Programmänderung bei Anne Will – Gaza kein Thema
Am 11. Januar 2009, also heute, sollte der aktuelle Krieg in Gaza das Thema der Anne-Will-Sendung sein. Dazu waren Joschka Fischer, Avi Primor, Daniel Barenboim und die palästinensische Professorin Sumaya Farhat-Naser eingeladen. Nun gab es eine kurzfristige Programmänderung und es geht um das Thema “Freitod”. In diesem Zusammenhang dokumentiere ich einen Brief an die Redaktion (http://daserste.ndr.de/annewill/) von Irmgard Pinn:
Sehr geehrte Redaktion,
Änderungen des Fernsehprogramms aufgrund aktueller Ereignisse kommen nicht selten vor. Dagegen kann ich mich nicht erinnern, dass jemals ein Thema von höchster politischer Relevanz und Brisanz zugunsten einer zeitlosen Frage wie “Tabu Freitod” abgesetzt wurde. Oder sollte die Redaktion von “Anne Will” tatsächlich den Selbstmord eines deutschen Unternehmers für wichtiger, interessanter und damit diskussionswürdiger halten als die fortdauernde Bombardierung Gazas?Meine Erwartung, dazu auf der Homepage der Sendung eine Antwort zu finden, wurde leider enttäuscht. Allerdings entnehme ich dem Zuschauer-Blog, dass ich wohl nicht die erste und einzige bin, die sich über die Gründe des Themenwechsels Gedanken macht. Ich vermute jedenfalls, dass es sich bei den Postings, die als “nicht zum Thema gehörend” (Freitod) gelöscht wurden, um solche Nachfragen gehandelt hat. Glauben Sie wirklich, im Zeitalter des Internets auf diese Weise unbequeme Fragen abblocken zu können? Abgesehen von Grundprinzipien der Medien-Transparenz und Pressefreiheit, der sich gerade eine Sendung wie “Anne Will” doch wohl verpflichtet fühlt.
Ich nehme an, dass der Krieg in Gaza auch am kommenden Sonntag weiterhin aktuell sein wird und hoffe, dass Sie dann nicht wiederum auf ein “unverfängliches” Thema ausweichen. Als Schwerpunkt der Diskussion schlage ich Ihnen die Frage nach dem Umgang der deutschen Medien mit dem israelischen Überfall auf Gaza vor, der in vielen Bereichen eine Wahrung der Prinzipien von professioneller Recherche und kritischer Berichterstattung – nicht zuletzt mit Blick auf die deutsche Regierung und die Bekenntnisse zu einer unbedingten Solidarität mit Israel – schmerzlich vermissen läßt. Geeignete Diskussionsteilnehmerinnen aus Politik und Wissenschaften kann ich Ihnen dazu bei Bedarf gerne nennen.
(gleicher Text ging an den Zuschauer-Blog)
Update:
Der Evangelische Pressedienst meldet zum Thema:
Evangelisches Forum kritisiert Absetzung TV-Debatte zu Nahostkrieg
Der Vorsitzende des Evangelischen Forums Westfalen, Manfred Keller, hat die Absetzung der Debatte über den Krieg in Gaza in der TV-Talksendung “Anne Will” kritisiert.Der Vorsitzende des Evangelischen Forums Westfalen, Manfred Keller, hat die Absetzung der Debatte über den Krieg in Gaza in der TV-Talksendung “Anne Will” kritisiert. Die für Sonntagabend vorgesehene Diskussion in der ARD-Sendung wäre angesichts des aktuellen Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern und der unerträglichen Situation der Menschen in Gaza wichtig gewesen, erklärte Keller am Sonntag in Bochum. Weiterlesen…
Leserbrief zum Spiegelinterview mit Günter Wallraff
Günter Wallraff gab dem Spiegel am 1. Dezember ein Interview. Hier ein gelungener Leserbrief dazu von Irmgard Pinn:
Leserinnenbrief an den SPIEGEL
Sehr geehrte Damen und Herren
vor langer Zeit hat sich Günter Wallraff mit sozialkritischen Reportagen – vor allem als “Kumpel Ali” – auch unter muslimischen “Gastarbeitern” das Image eines Kämpfers für Gerechtigkeit und für ein auf gegenseitigem Respekt basierendes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft erworben. Dagegen offenbart er mit seinen gegenwärtigen Äusserungen und Aktivitäten eine gesellschaftspolitische Einstellung, welche von der eifernder Kulturkämpfer gegen eine “Islamisierung” Deutschlands/ Europas nicht weit entfernt ist, so z.B. mit der Behauptung, dass das Kopftuch (als Ausdruck einer islamisch geprägten Lebensweise) die freie Entwicklung und die Integration muslimischer Frauen und Mädchen in die deutsche Gesellschaft blockiert. Abgesehen davon, dass Wallraff – wie seine neuen Verbündeten vom “Zentralrat der Ex-Muslime”- religiös orientierte Musliminnen schlichtweg entmündigt, indem er ihre freie Entscheidung für eine Integration als Muslima mit Kopftuch nicht einmal hypothetisch in Erwägung zieht, fehlt seinen Behauptungen über die schädlichen Folgen des Kopftuchtragens für muslimische Schülerinnen jegliche empirische Fundierung.
Das Kopftuch an sich hindert kein Mädchen, keine Frau daran, Abitur zu machen, zu studieren, Lehrerin, Wissenschaftlerin, Journalistin, Rennfahrerin, Managerin oder was auch immer zu werden. Es hindert sie auch nicht daran, Sport zu treiben, zu reisen oder sich politisch zu engagieren. So steht es auch dem Schwimmenlernen oder der Teilnahme an Klassenfahrten nicht im Wege, wie sich hundertfach an Beispielen aus der Türkei, arabischen Ländern und selbst aus dem Iran belegen lässt. Wenn muslimische Mädchen und Frauen sozial und rechtlich benachteiligt werden, sei es in der Familie, sei es von Staats wegen, so hat das andere Gründe. Es wäre daher sehr zu begrüssen, wenn die selbsternannten Anwälte und Anwältinnen muslimischer Mädchen sich diesen Ursachen zuwenden würden, statt mit Polemiken und teilweise sogar grundgesetzwidrigen Forderungen (nach staatlichen Kleiderordnungen!) das in Deutschland ohnehin zunehmend islamfeindliche Klima weiter aufzuheizen. Und von den Medien erwarte ich, dass sie über kulturkämpferische Veranstaltungen wie die Kölner “Kritische Islamkonferenz” am 1. Dezember mit professioneller Kompetenz und Distanz berichten, statt den Protagonisten – wie hier im SPIEGEL – auch noch ein Forum für ihre haltlosen Behauptungen und Forderungen zu bieten.
Das gilt schliesslich in ganz besonderer Weise auch für Wallraffs Behauptung, muslimische Vereine und Verbände würden vom Staat wesentlich stärker finanziell gefördert als die säkularen Migrantenorganisationen – und als Beleg dafür das Gerede türkischer Aleviten anführt. Wann sonst hätte er, der bekannt ist für seine akribischen Recherchen, so etwas als beweiskräftig gelten lassen? Beim Thema “Islam” jedoch lässt er sich – nicht anders als Stammtischbrüder und rechte Populisten – bereitwillig von eigenen Vorurteilen und windigen Geschichten leiten, die ihm von “guten”, d.h. nach leitkulturellen Kriterien integrierten, laizistischen Migranten erzählt werden.
Die meisten Moscheegemeinden und islamischen Verbände möchten liebend gerne auf Unterstützung aus dem Ausland verzichten. Viele existieren bereits ausschliesslich von Spendengeldern ihrer Mitglieder, was allerdings angesichts der Sozialstruktur der muslimischen Community (viele Geringverdiener und Arbeitslose) einerseits und dem Fehlen von staatlich transferierten Steuereinnahmen und Zuschüssen andererseits sehr schwierig ist. Und während seitens der muslimischen Community und besonders aus der deutschen Gesellschaft immer mehr Anforderungen gestellt werden – Sozialarbeit, Integrationsförderung, Beteiligung am interkulturellen Dialog und Massnahmen der Kriminalitätsprävention etc. -, ist das, was islamische Vereine dafür aus öffentlichen Mitteln erhalten, gemessen am Gesamtvolumen nicht der Rede wert. Wo sind denn die vom Staat geförderten islamischen Kindergärten, Jugendclubs, Beratungsstellen, Akademien usw.? Möge Herr Wallraff doch einmal versuchen, für eine islamische Bildungsveranstaltung auch nur einen öffentlichen Zuschuss von tausend Euro aufzutreiben!
Mit freundlichen Grüssen
Irmgard Pinn
Das Bild der muslimischen Frau
Wer sich näher mit der Wahrnehmung der muslimischen Frau auseinandersetzen möchte, dem kann ich folgende Literaturempfehlungen ans Herz legen, die sich dem Thema wissenschaftlich annähern:
Mohja Kahf – Western Representations of the Muslim Woman: From Termagant to Odalisque
Irmgard Pinn – EuroPhantasien. Die islamische Frau aus westlicher Sicht
