Der west-östliche Diwan
Goethe hat sich auf die ihm eigene Art mit dem Islam beschäftigt: neugierig, bejahend und selbstbewusst. “Freisinn” und “Talismane” sind zwei Gedichte aus dem west-östlichen Diwan, dem Produkt aus Goethe’s Beschäftigung mit dem persischen Dichter Hafis. Es ist unglaublich mit welch einer Begeisterung und Intensität Goethe sich in dieses (und viele andere) Thema gestürzt hat. Er studierte den Koran, arabische Geschichte, sammelte Bücher aus aller Welt und lernte sogar arabisch.
Es gibt die Möglichkeit den Diwan online zu lesen, was ich allerdings nicht empfehlen würde. Es gibt mehrere Ausgaben des Diwan bei verschiedenen Verlagen. Beim Kauf sollte man darauf achten, eine Ausgabe mit Kommentaren zu nehmen. Dort finden sich dann hilfreiche Anmerkungen zur Entstehung bestimmter Passagen, Originalzitate (besonders spannend) und teilweise auch Abbildungen.
Viel Freude!
Freisinn
Freisinn
Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten
Bleibt in euren Hütten, euren Zelten!
Und ich reite froh in alle Ferne,
Über meiner Mütze nur die Sterne.
Er hat euch die Gestirne gesetzt
Als Leiter zu Land und See:
Damit ihr euch daran ergetzt,
Stets blickend in die Höh’.
Talismane
Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seienr Hände.
Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei, von seinen hundert Namen,
Dieser hochgelobt! Amen.
Mich verwirren will das Irren;
Doch du weißt mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gib du meinem Weg die Richte!
Ob ich Ird’sches denk’ und sinne,
Das gereicht zu höherem Gewinne.
Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben,
Dringet, ins ich selbst gedrängt, nach oben.
Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich presst,
Und dank’ ihm, wenn er dich wieder entlässt.
J.W. von Goethe
