist eigentlich Basatzung?, Ist Israel die einzige Demokratie, umgeben von Diktaturen?, Wo ist die palästinensische Stimme für Frieden?
Update:
Auf der Seite InkforGaza kann sowohl Artikel auf Deutsch lesen als auch einreichen. Ein sehr lohnenswertes Projekt.
Schlechte Chancen für Frieden in Gaza?
Ein absolut hörenswerter Beitrag zum Krieg in Gaza kommt heute von den öffentlich-rechtlichen. In den Tagesthemen kommentiert Carsten Kühntopp aus Ammann die derzeitige Situation und beschreibt den Weg dahin:
[E]in kurzer Rückblick: Im Sommer war es in Südisrael so friedlich wie lange nicht. Doch die vereinbarte Öffnung von Gaza blieb aus. Anfang November begann Israels Armee dann, die Waffenruhe immer häufiger zu brechen und die Lage systematisch zu eskalieren. Deshalb hielt Hamas nicht mehr still, das Verhängnis nahm seinen Lauf.
Und die Forderungen, die auf beiden Seiten berechtigt sind:
Israel sagt, der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen müsse aufhören, ein für alle Mal. Das stimmt. Das völkerrechtlich verbriefte Recht auf Widerstand gegen eine Besatzungsmacht gibt Hamas nicht das Recht, israelische Zivilisten anzugreifen.
Hamas sagt, die Blockade des Gaza-Streifens müsse aufhören, ein für alle Mal. Auch das stimmt. Nicht nur jeder Israeli, auch jeder Palästinenser hat ein Recht auf Freizügigkeit, auf ein Leben in Freiheit und in Würde.
Die Aussichten auf Erfolg einer europäischen Vermittlung sieht Carsten Kühntopp pessimistisch:
Der Leiter der Delegation, der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg, scheint auf einem Auge blind zu sein. Am Sonntag sagte er, Hamas habe “angefangen” und trage “die Schuld”.
Schwarzenberg ignoriert legitime Hamas-Forderung.[…]Da Schwarzenberg nicht zur Kenntnis zu nehmen scheint, dass auch Hamas eine legitime Forderung hat – die Öffnung des Gaza-Streifens -, dürfte es kaum gelingen, einen wahren Durchbruch zu erreichen. Die Geschichte des Nahen Ostens hat unzählige israelisch-palästinensische Vereinbarungen gesehen, die stets das israelische Interesse höher hingen als das palästinensische. Gescheitert sind sie alle wegen genau dieses Grundfehlers.
Den ganzen Kommentar kann man mit einem Klick im MP3-Format anhören.
Berichtersttaung aus Gaza – Journalismus von der Front
Ich lese seit einiger Zeit den Blog des schweizer Journalisten Andre Marty. Heut gab es einen Eindruck, wie es ist, in einem Kriegsgebiet zu arbeiten: Stell dir vor es ist Krieg – und einer geht hin.
Bericht über die Situation im Gazastreifen
Über den DAVO-Newsletter kam heute ein gemeinsamer Lagebericht und Spendenaufruf von medico international e.V., Ärzte für Menschenrechte – Israel, Palestinian Medical Relief Society (Ramallah), Al-Mezan Center (Gaza) bei mir an. Ich möchte hier der Bitte um Bekanntmachung nachkommen. Den kompletten Bericht kann man hier ansehen:
Seit dem Beginn der israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen und bis zum Sonntag 16 Uhr sind 282 Tote, darunter 20 Kinder und 9 Frauen, und ca. 700 verwundete Personen (darunter 130 Kinder und 28 Frauen), von denen 100 schwerverletzt sind, wie von den Krankenhäusern in Gaza festgestellt werden musste
Das Gesundheitssystem kollabiert unter den derzeitigen Umständen: es gibt zu wenig Ärzte, Krankenhäuser und Medikamente. Lager für medizinische Hilfsmittel wurden am Sonntag bombardiert und somit zerstört. Zudem werden Patienten laut Bericht massiv bedroht:
Das israelische Militär bedroht Zivilisten
Viele Patienten haben die Ärzten für Menschenrechte – Israel in der letzten 24 Stunden telephonisch informiert, dass sie übernacht aufgezeichnete Drohungen per Telefon erhielten. Die erste aufgezeichnete Drohung forderte sie auf, ihre Häuser zu verlassen, da sie geplantermaßen bombardiert würden. Die zweite Drohung warnte davor, Militante zu unterstützen oder Waffen zu verstecken, da sie ansonsten bombardiert würden.
Spenden kann man an diese Bankverbindung oder direkt online überweisen:
Spendenkonto:
medico international
Frankfurter Sparkasse
Kontonummer 1800
BLZ 500 502 01
Stichwort: „Israel/Palästina“

