Einführung in die Islamwissenschaft – Peter Heine

Diese Rezension ist eigentlich bei der IZ erschienen. Ich konnte sie dort allerdings nicht mehr online finden, deswegen stelle ich sie hier ein.

Anfang 2009 ist im Akademie Verlag eine Einführung in die Islamwissenschaft von dem renommierten Islamwissenschaftler Peter Heine erschienen. Das Buch soll eine Lücke füllen und Anfänger in ihrem Studium der Islamwissenschaft in Seminaren, Prüfungen und Studienarbeiten begleiten.

In 14 Kapiteln gibt der Autor einen möglichst umfassenden Überblick über Kernthemen, die in der Islamwissenschaft behandelt werden. Das Spektrum ist denkbar vielfältig: Von der Geschichte der Islamwissenschaft, über die obligatorischen Themenbereiche Koran und Sunna, bis zu Forschungen über die muslimische Stadt und moderne Jihad-Forschung wird der Autor dem breiten Themenspektrum des Faches gerecht. In jedem Kapitel wird zunächst ein Überblick über die Hauptdiskussionen im jeweiligen Themengebiet gegeben, die es innerhalb der Islamwissenschaft gegeben hat, dann wird meist ein Überblick über das Phänomen an sich (etwa die Entstehungsgeschichte des Korans oder die Geschichte des Islams in Deutschland) gegeben um dann in abschließenden Fragen dem Leser noch einmal die Möglichkeit zu geben, das Gelesene Revue passieren zu lassen.

Aufgrund der Masse an Themen, die abgedeckt werden, läuft das Buch oft Gefahr in oberflächliche Information abzugleiten und wichtige Information zu übergehen oder fehlerhaft darzustellen. So muss der Leser allerdings stellenweise davon ausgehen, dass mangelnde Kenntnisse muslimischer Glaubenspraxis oder des Korans verantwortlich für den einen oder anderen Lapsus sind. Nur so kann man sich erklären, dass die Befreiung Kranker vom Fasten im Ramadan als „außer Acht lassen“ koranischer Gebote zu betrachten sei, das lediglich auf Rechtskniffen (ungenannter) Rechtsgelehrter beruht. Dass sich diese Regelung aber direkt aus dem Koran ableitet (Sure 2: 185) – also selbst ein koranisches Gebot darstellt –, scheint hier untergegangen zu sein.

Auch zeigt sich durch das ganze Buch eine grundlegende Haltung islamischer Geistes- und Wissenschaftsgeschichte gegenüber, die man allzu häufig in den Orientwissenschaften wieder findet. So ist oft von „den Gelehrten“ die Rede, wenn es darum geht konkrete Debatten oder Positionen innerhalb der klassischen islamischen Wissenschaften nachzuzeichnen. Was ist daran problematisch? Ein komplette Welt wird dadurch verschleiert wenn von ominösen namenlosen „Gelehrten“ die Rede ist, wenn in Wirklichkeit bekannte Namen und konkrete Haltungen dahinter stehen. Es ist nicht zu hoch erwartet, angehenden Islamwissenschaftlern Namen und Gruppierungen zu benennen, mit denen sie im Laufe ihres Studiums ohnehin konfrontiert werden müssen. Zudem soll dieses Buch ja als Nachschlagewerk dienen, das den Studenten durch das Studium begleitet.

Besonderes Interesse weckt das Kapitel „Islam in Deutschland“, ist es doch lange kein Kernthema islamwissenschaftlichen Interesses gewesen. Das Kapitel informiert über die Geschichte des Islam in Deutschland, muslimische Organisationen und den derzeitigen Forschungsstand, der erwartungsgemäß recht mager ausfällt. Mit der Struktur und Entstehungsgeschichte muslimischer Verbände scheint der Autor nicht allzu vertraut zu sein – die Gründung des KRM kommt in der Darstellung nicht vor, der Islamrat scheint mit der DML verwechselt worden zu sein u.ä. Dem Autor ist es anzurechnen, die Debatte um eine Anerkennung muslimischer Organisationen als Religionsgemeinschaften/ Körperschaften des öffentlichen Rechts in einer solchen Veröffentlichung zu thematisieren. Die Zukunftsvisionen des Autors – sollte ein solche Anerkennung gelingen – scheinen aber realitätsfern. Peter Heine befürchtet wohl tatsächlich eine der beteiligten Organisationen habe sich vorgenommen, im Falle einer Anerkennung die Zakat durch die deutsche Finanzverwaltung einziehen zu lassen.

Trotz aller Kritik ist dieses Buch zu empfehlen, da es Debatten innerhalb der Islamwissenschaft kurz, knapp und lesbar nachzeichnet. Diese ermöglichen dem interessierten Leser, das breite Interessenspektrum und die Diskussionsviefalt dieses Faches zu erahnen. Weiterhin sind die Literaturempfehlungen am Ende eines jeden Kapitels manchmal hilfreich und meist auch anspruchsvoll – spiegel sie doch Haltungen und Ergebnisse der Islamwissenschaft, die es (leider) nicht immer in die Wahrnehmung der Mainstreammedien schaffen. Für das Studium kann dieses Buch sicherlich in manchen Gebieten als Ausgangspunkt weiterer Recherchen dienen.

Peter Heine, Einführung in die Islamwissenschaft, erschienen im Akademie Verlag. Preis: 19,80 Euro.

“Der Weg nach Mekka” im Kino

Ich bekomme seit Tagen Rundmails den Film über Muhammad Asad betreffend. Er ist ja jetzt auch in den deutschen Kinos angelaufen. In folgenden Kinos in Deutschland soll der Film laufen:

Ab dem 27.11.2008 läuft der Film in folgenden Städten und Kinos:
Berlin – babylon berlin:mitte
Berlin – fsk Kino
Köln – Filmpalette
Frankfurt – Mal seh’n Kino
Karlsruhe – Schauburg
München – Forumkinos
München – Neues Arena
München – Monopol (nur am 30.11.)
Nürnberg – Cinecitta

Ab dem 04.12.2008 in:
Dresden – Kino im Dach
Münster – Cinema
Hamburg – Abaton (nur am 6.12, 7.12., 13.12., 21.12.)

Der Weg nach Mekka

Der Weg nach Mekka, Regie: Georg Misch, Foto: Mischief Films

Der Weg nach Mekka, Regie: Georg Misch, Foto: Mischief Films

Dieses Jahr ist ein Dokumentarfilm über Muhammad Asad fertig gestellt worden. Ausgerechnet ein Regisseur aus seinem Heimatland Österreich hat einen Film über sein Leben hergestellt. Die Inhaltsbeschreibung hört sich recht interessant an:

Rede und Gegenrede sind Strukturprinzip des Films DER WEG NACH MEKKA – Die Reise des Muhammad Asad, welcher sich wohlfeilen Lösungen beharrlich verweigert. Der Film insistiert auf Widersprüchlichkeiten, was ihn auszeichnet. Die heutigen Kontakt- und Konfliktpunkte werden aus einem neuen Blickwinkel untersucht und gezeichnet. Berührend sind neben biographischen Einzelheiten, Textzitate, private Fotografien und Filmaufzeichnungen eingewebt, welche Lebenswelten verschiedenster Menschen sichtbar machen: Die einfacher, saudischer Beduinen, palästinensischer Flüchtlinge, Beratern Sharons, pakistanischer Asadianern und Wegbegleiter Asads.

Das autobiographische Buch “Der Weg nach Mekka” ist übrigens eines der am spannendsten und schönsten geschriebenen Zeugnisse eines deutschsprachigen Islam überhaupt. Leider findet man es nur noch sehr teuer im antiquarischen Buchhandel. Wenn man englisch liest, hat man es da ein wenig einfacher.

Geschichte des Islams in Deutschland

Ich bin heute erst auf eine gute Zusammenfassung der Geschichte des Islams in Deutschland aufmerksam geworden:

Geschichte des Islams in Deutschland von 1731/1732 bis 1945

Geschichte des Islams in Deutschland seit 1945

Artikel in der IZ zur Frankfurter Tagung – Teil 2

So nun komme ich endlich dazu, mich mit den Reaktionen zu meinem in der Islamischen Zeitung veröffentlichten Artikel zu beschäftigen. Mich erreichten diese teils per Mail, teils als Kommentar unter dem Artikel selber. Es gibt auch eine Anmerkung zu meinem Artikel von Wolf Ahmed Aries in der Islamischen Zeitung, die mittlerweile auch ohne Online-Abo einsehbar ist. Ich will versuchen, thematisch auf die geäußerte Kritik einzugehen. Mal sehen ob es mir gelingt.

Was die Organisation auf der Tagung anging will ich mich nicht weiter auslassen, da bereits alles gesagt wurde und es über das Inhaltliche weit mehr zu sagen gibt.

Wissenschaftlicher Anspruch muss sich dementsprechend messen lassen

Den Anmerkungen Ahmad Aries entnehme ich, dass Kritik an den auf dem Symposium formulierten Thesen lediglich ein Hinweis auf die mangelnde Diskussionskultur bzw. unbegründete Skepsis innerhalb der muslimischen Minderheit in Deutschland sei. Mal davon abgesehen, dass unter Muslimen tatsächlich eine große Skepsis gegenüber allem Staatlichen herrscht und sehr oft auch undifferenziert diskutiert wird, so ist dies natürlich überhaupt kein Maßstab an dem sich eine These messen muss, die in einem wissenschaftlichen Kontext formuliert wird. Wenn ich also eine Behauptung in den Raum stelle, so ist es erst einmal irrelevant wie dies innerhalb der muslimischen (oder sonstigen) Community aufgenommen wird. Relevant ist ob diese Behauptung einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält.

Es kursieren ja immer mal wieder die unterschiedlichsten Behauptungen in Bezug auf den Koran oder die Person des Propheten (saws). Behaupte ich nun etwa der Prophet Muhammad (saws) habe nicht existiert, der Koran sei ein Produkt späterer Zeiten, gegenwärtig nicht vollständig oder beruhe auf einer ursprünglich aramäischen Lesart so ist daran zunächst einmal nichts auszusetzen, wenn ich mich einer Überprüfung und aufkommenden Fragen fachmännisch stelle. Ich sollte also in der Lage sein, Begründungen oder besser noch Beweise für meine Annahme vorzulegen und außerdem schlüssig darlegen zu können, warum Belege, die die das Gegenteil meiner Behauptung nahelegen, in diesem Fall nicht hinzu gezogen wurden oder gleich gar keine Gültigkeit besitzen.

Der Mutawatir1 Charakter des Qurans und einiger Ahadith wurde in den Anfangszeiten und bis heute immer mal wieder diskutiert. Aus diesem Grund hat man sich ja auch schon früh mit der Glaubwürdigkeit und der Anzahl der Überlieferer auseinandergesetzt. Wie gesagt, es gibt eine eigene Gattung in der Wissenschaft, die sich nur mit den Biographien und der Bewertung von Überlieferern befasst (30.000 Biographien). Es ist also nicht so, dass hier Behauptung (“Der Koran ist nicht vollständig/falsch/später überliefert”) gegen Behauptung (“Der Koran ist so überliefert wie er offenbart wurde”) stehen würde. Ersteres bleibt so lange nichts weiter als eine haltlose Behauptung bis es sich a) gründlich mit den Belegen für zweiteres auseinandergesetzt hat und b) eigene stichhaltige Belege hervorgebracht hat. All dies habe ich bis jetzt von niemandem gesehen, weder ist dies auf dem Symposium passiert, noch habe ich dies in Veröffentlichungen von Vertretern dieser Behauptungen vorfinden können. Es blieb bis heute bei Behauptungen.

Es zeugt meines Erachtens auch von einer gewissen Uninformiertheit in Bezug auf islamische Wissenschaftsgeschichte, wenn man behauptet, bis heute wären sich Muslime (wie gesagt innerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung) der eigenen Relativität nicht bewusst gewesen. Über Relativität der eigene Aussagen waren sich Gelehrte im Islam schon seit langem klar, siehe die Voraussetzungen für Ijtihad Meinungen (Fatawa), die nur auf Zann-Belegen2 beruhen können und genau deshalb nur für den einzelnen Mujtahid selbst verbindlich waren/sind und niemals für den Rest der Menschen. Fatawa gründen sich entweder auf komplett beleglosen Verstandesanstrengungen eines Gelehrten oder auf einen Beleg, der der Bedeutung und/oder der Überlieferung nach zanni (also mehrdeutig) ist. Andere Belege sind wiederum eindeutig, auch hier wieder der Bedeutung und/oder der Überlieferung nach und erzwingen aus diesem Grund eben nur eine einzige Bedeutung. Dies ist so im Aqidabereich, der nicht diesen Namen trägt, weil man bestimmte Dogmen einfach so festgesetzt hat, wie man sie grade persönlich für richtig hielt. Er trägt diesen Namen weil – als Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Quran und seiner Entstehung – es sich hier um eindeutige Belege der Überlieferung nach3 handelt und der Bedeutung nach (was ja nun wirklich nicht bei allen Koranversen der Fall ist). Jemand der diese Prinzipien leugnet, widerspricht – nach klassischer Auffassung – also als allererstes der Vernunft und nicht irgendeinem widersinnigen Gebot.

Noch ein Wort zur Konstellation auf dem Symposium. Gemessen an der Gesamtheit der Redner auf dem Symposium kam der Ankaraner Schule, wie Serdar in seinem Kommentar beschreibt, tatsächlich nur ein geringer Anteil zu. Wenn jedoch Vertreter “anderer” muslimischer Theologien völlig fehlen, sich Kritische Stimmen auch nur wieder auf die Ankaraner Schule beziehen, dann muss man sich die Kritik der Einseitigkeit gefallen lassen.

Politische Dimensionen der Lehrer- und Imamausbildung in Deutschland

Eine vom Symposium unabhängige andere Frage ist natürlich nun, welche Akzeptanz solche Positionen unter Muslimen in Deutschland finden werden und inwieweit der Durchschnittsmuslim mit der Religionslehrer-, Theologen- und Imamausbildung “einverstanden” sein muss, bzw. inwieweit diese Ausbildung auch den Mainstream an Überzeugungen in sich beinhalten und selber auch vertreten sollte. Ich persönlich bin der Meinung, dass – unabhängig von irgendeiner wie auch immer gearteten Traditionalität oder Progressivität – es wenig Sinn macht Lehrstühle mit Exoten zu besetzen, die dann wiederum aufgrund dieser Eigenschaft auf Ablehnung stoßen. Ich denke übrigens nicht, dass dies seitens der Politik beabsichtigt ist (Stichwort “Verschwörung”), sondern einfach nur ein Ergebnis der schlechten Zusammenarbeit zwischen Politik und muslimischen Vertretern ist.

Schlusswort

Anschließend will ich noch auf Serdars geäußerten Wunsch nach gegenseitiger Toleranz eingehen. Ich empfinde die mangelnde Diskussionkultur in Bezug auf Differenzen unter Muslimen auch als unerträglich. Ich denke allerdings nicht, dass es in diesem Fall wirklich um Toleranz der “Traditionalisten” gegenüber den “Progressiven”4 geht, sondern darum, ob eine Behauptung auch unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Methoden aufrechterhalten werden kann bzw. ob sie sich überhaupt diese Mühe macht. Dabei geht es nicht um Bekenntnisse zu irgendeiner Art von Glauben, sondern ganz einfach um methodische Korrektheit im Umgang mit Texten.

Zudem wird diese Forderung nach Toleranz oft missbraucht, um gar nicht erst auf sich aufwerfende Fragen eingehen zu müssen und vor allen Dingen von der eigenen Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen abzulenken. Ich weiß, dass Serdar das nicht so gemeint hat, sondern auf tatsächliche Erfahrungen anspielt, möchte aber dennoch darauf hinweisen.

Fußnoten
  1. Mit Mutawatir wird eine Überlieferung bezeichnet, die in jeder Tradentengeneration eine bestimmte, hohe Anzahl an Tradenten aufweist – in diesem Fall unabhängig davon ob es um die Überlieferung einer Aussage des Propheten, eines Verses des Qurans oder irgendeines anderen zurückliegenden Ereignisses geht. So wird eine Falschaussage ausgeschlossen. []
  2. also welchen die nach der Überlieferung und/oder Bedeutung mehrdeutig sind []
  3. Der Quran, so hat man festgestellt, ist in seiner Gesamtheit der Überlieferung nach mutawatir, also ein qati Beleg. []
  4. Im Prinzip lehne ich diese Bezeichnungen ab, da sie die Diskussion um die Inhalte verwässern und eine Bewertung beinhalten. []