Nachrichten-Update zum Mord an Marwa el-Sherbini

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen den Täter Alexander W. wegen Mordes. Ermittler haben unterdessen seine Wohnung durchsucht und zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt, die derzeit ausgewertet werden. Der Prozess soll innerhalb kurzer Zeit anberaumt werden.

Nun wird auch das Verhalten des Polizisten auf strafrechtliche Relevanz überprüft, der versehentlich den zum Schutz eilenden Ehemann für den Täter hielt und auf sein Bein schoss.

Marwas Leichnam ist inzwischen freigegeben und wird wohl noch an diesem Wochenende nach Ägypten zur Beerdigung überführt werden.

Nachdem ägyptische Botschaftsangehörige zunächst keinen Zugang zum dreijährigen Sohn der Getöteten hatten, befindet er sich nun in der Obhut der Schwester des immer noch im Krankenhaus liegenden Ehemannes. Sie ist, so wie der Bruder der Toten, am Freitag aus Kairo angereist und wird das Kind mit nach Ägypten nehmen.

Die Schwester des Ehemanns kam am Nachmittag als Erste in Dresden an und fuhr unverzüglich ins Krankenhaus, um ihren Bruder zu besuchen. Begleitet wurde sie von vielen Freunden und Bekannten der Familie, unter anderem von Hamid el-Seyid, der ebenfalls aus Ägypten stammt und seit zwei Jahren in Dresden arbeitet. „Wir sind geschockt von der Tat. Die Verwandten können es nicht fassen“, sagt er. „Es leben nicht viele Ägypter in Dresden. Die meisten kennen sich und bei so einem Unglück hilft man sich natürlich.“ (Quelle: Sächsische Zeitung)

Die Ägyptische Botschaft in Berlin hat zwei Mitarbeiter nach Dresden abbestellt um sich um den Sohn, Ehemann und die Verwandten vor Ort zu kümmern. Außerdem kommuniziert die Ägyptische Botschaft Deutschland die Geschehnisse in die ägyptische (und somit die ganze arabischsprachige) Öffentlichkeit, die den Fall natürlich sehr besorgt betrachtet.

Nach und nach kommen immer mehr Einzelheiten zu den Hintergründen der Tat durch. So wohnten der Täter und die ägyptische Familie in derselben Straße, wie die Welt berichtet.

Ich werde an dieser Stelle immer mal wieder versuchen, neueste Erkenntnisse in dem Fall zusammenfassend zu kommentieren. Nur kurz noch ein paar Gedanken von mir zur Berichterstattung: Es wird immer wieder davon Gesprochen, dass es sich bei dem Täter um einen Einzeltäter und der Tat um eine Eizeltat handelt. Das ist offensichtlich, allerdings handelt es sich bei den Anfeindungen, gegen die Marwa sich gerichtlich zur Wehr setzte um Alltagserfahrungen muslimischer Frauen und Mädchen (mit Kopftuch). Immer wieder wird das Kopftuch als “Flagge des Islamismus” (O-Ton Alice Schwarzer) behauptet, oder das Kopftuch als “Symbol für Unterdrückung” (O-Ton Renate Schmidt, Ekin Deligöz, Wolfgang Thierse, und unzählig viele mehr) tituliert, immer über die Köpfe und Absichten muslimischer Frauen hinweg. All diese Aussagen kommen immer wieder von Menschen aus dem politischen und gesellschaftlichen Mainstream– nicht nur aus unserer allseits bekannten politisch inkorrekten Internetschmuddelkiste. Zudem wird diesen Aussagen immer und immer und immer wieder eine doch recht unkritische Medienplattform gegeben. Wie, um alles in der Welt, soll sich dies nicht in einem Feindbild “muslimische Frau mit Kopftuch” niederschlagen?

Quellen
MDR-Sachen-Online: Neue Erkenntnisse nach tödlicher Messerattacke
Sächsische Zeitung: Verwandte kümmern sich um Dresdner Opfer von Messerattacke
FR-Online: Mehr als Ausländerhass
Sächsische Zeitung: Mitgefühl für Opfer des Dresdner Landgericht-Attentats

Der erste Tafsir (Korankommentar) von einer Frau

Kariman Hamzah – eine ehemalige Fernsehmoderatorin aus Ägypten – hat einen Korankommentar geschrieben. In vielen Medienmeldungen wird dieser Tafsir als der erste, der von einer Frau geschrieben wurde, bezeichnet. Das stimmt so nicht, ich hatte ja vor ein paar Tagen schonmal das Thema gestreicht – mir sind mindesten zwei Frauen bekannt, die einen (in einem Fall kompletten) arabischen Korankommentar verfasst haben. Dies einmal abgesehen von den zahlreichen Interpretationen zu kleineren Abschnitten des Qurans in arabisch und vielen Sprachen, die von Fauen zu allen Zeiten unternommen wurden.

Kariman Hamza ist allerdings die erste Frau, dessen Tafsir mit dem Titel “Der deutliche Korankommentar für Kinder und Jugendliche”1 von der al-Azhar Universtät genehmigt wurde.

Mit Dank an Muslimah Media Watch.

Fußnoten
  1. al-Wadih fi Tafsir al-Quran li-ash-Shabab wa-ash-Shabiba []

Vom Suchen und Finden arabischsprachiger Literatur im Netz

Auf der Suche nach bestimmten Tafsiren im Original wird man in den Weiten des Internets recht gut fündig. Ein sehr gutes Instrument für die Suche ist der Suchdienst Yamli. Am besten man probiert es einfach mal aus. Der Vorteil hier ist, dass man für eine arabischsprachige Suche nicht immer mehr das Tastaturlayout wechseln muss. Man umschreibt den gesuchten Begriff einfach in lateinischen Buchstaben und Yamli gibt dann mehrere Varianten in Arabisch vor. Auf diese Weise habe ich recht schnell den Tafsir von Aisha Abd ar-Rahman alias Bint as-Shati gefunden.1 Meines Wissens ist dies einer der ganz wenigen Korankommentare auf arabisch, die von einer Frau verfasst wurden.2

Eine reiche Quelle (nicht nur) für arabische Bücher in elektronischer Form ist archive.org. Dieser Dienst archiviert nicht nur alle Internetseiten sondern auch lizenzfreie Texte. So bin ich hier bei meiner Such nach einer Reihe von Tafsiren fündig geworden: der bekannte moderne Tafsir von Ibn Ashur in 15 Bänden mit dem Titel “at-Tahrir wa-t-Tanwir”3, der Tafsir al-Manar von Muhammad Abduh4 oder aber der Tafsir von Jalal ad-Din as-Suyuti namens “ad-Durr al-manthur fi-t-tafsir bi-l-ma’thur” aus dem 15. Jahrhundert. Weiterhin findet man dort auch orientalistische Werke wie die “Geschichte des Qorans” von Theodor Nöldeke aus dem Jahre 1860 oder islamische Klassiker wie das berühmte Geschichtswerk Ibn Jarir at-Tabaris in persischer Sprache.

Fußnoten
  1. Er hat den Titel “Tafsir al-Bayani lil-Qur’an al-Karim”. []
  2. Vielleicht der einzige? Ein anderer Korankommentar, der immer mal wieder in der Literatur genannt wird, den ich aber bis jetzt nicht gefunden habe, ist der von Zaynab al-Ghazali. []
  3. Das könnte man mit “Befreiung und Erleuchtung” übersetzen. []
  4. Umstrittener Großmufti von Ägypten von 1899 bis 1905. []

Neue Internetseite muslimischer Frauen

Zusammen mit zwei anderen muslimischen Frauen arbeite ich schon seit einigen Monaten an einer neuen Webpräsenz . Zusammen mit Nina Mühe und Silvia Horsch haben wir jetzt die Seite Nafisa.de ins Leben gerufen auf der wir den Diskurs über muslimische Frauen kritisch betrachten wollen. Aus dem Klappentext:

Wir – das sind drei muslimische Frauen und Wissenschaftlerinnen – beschäftigen uns aus persönlichen und beruflichen Gründen intensiv mit den Themenbereichen “Frau”, “Geschlecht”, “Islam” in einer pluralistischen Gesellschaft. Mit nafisa wollen wir über unsere Arbeit, Ansichten und Ergebnisse informieren. Dabei verfolgen wir zwei Ziele: Erstens möchten wir uns am gesellschaftlichen Diskurs über den Islam und muslimische Frauen beteiligen. Schon oft haben wir uns an einseitigen Debatten und tendenziöser Berichterstattung zu einer Reihe von Themen gestört und wollen deshalb unsere Sicht der Dinge in die Diskussion bringen.

Wir hoffen damit auf Interesse zu stoßen!

Kurz verlinkt: Wie schön es ist, eine muslimische Frau zu sein…

Mohja Kahf hat einen sehr lesenswerten Artikel mit dem Titel “Spare Me the Sermon On Muslim Women” in der Washington Post verfasst.

Broschüre des Berliner Senats – “Mit Kopftuch außen vor?”

Broschüre der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung | Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales

Broschüre der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung | Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales

Ich habe vor ein paar Wochen von einer Neuerscheinung des Berliner Senats (Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung) erfahren und direkt bestellt. Es handelt sich dabei um eine kleine Broschüre mit dem Namen “Mit Kopftuch außen vor?“. Mit der Broschüre will die Landesstelle einerseits Erfahrungen muslimischer Frauen dokumentieren, mit denen sie aufgrund Kopftuch bedingter Diskriminierung in Kontakt getreten ist. Dabei stützt sich die Broschüre auf Einzelgespräche die in den Jahren zwischen 2005 bis 2007 in der Beratungsarbeit der Landesstelle geführt wurden und auf einzelne Befragungen und Studien zum Thema. Eine davon ist die Magisterarbeit von Canan Korucu – eine qualitative Studie anhand von Leitfadeninterview mit jungen Kopftuch tragenden Musliminnen. Andererseits werden am Schluss der Broschüre äußerst interessante Handlungsvorschläge formuliert, von denen man nur hoffen kann, dass sie auch in die Tat umgesetzt werden:

1. Breite, sich an alle gesellschaftliche Akteure richtende, Aufklärung zum AGG und zum Neutralitätsgesetz (d.h. auch zu dessen begrenztem Regelungsbereich), Öffentlichkeitsarbeit, Bewusstmachen von Ungleichbehandlungen.

2. Herausgabe eines Faltblatts zum Neutralitätsgesetz, das insbesondere die Wirtschaft über den Ausdehnungsbereich und die Grenzen des Gesetzes informiert. Erläuterung auch aktueller antidiskriminierungsrechtlicher Vorgaben (AGG).

3. Überprüfung des Neutralitätsgesetzes vor dem Hintergrund des AGG.

4. Rundschreiben an alle Schulen und Kitas zum Neutralitätsgesetz unter Berücksichtigung des AGG.

5. Spezifische Fortbildungsangebote für Pädagogen und Pädagoginnen, um sie in der Führung situationsangemessener Gespräche mit Schüler/innen und ggf. deren Eltern zu unterstützen.

6. In Kooperation mit den Moscheevereinen sollen Ansprechpersonen in Fällen von Diskriminierung benannt und zum AGG geschult werden.

7. Einbeziehung der für das Themenfeld relevanten Nicht-Regierungsorganisationen als Multiplikatoren und Experten in den Gesamtprozess

8. Hervorhebung positiver Vorbilder: Stimmen von Musliminnen in der öffentlichen Debatte mehr Gehör verschaffen.

8. Empowerment muslimischer Frauen, damit sie sich besser gegen Diskriminierungen zur Wehr setzen und ihre Rechte einfordern können und zur Verbesserung ihrer gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Partizipation. Meldung von Diskriminierungsfällen bei den Beratungsstellen zur Unterstützung und Bekanntmachung.

10. Gespräche mit Wirtschaftsvertretern und Wirtschaftsvertreterinnen zur Erhöhung von deren Akzeptanz gegenüber muslimischen Frauen im Arbeitsleben. Im Sinne des Diversity-Ansatzes ist dabei stärker auf das Qualifikationspotential hinzuweisen, das eine große Anzahl muslimischer Frauen mitbringt und das bei Ausgrenzung brach liegt.1

Die Broschüre kann man entweder hier herunterladen oder als Drucksache bestellen:

Die Broschüre “Mit Kopftuch außen vor?” kann über die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales per E-Mail broschuerenstelle@senias.berlin.de und telefonisch unter 030 9028 2848 bestellt werden.

Fußnoten
  1. Hervorhebungen von mir []

Frauen an der Kaaba

Manchmal kann man einfach nur wütend sein… wie zum Beispiel beim Lesen dieser Nachricht über die neuesten Pläne, Frauen aus dem inneren der Moschee um die Kaaba herum fernzuhalten.

Es ist für jeden Muslim, der die Hajj unternimmt, ein tiefes Bedürfnis, so nah wie nur irgend möglich an der Kaaba zu beten. Das ist aufgrund der Menge der Menschen, die sich während der Hajj Zeit dort aufhalten nicht immer möglich und man muss oft mit einem hinteren Platz Vorlieb nehmen.

Als ich vor zwei Jahren zur Hajj in Mekka war, lief es meistens so, dass die Plätze in der Nähe der Kaaba meisten schon eine Stunde vor dem jeweiligen Gebet besetzt waren. Jedoch umkreisen noch bis kurz vor dem Gebet viele Menschen die Kaaba (tawaf). Das bedeutet, dass jeder an dem Platz betet an dem er sich grade aufhält, wenn der Vorbeter das Gebet anfängt. Es ist zu wenig Zeit und Platz um extra einen anderen Platz zu suchen. So kann es dann passieren, dass Männer und Frauen nebeneinander beten. Durch die Massen an Menschen ist es in den letzten Jahren sehr eng geworden und man hatte deshalb einen Teil des Hofes um die Kaaba extra für Frauen reserviert. Dieser Platz befindet sich in der Nähe der Quelle Zamzam. Das war auch vor zwei Jahren noch so und ich fand die Regelung eigentlich sehr gut. Die Stelle hätte nur noch ein bisschen größer sein können. So konnte man noch Tawaf machen bis das Gebet anfing und dann den wunderschönen Anblick der Kaaba während des Gebets genießen, ohne von einem der lästigen Aufseher behelligt zu werden.

Wenn den Frauen dieser Anblick genommen wird, ist das mehr als eine absolute Unverschämtheit. Wenn es den Befürwortern einer solchen Maßnahme wirklich um die Sicherheit und den Komfort gehen würde, dann hätte man die Probleme, die durch die großen Massen an Pilgern verursacht werden, auch besser berücksichtigen können und müssen als man den Haram-Komplex vor ein paar Jahren so aufwendig renoviert hat.

Ein weiterer Punkt erscheint mir sehr widersprüchlich: Wie gesagt vollziehen hunderte von Pilgern bis zum Anfang des Gebets den Tawaf nahe der Kaaba. Das ist teilweise notwendig, da der Tawaf relativ zeitaufwendig ist und ein Pflichtteil der Hajj darstellt. Dies gilt selbstverständlich für beide Geschlechter, was bedeutet, dass sich immer auch Frauen unter den letzten befinden werden die noch ganz in der Nähe der Kaaba den Tawaf vollziehen. Das heißt aber auch, dass in der Nähe der Kaaba Frauen unter den Betenden sein werden. Wenn man wirklich Männer und Frauen für das Gebet trennen will, müsste man den Frauen ganz verbieten, auf dem Innenhof die Kaaba zu umkreisen. Und das ist meiner Meinung nach ein unmögliches Unterfangen.

Und was heißt überhaupt Sicherheit? Mir sind während meiner ganzen Zeit in der Kaaba keine schlimmen Dinge passiert. Im Gegenteil, es herrscht überwiegend eine sehr ruhige Atmosphäre unter den Pilgern. Und wenn jemand bei dem Gedrängel in der Nähe der Kaaba mal die Geduld verliert, dann sind sofort andere Pilger dabei, denjenigen mit sanften Worten zu beruhigen. Ich konnte beobachten wie rührend sich die Pilger umeinander kümmern. Männer beschützen ihre Ehefrauen vor zu großem Gedrängel mit ihre Armen, sehr alte Leute werden von ihren jüngeren Familienmitgliedern getragen oder im Rollstuhl gefahren. Ich hatte während der Hajj eine heftige Erkältung und war deshalb sehr geschwächt. Eine sehr alte Frau neben mir schien das bemerkt zu haben und griff an einer sehr dichten Stelle meine Hand und führte mich hindurch. Diese Barmherzigkeit werde ich nie vergessen.

Die einzigen, die dort wirklich manchmal stören, sind bestimmte Aufseher. Oft wird auf ziemlich rabiate Weise versucht, Dinge zu verhindern, die nach saudischer Islam-Aufassung einen Regelverstoß darstellen. So ist mir folgendes passiert: Ich war innerhalb einer Gruppe Frauen kurz vor Anfang des Gebets noch in der Nähe der Kaaba. Dies passiert wie schon erwähnt öfters, wenn man sich noch im Tawaf befindet. Wir blieben also zum Gebet stehen, als ein besonders unfreundlicher Aufseher uns wegschicken wollte. Wütend mit seinem Umhang fuchtelnd und schimpfend, ließ er uns nicht in Ruhe. Das Problem war aber, das wir niemals rechtzeitig einen anderen Platz gefunden hätten. Bis auf den letzten Zentimeter war alles weit und breit besetzt. Wir blieben also dort. Unsere männlichen Begleiter setzten sich vorbildlich für uns ein, so dass der Aufseher schließlich von dannen ziehen musste, als das Gebet begann.

Enstchuldigung, dass es ein wenig lang geworden ist heute, aber es musste mal gesagt werden.