Kopftuchverbot verletzt Menschenrechte…
Aufgrund von Zeitmangel hier nur ein Link zur Studie (basierend auf Gesprächen mit gut 30 verhinderten Lehrerinnen in Deutschland) von Human Rights Watch: Diskriminierung im Namen der Neutralität von Haleh Chahrokh.
Hier noch ein guter Kommentare zu dem Bericht “Kopftuchverbot für Lehrerinnen:
Glaube oder Beruf? Beides!” von Claudia Kirsch. (Überraschenderweise aus der Brigitte).
Broschüre des Berliner Senats – “Mit Kopftuch außen vor?”

Broschüre der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung | Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales
1. Breite, sich an alle gesellschaftliche Akteure richtende, Aufklärung zum AGG und zum Neutralitätsgesetz (d.h. auch zu dessen begrenztem Regelungsbereich), Öffentlichkeitsarbeit, Bewusstmachen von Ungleichbehandlungen.
2. Herausgabe eines Faltblatts zum Neutralitätsgesetz, das insbesondere die Wirtschaft über den Ausdehnungsbereich und die Grenzen des Gesetzes informiert. Erläuterung auch aktueller antidiskriminierungsrechtlicher Vorgaben (AGG).
3. Überprüfung des Neutralitätsgesetzes vor dem Hintergrund des AGG.
4. Rundschreiben an alle Schulen und Kitas zum Neutralitätsgesetz unter Berücksichtigung des AGG.
5. Spezifische Fortbildungsangebote für Pädagogen und Pädagoginnen, um sie in der Führung situationsangemessener Gespräche mit Schüler/innen und ggf. deren Eltern zu unterstützen.
6. In Kooperation mit den Moscheevereinen sollen Ansprechpersonen in Fällen von Diskriminierung benannt und zum AGG geschult werden.
7. Einbeziehung der für das Themenfeld relevanten Nicht-Regierungsorganisationen als Multiplikatoren und Experten in den Gesamtprozess
8. Hervorhebung positiver Vorbilder: Stimmen von Musliminnen in der öffentlichen Debatte mehr Gehör verschaffen.
8. Empowerment muslimischer Frauen, damit sie sich besser gegen Diskriminierungen zur Wehr setzen und ihre Rechte einfordern können und zur Verbesserung ihrer gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Partizipation. Meldung von Diskriminierungsfällen bei den Beratungsstellen zur Unterstützung und Bekanntmachung.
10. Gespräche mit Wirtschaftsvertretern und Wirtschaftsvertreterinnen zur Erhöhung von deren Akzeptanz gegenüber muslimischen Frauen im Arbeitsleben. Im Sinne des Diversity-Ansatzes ist dabei stärker auf das Qualifikationspotential hinzuweisen, das eine große Anzahl muslimischer Frauen mitbringt und das bei Ausgrenzung brach liegt.1
Die Broschüre kann man entweder hier herunterladen oder als Drucksache bestellen:
Die Broschüre “Mit Kopftuch außen vor?” kann über die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales per E-Mail broschuerenstelle@senias.berlin.de und telefonisch unter 030 9028 2848 bestellt werden.
Leserbrief zum Spiegelinterview mit Günter Wallraff
Günter Wallraff gab dem Spiegel am 1. Dezember ein Interview. Hier ein gelungener Leserbrief dazu von Irmgard Pinn:
Leserinnenbrief an den SPIEGEL
Sehr geehrte Damen und Herren
vor langer Zeit hat sich Günter Wallraff mit sozialkritischen Reportagen – vor allem als “Kumpel Ali” – auch unter muslimischen “Gastarbeitern” das Image eines Kämpfers für Gerechtigkeit und für ein auf gegenseitigem Respekt basierendes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft erworben. Dagegen offenbart er mit seinen gegenwärtigen Äusserungen und Aktivitäten eine gesellschaftspolitische Einstellung, welche von der eifernder Kulturkämpfer gegen eine “Islamisierung” Deutschlands/ Europas nicht weit entfernt ist, so z.B. mit der Behauptung, dass das Kopftuch (als Ausdruck einer islamisch geprägten Lebensweise) die freie Entwicklung und die Integration muslimischer Frauen und Mädchen in die deutsche Gesellschaft blockiert. Abgesehen davon, dass Wallraff – wie seine neuen Verbündeten vom “Zentralrat der Ex-Muslime”- religiös orientierte Musliminnen schlichtweg entmündigt, indem er ihre freie Entscheidung für eine Integration als Muslima mit Kopftuch nicht einmal hypothetisch in Erwägung zieht, fehlt seinen Behauptungen über die schädlichen Folgen des Kopftuchtragens für muslimische Schülerinnen jegliche empirische Fundierung.
Das Kopftuch an sich hindert kein Mädchen, keine Frau daran, Abitur zu machen, zu studieren, Lehrerin, Wissenschaftlerin, Journalistin, Rennfahrerin, Managerin oder was auch immer zu werden. Es hindert sie auch nicht daran, Sport zu treiben, zu reisen oder sich politisch zu engagieren. So steht es auch dem Schwimmenlernen oder der Teilnahme an Klassenfahrten nicht im Wege, wie sich hundertfach an Beispielen aus der Türkei, arabischen Ländern und selbst aus dem Iran belegen lässt. Wenn muslimische Mädchen und Frauen sozial und rechtlich benachteiligt werden, sei es in der Familie, sei es von Staats wegen, so hat das andere Gründe. Es wäre daher sehr zu begrüssen, wenn die selbsternannten Anwälte und Anwältinnen muslimischer Mädchen sich diesen Ursachen zuwenden würden, statt mit Polemiken und teilweise sogar grundgesetzwidrigen Forderungen (nach staatlichen Kleiderordnungen!) das in Deutschland ohnehin zunehmend islamfeindliche Klima weiter aufzuheizen. Und von den Medien erwarte ich, dass sie über kulturkämpferische Veranstaltungen wie die Kölner “Kritische Islamkonferenz” am 1. Dezember mit professioneller Kompetenz und Distanz berichten, statt den Protagonisten – wie hier im SPIEGEL – auch noch ein Forum für ihre haltlosen Behauptungen und Forderungen zu bieten.
Das gilt schliesslich in ganz besonderer Weise auch für Wallraffs Behauptung, muslimische Vereine und Verbände würden vom Staat wesentlich stärker finanziell gefördert als die säkularen Migrantenorganisationen – und als Beleg dafür das Gerede türkischer Aleviten anführt. Wann sonst hätte er, der bekannt ist für seine akribischen Recherchen, so etwas als beweiskräftig gelten lassen? Beim Thema “Islam” jedoch lässt er sich – nicht anders als Stammtischbrüder und rechte Populisten – bereitwillig von eigenen Vorurteilen und windigen Geschichten leiten, die ihm von “guten”, d.h. nach leitkulturellen Kriterien integrierten, laizistischen Migranten erzählt werden.
Die meisten Moscheegemeinden und islamischen Verbände möchten liebend gerne auf Unterstützung aus dem Ausland verzichten. Viele existieren bereits ausschliesslich von Spendengeldern ihrer Mitglieder, was allerdings angesichts der Sozialstruktur der muslimischen Community (viele Geringverdiener und Arbeitslose) einerseits und dem Fehlen von staatlich transferierten Steuereinnahmen und Zuschüssen andererseits sehr schwierig ist. Und während seitens der muslimischen Community und besonders aus der deutschen Gesellschaft immer mehr Anforderungen gestellt werden – Sozialarbeit, Integrationsförderung, Beteiligung am interkulturellen Dialog und Massnahmen der Kriminalitätsprävention etc. -, ist das, was islamische Vereine dafür aus öffentlichen Mitteln erhalten, gemessen am Gesamtvolumen nicht der Rede wert. Wo sind denn die vom Staat geförderten islamischen Kindergärten, Jugendclubs, Beratungsstellen, Akademien usw.? Möge Herr Wallraff doch einmal versuchen, für eine islamische Bildungsveranstaltung auch nur einen öffentlichen Zuschuss von tausend Euro aufzutreiben!
Mit freundlichen Grüssen
Irmgard Pinn
