Reader zur Debatte um Luxenberg und Ohlig

Reader zur Debatte um Luxenberg und Ohlig

Die Debatte um die Thesen Christoph Luxenbergs und Karl-Heinz Ohlig ist zwar schon lange und viel in der deutschen Medienlandschaft diskutiert worden, flammt aber an unterschiedlichen Themen immer wieder auf. Zuletzt kamen diese Thesen – die innerhalb der Wissenschaft viel weniger Beachtung gefunden haben – wieder durch die Debatte rund um den Münsteraner Professor Muhammad Sven Kalisch ins Gespräch.

Innerhalb der Islamwissenschaft wurden und werden dieses Thesen zwar diskutiert, finden allerdings aufgrund teilweise eklatanter methodischer Mängel wenig Zustimmung und Anerkennung. Aus diesem Grund sammele ich auf dieser Seite Artikel aus dem deutschsprachigen Raum, die sich kritisch und m.E. fundiert mit den Einzelheiten der von Luxenberg oder Ohlig vertretenen Thesen auseinandersetzen. An dieser Stelle finden sich Zitate aus den Artikeln, die man dann über den Link komplett lesen kann.

Tilman Nagel über Luxenberg

Luxenbergs Werk ist eine wunderliche Mischung aus semitistischem Grundwissen, so etwa über den Konsonantismus, verquickt mit weitschweifenden Phantasien. Seriöse Rezensionen (beispielsweise Simon Hopkins in „Jerusalem Studies in Arabic and Islam“ 2003) heben den durchweg dilettantischen Charakter der Verfahrensweisen Luxenbergs hervor und geben ferner zu bedenken, dass nur eine geringe Anzahl von Koranpassagen – in der Ausgabe von 2004 sind es ein paar mehr – dieser „Deutung“ unterzogen wurden. Bei mehr als 95 Prozent des Textes versagt Luxenbergs Erfindungsreichtum, so dass, selbst wenn das wenige Hand und Fuß hätte, man nicht von einer „syro-aramäischen Lesart“ an sich sprechen dürfte, erst recht nicht von der Entschlüsselung eines durchgängigen christlichen liturgischen Textes, der sich unter den arabischen Schriftzügen des Korans verberge.

Tilman Nagel über Ohlig

Es handelt sich jedoch um den Saarbrücker Theologen und Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig. Er ist durch Arbeiten zur Geschichte der Christologie ausgewiesen sowie durch eine 2000 veröffentlichte Darstellung des Islam, in deren Einleitung er den des Arabischen mächtigen Forschern unterstellt, ihre Quellenkenntnis mache sie gegenüber ihrem Gegenstand befangen, was bei ihm, da er nicht arabisch lese, nicht zu befürchten sei. Ohligs wissenschaftliches Anliegen hat eigentlich auch nichts mit dem Islam zu tun. Ihm geht es darum, Zeugnisse eines nicht-trinitarischen Christentums aufzuspüren, das für ihn das wahre ist … Damit diese Behauptung an Plausibilität gewinnt, muss man den Koran von allen Hinweisen auf einen arabischen Propheten namens Mohammed befreien. Den ersten und wichtigsten Schritt hierzu geht Ohlig, indem er die gesamte, viele tausend Seiten umfassende arabisch-islamische Überlieferung zum frühen Islam ignoriert. Sie ist in seinen Augen eine gigantische Fälschung. Ohlig hat naturgemäß keinen Einblick in die Vielschichtigkeit dieser Überlieferung und verwechselt ihren Inhalt offenbar mit dem dogmatischen, schlichten Mohammedbild, das das muslimische Erbauungsschrifttum beherrscht.

Die Anfänge des Islam
Kein Prophet namens Muhammad?
von Daniel Birnstiel

“Licht ins Dunkel der Anfänge des Islam” fordert Karl-Heinz Ohlig, Herausgeber des Bandes “Der frühe Islam”, dessen Autoren den Anspruch erheben, unter Rückgriff auf “zeitgenössische Quellen” die tatsächliche Entstehung des Islam nachzeichnen zu können. Daniel Birnstiel hat das Buch gelesen.

“Der frühe Islam” ist nach Christoph Luxenbergs Buch “Die Syro-Aramäische Lesart des Koran” und dem gleichfalls von Karl-Heinz Ohlig herausgegebenen Sammelband “Die dunklen Anfänge” nunmehr das dritte Buch in kurzer Folge, das bemüht ist, vorherrschende Meinungen zur Entstehung des Islam zu revidieren.

Die Autoren vertreten die Ansicht, der Islam habe seinen Anfang als eine christliche Häresie genommen, die sich in Ostiran unter Christen entwickelt habe, die ursprünglich aus Mesopotamien (v.a. Hatra) deportiert.
[…]
Gewagte Behauptungen, wie etwa, dass die Verstärkungspartikel la-, wie anscheinend auch die Negation lā, aus dem Aramäischen entlehnt sein soll, trotz Beleg in allen semitischen Sprachzweigen, wecken große Zweifel an Luxenbergs semitistischen und sprachwissenschaftlichen Fähigkeiten. Mehr als einmal hat man den Eindruck, dass seine Feststellungen nicht Ergebnis einer Neulesung sind, sondern umgekehrt, der Text so interpretiert wird, dass er das gewünschte Ergebnis liefert. Besonders auffallend ist dabei der Rückgriff auf aramäische Schreibertraditionen jeglicher Art, als ob die verschiedenen aramäischen Dialekte beliebig miteinander vertauschbar seien. Ein Urkoran in syrischer Schrift kann somit keinesfalls als bewiesen gelten. … Der gestellten Forderung, Licht in die dunklen Anfänge des Islam zu bringen, kommt das besprochene Buch somit nicht nach. Die durchaus berechtigte Kritik einer bisherigen Quellen(ver)lesung v.a. zeitgenössischer christlicher Schriftsteller im Sinne der islamischen Tradition erweist sich als Farce angesichts der von den Autoren mindestens ebenso wenig neutralen Verwendung der Quellen und deren (Ver)Lesung im Sinne der eigenen Theorien.

Hat Mohammed wirklich gelebt?
Interview mit Michael Marx

Marx: Das sehe ich nicht so. Aber wir sollten festhalten, dass wir von Kalisch im Moment nur mündliche Aussagen kennen. Sie klingen so, als habe er sich den Thesen von Professor Karl-Heinz Ohlig angeschlossen, die dieser in seinem Buch “Die dunklen Anfänge” vor drei Jahren veröffentlicht hat – und denen zufolge der Koran ein christlicher Text ist und Mohammed wahrscheinlich nie gelebt hat. Aber diese Gruppe, zu der noch der Numismatiker Volker Popp und andere zählen, ist sehr klein. Ich würde sagen, deren Positionen steht sogar außerhalb der Wissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Marx: Es gibt viel zu viele Hinweise darauf, dass Ohligs These, der Prophet habe nie gelebt, nicht haltbar ist. In 14 Jahrhunderten christlich-islamischer Polemik wurde sie nie vertreten. Auch in syrisch-aramäischen Quellen gibt es hingegen Belege für den Propheten aus früher Zeit.

Münzen sind konservativ
Der frühe Islam im Spiegel des numismatischen Befundes
von Stefan Heidemann
(FAZ vom 28.2.2007)

Die ersten Münzen, die unter arabischer Herrschaft geprägt wurden, zeigen nicht
etwa den “Kalifen mit Kreuz”, sondern ahmen im wesentlichen die importierten byzantinischen Kupfermünzen von Heraklius (reg. 610 bis 641) und Constans II. (reg. 641 bis 668) nach mit dazugehöriger Kreuzkrone oder Kreuzstab. Geld ist konservativ in seiner Gestaltung, wie wir an Eichenblatt und Adler der deutschen Euro-Münzen sehen. Nach 660 begann eine staatliche Kontrolle der Kupfermünzprägung sichtbar zu werden, aber nur in Gültigkeitsangaben wie “gültig” oder “gut” und Münzstättenangaben, wie “Damaskus” oder “Homs”. Geld ist zunächst Tauschmittel und wurde noch nicht zur Repräsentation islamischer Herrschaft genutzt.

Analog zeigt das Silbergeld im iranischen Osten in den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung wie zuvor den Feueraltar, das Religionssymbol der iranischen Religion der Zoroastrier, und die Bildnisse und Namen der letzten beiden iranisch-sasanidischen Herrscher. Auch hier wird der Konservatismus in der Gestaltung von Geld sinnfällig. Als Veränderungen gegenüber der vorislamischen Zeit finden sich auf
den Münzen bekräftigende Formeln wie “Im Namen Gottes” oder “gut” sowie zum Teil die Namen von Gouverneuren.

Die bedeutendste Herausforderung für die Herrschaft der Umayyaden stellte das Kalifat von Abdallah ibn az-Zubair in den Jahren 681 bis 693 dar. Der Umsturzversuch ging von Mekka aus. Auf Münzen aus Bishapur in Persien der Jahre 685/86 und 688/89, geprägt von einem zubairidischen Gouverneur, wird zum ersten Mal “Muhammad” als “der Gesandte Gottes” apostrophiert. Das Münzbild selbst bleibt beim Feueraltar und dem Bild des sasanidischen Großkönigs. Die erste bekannte Nennung Muhammads auf Münzen findet sich also nicht im “christlichen” Syrien, sondern im “zoroastrischen” Iran.

[…]

Daraus folgt als Antwort auf Karl-Heinz Ohlig: Die historisch-kritische Methode wird in
der Islamwissenschaft längst angewandt, man muss ihre Ergebnisse nur
wahrnehmen. Die Hilfskonstruktionen eines “christlichen” frühen Islam und einer
verdunkelnden Verschwörung der Abbasiden führt in die Irre. Worin liegt das
Missverständnis der Revisionisten um Ohlig und Puin? Sie unterstellen dem Islam
der Frühzeit einen ähnlichen Charakter wie dem Christentum, nämlich die scharfe
Distinktion gegenüber den Ungläubigen und Häretikern.

Die Koranforschung tritt in die kritische Phase ein
Der Mann Mohammed und die monotheistischen Religionen: Eine Antwort auf Karl-Heinz Ohligs Thesen zum Stand der Islamwissenschaft
Von Nicolai Sinai
(FAZ vom 28.12.2006)

Ohlig stützt seinen Geschichtsentwurf auf die These Christoph Luxenbergs, der Koran sei ursprünglich ein in einer syrisch-arabischen Mischsprache verfaßtes christliches Lektionar gewesen, welches erst nachträglich islamisiert wurde. Luxenberg geht von der Tatsache aus, daß sich frühislamische Koranhandschriften durch einen hohen Grad an Ambiguität auszeichnen: Vokalzeichen fehlen zumeist, und auch unterschiedliche Konsonanten werden nicht immer differenziert. Die immerhin in Betracht zu ziehende Möglichkeit, daß solche Manuskripte von einer mündlichen Lesetradition flankiert wurden, schließt Luxenberg jedoch von vornherein aus und sucht sein Heil in einer hochgradig arbiträren Emendationspraxis: Bei “dunklen” oder “unklaren” Koranstellen sei es zulässig, die überlieferten Vokalzeichen und Diakritika nach Belieben zu modifizieren, ja die arabischen Schriftzeichen sogar als Transliterationen syrisch-aramäischer Worte zu lesen.

Die als Kriterium für die Zulässigkeit von Textemendationen stipulierte “Dunkelheit” einer Koranstelle wird dabei in einem so weiten Sinne verstanden, daß etwa auch die koranischen Passagen über Paradiesjungfrauen aufgrund ihrer moralischen Anstößigkeit und ihres Abstands von christlichen Paradiesvorstellungen als dunkel gelten. Luxenberg konstruiert so eine arabisch-syrische Mischsprache, deren geschichtliche Existenz überhaupt nur durch massive Eingriffe in den Text herstellbar ist. Seine Thesen als gesicherte Forschungsergebnisse darzustellen, wie Ohlig es tut, spricht deshalb jeder Forderung nach kritischer Wissenschaft hohn.

Wenn Ohlig behauptet, es gebe “bis heute keine historisch-kritische Koran-Exegese”, so insinuiert er damit, daß jede Theorie, die an der Historizität Mohammeds festhält, eo ipso unkritisch ist. Kann ein Forschungsansatz etwa nur dann als historisch-kritisch gelten, wenn er möglichst weitgehend von der islamischen Innensicht divergiert? Kennzeichnet das Prädikat “historisch-kritisch” also keine Methode, sondern bestimmte Resultate?

Der Fall Kalisch – Über den Streit um die Existenz des Propheten Mohammed

Interessantes Interview mit Ayman Mazyek, Gudrun Krämer und Muhammad Sven Kalisch. Das ganze geht über 45 Minuten, es lohnt sich aber, die Sendung komplett zu hören.

Streitfall: Hat Mohammed gelebt?

Von Dominik Reinle

Schöller schätzt, dass rund 80 Prozent der deutschen Islamwissenschaftler der Auffassung sind, dass Mohammed existiert hat. Die Geschichte von Mohammed lasse sich zwar nicht eindeutig rekonstruieren, da die Schriftquellen im Detail möglicherweise nicht zuverlässig seien, weil sie sich zum Teil widersprächen. “Aber dass es irgend eine Geschichte des Propheten gegeben hat, wird nicht bestritten.” Das sei der große Konsens der Islamwissenschaft, den auch er vertrete. Auch für Mohammed-Biograf Tilman Nagel ist klar: “Natürlich hat Mohammed gelebt.” Es sei unsinnig, das Gegenteil zu behaupten. “Genauso könnten Sie auch behaupten, Platon habe nicht gelebt, weil Sie aus seinen Lebzeiten keine Aufzeichnungen von ihm haben”, sagt der emeritierte Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Göttingen.

Ganz anders sehen das Vertreter der Mehrheitsmeinung unter den Islamwissenschaftlern. “Es hat schon häufiger Versuche gegeben, eine Fortsetzung des Juden- und Christentums im Islam zu behaupten. Aber die Quellen geben das einfach nicht her”, sagt Nagel. Auch für Schöller gibt es eine solche Verbindung nicht: “Ich sehe kaum Ansatzpunkte zum Christentum.” Denkbar für ihn sei allenfalls eine Nähe des Islam zum Judentum. “Diese Hypothese macht mehr Sinn”, sagt Schöller. Denn die Figur eines Propheten finde sich auch in der jüdischen, jedoch nicht entsprechend in der christlichen Tradition.

Für Schöller klingt die Hypothese, Mohammed habe nicht gelebt, eher wie “eine Verschwörungstheorie”. Unter den damaligen Bedingungen sei es aber nicht vorstellbar, dass jemand eine solche Verschwörung habe durchsetzen können, ohne Spuren zu hinterlassen. “Solche Hinweise haben wir aber nicht”, sagte Schöller. Nagel gibt zu bedenken, dass nur ein “Superhirn” zu einer solchen Inszenierung in der Lage gewesen wäre: “Wenn man das verficht, muss man auch belegen, wann wie und warum das erfunden worden ist.”

Die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth nennt Zweifel an der Historizität Mohammeds Provokation.

KNA: Mit dem Pathos der Entzauberung betreiben Ihre Kollegen Karl-Heinz Ohlig oder Christoph Luxenberg ihre aufsehenerregenden Studien über die Einflussgeschichte des Koran. Sie stellen sogar die historische Existenz von Mohammed infrage.

Neuwirth: Ich halte nichts von der Wiederbelebung historischer Textkriege. Mit ihrer Islam-polemisch motivierten Koranforschung verbaut diese Gruppe die Möglichkeit zu einem Dialog mit der islamischen Gelehrtenwelt. Diese Forscher sind nicht an einem Wissensaustausch mit arabischen Gelehrten interessiert. Sie haben zum Teil nicht einmal arabische Sprachkenntnisse. Es ist zwar das Verdienst von Christoph Luxenberg, die Aufmerksamkeit wieder auf die syrischen Traditionen in der Umwelt des Koran gelenkt zu haben. Für den Koran selbst ist der Zugang der Gruppe aber wenig relevant: Der Koran dient ihnen als Steinbruch für ihre bereits vorgefassten Ideen über die Entstehung des Islam. Die Textkomposition, die diese Konstruktionen widerlegt, ignorieren sie vollständig. Um die These, dass Mohammed nicht existiert habe, zu untermauern, werden abenteuerliche Konstruktionen errichtet, die die wissenschaftliche Kompetenz der Gruppe weit überschreiten.

KNA: Die Debatte um den wissenschaftlichen Ansatz des Münsteraner Islamwissenschaftlers Muhammad Kalisch bringt dieses Thema nun aber verstärkt auf die Tagesordnung.

Neuwirth: Bedauerlicherweise hat Herr Kalisch seine persönlichen Zweifel an der Historizität Mohammeds öffentlich gemacht. Solche Zweifel hätten sich durch gründliche Lektüre zur Forschungslage leicht zerstreuen lassen. Zu dieser Lektüre wäre Herr Kalisch wie jeder Lehrstuhlinhaber, gleichgültig in welchem Fach er tätig ist, sich und seinen Fachkollegen gegenüber verpflichtet gewesen, um seine eigene Sicht auf die Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung gründen zu können. Seine Veröffentlichung der Zweifel ohne differenzierte Begründung und ohne eine überzeugende Gegenhypothese kann nur als Provokation verstanden werden. Hier ist eine möglichst ebenfalls öffentliche Diskussion gefordert, nicht einfach Berufung auf die akademische Freiheit. An diese Freiheit würde in Disziplinen mit stärkerem Kritikpotenzial kaum appelliert werden können. Islamische Studien sollten da keine Sonderstellung beanspruchen.

Kurz verlinkt: Kommentar zur Diskussion um Kalisch

Im Spiegel gibt es heute ein ausführliches Interview mit Michael Marx (Corpus Coranicum). Anlass ist die Diskussion um den Münsteraner Professor Kalisch, der mit seiner Einstellung zur Natur des Propheten Muhammad für Wirbel gesorgt hatte. Im Mittelpunkt steht dabei die Aussage es entspräche dem derzeitigen Forschungsstand innerhalb der Islamwissenschaft, begründete Zweifel an der Existenz des Propheten zu haben.

Ich verfolge diese Diskussion schon etwas länger, Kalisch ist ja auch nicht der einzige der Aussagen in der Art tätigt. Das Novum ist bei ihm nur, dass es sich hier um einen bekennenden Muslim handelt. Was mir bei diesen Behauptungen besonders aufstößt ist allerdings nicht der offensichtliche Widerspruch zu muslimischen Grundüberzeugungen. Was mich am meisten verwundert ist, dass diese Behauptung nur dann als Ergebnis einer Forschung postuliert werden könnte, wenn überhaupt eine Forschung stattgefunden hat. Eigentlich ganz simpel. Das ist aber innerhalb der Islamwissenschaft noch gar nicht in ausreichendem Ausmaß passiert.1 Das Projekt in Potsdam setzt an dieser Stelle an:

Wir am Corpus Coranicum versuchen, erst einmal Grundlagenforschung zu treiben, bevor man mit Supertheorien kommt.

Interessant ist, dass Michael Marx die mündlichen Aussagen Kalischs qualitativ auf dieselbe Stufe einordnet wie die Arbeiten Ohligs und sie als außer-wissenschaftlich empfindet – weil widersprüchlich und argumentativ lückenhaft.

Marx: Es gilt, vorsichtig zu sein. Für die Geschichte generell kann man keine naturwissenschaftlichen Beweise anführen. Wie wollen Sie die Existenz von Karl dem Großen beweisen? Wir können keine Experimente durchführen, wir müssen mit Evidenzen arbeiten. Und ein Evidenzstrang in dieser Frage ist der Koran. Hier ist die Evidenzlage so gut wie bei keiner anderen Religion. Wir kennen Koranhandschriften und islamische Inschriften schon ab 40 bis 50 Jahre nach dem Tode des Propheten. Der Koran wäre extrem erklärungsbedürftig, wenn man den Propheten rausrechnet. Ohlig behauptet, der Islam sei bis in die Ommajadenzeit, also bis ins 9. Jahrhundert, im Wesentlichen eine christliche Sekte gewesen. In dem Fall aber habe ich das massive Problem, dass der Text des Koran dazu nicht passt. Wieso ist dann die Christusfigur im Koran nicht zentraler? Abraham, Moses und Noah werden viel häufiger genannt.

Insgesamt kann ich nur empfehlen, das gesamte Interview zu lesen, da dadurch die wissenschaftlichen Dimensionen der Diskussion dem Außenseiter klarer werden.

Fußnoten
  1. Was einfach an der schieren Masse der zu bearbeitenden Texte/Dokumente liegt. []

Artikel in der IZ zur Frankfurter Tagung

Ich habe vor kurzem einen Artikel für die Islamische Zeitung geschrieben, in dem ich meine Eindrück der Frankfurter Tagung zum Thema “Koranwissenschaften heute – Genese, Exegese, Hermeneutik, Ästhetik” schildere. Inzwischen gibt es einige Rückmeldungen zu dem Artikel, die ich gerne kommentieren möchte… Nur nicht mehr heute! Insha Allah bald mehr dazu.

Lexikon der Islam-Irrtümer – Alfred Hackensberger

Selten habe ich ein so merkwürdiges Buch gelesen. Auch Alfred Hackensberger hat sich vorgenommen, “Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse”1 in Bezug auf den Islam aufzuklären.

Das Buch ist so aufgebaut, dass man unter einem Schlagwort – z.B. Frauen – ein dazugehörendes Vorurteil oder Missverständnis findet – z.B. Die muslimische Frau ist ein unterdrücktes Wesen. Im darauffolgenden Absatz macht sich Alfred Hackensberger dann daran, seine Sichtweise der Dinge darzustellen. In dem von mir gegebenen Beispiel gelingt ihm das auch recht gut, wie ich finde. Der Autor weiß viel und unterschiedliches aus seiner eigenen Erfahrung als Dozent für Deutsch als Fremdsprache in Marokko und seiner Tätigkeit als Reporter im mittleren Osten zu berichten, so dass ihm oft ein wirklich informativer Einblick gelingt. Dies ist vor allen Dingen in politischen Betrachtungen der Fall. Sehr interessant sind für mich die Artikel zum Themenbereich “Konflikte im Nahen Osten” gewesen.

An manchen Stellen scheint es jedoch, dass dem Autor so gar kein wirkliches Vorurteil einfiel, der Autor aber trotzdem das Buch mit seinen Erfahrungen und Sichtweisen füllen mochte. So kommt dann ein Vorurteil wie “Muslime trinken keinen Alkohol, weil es ihnen der Koran verbietet” zustande. Dem folgt ein kurzer Artikel mit Berichten über Alkoholgeschäfte in Damaskus, Bierliebhaber in Marokko und das vermeintliche Fehlen eines Verbotes von Alkohol im Koran usw. Mir erschien dieser Artikel (und andere) eher wie ein Zeilenfüller, und ist zudem noch falsch. Denn es ist natürlich so, dass Muslime keinen Alkohol trinken, weil es “ihnen der Koran verbietet”.2 Der Fakt, dass sich nicht alle/oder auch nur wenige Muslime daran halten, beweist noch nicht das Gegenteil.

Etwas unseriös wirkt Hackensbergers Vorliebe für eine einseitige Darstellung der Thesen der “Luxenberger Schule” als die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. So findet man immer wieder Verweise auf Luxenberg selbst oder Ohlig in einigen der Lexikoneinträge, obwohl diese in Fachkreisen längt widerlegt sind bzw. dort aufgrund der mangelhaften Methodik oft nicht ernst genommen werden konnten. Dem Hackensberger scheinen sie aber einfach zu gefallen, und so findet man dann unter diversen Einträgen, besonders zum Thema “Koran”, Ausführungen und Interviews mit Luxenberg’schen Thesen. Für Hackensberger scheinen diese ein hoffnungvoller Weg zum historisch-kritischen Umgang mit dem Koran zu sein. Doch genau das sind sie nicht3, denn ein wirklich historisch-kritischer Ansatz setzt sich zunächst einmal systematisch mit den vorhandenen Quellen auseinander. Diese sind zahlreich und beinhalten natürlich auch die mündlichen Quellen (ja, auch diese sind schriftlich festgehalten). Ein lobenswertes Projekt, dass diesen Ansatz heute tatsächlich verfolgt ist das Corpus Coranicum in Potsdam. Mit den Quellen4 setzten sich Leute wie Luxenberg oder Ohlig allerdings nur selektiv auseinander – also wenn es die eigene zu beweisende Theorie unterstützt –, wenn sie es überhaupt tun.

Alles in allem habe ich das Buch ganz gerne gelesen, weil es in den genannten Bereichen (Frauenunterdrückung, Politik) wirklich erkenntnisfördernd sein kann. Jedoch glaube ich, dass Alfred Hackensberger durch seine eigene eingeschränkte Sicht in großen Teilen doch wieder nur alte und neue Vorurteile bestärkt.

Fußnoten
  1. So der Untertitel des Buches. []
  2. Genau genommen ist es ja auch nicht der Koran der es verbietet, sondern der Sprecher, der sich im Koran äußert. Nach muslmischer Aufassung der Schöpfer. Zum Alkoholverbot: die deutlichste Stelle findet sich wohl in Sure 5 Vers 90/91, wo in der Imperativform geboten wird, Satan/seine Werke (Glücksspiel. Alkohol usw.) zu meiden. []
  3. Dazu eine Lesenswerte Rezension zu Ohligs letzem Buch von Daniel Birnstiel auf Qantara. Darin wird exemplarisch die Unzulänglichkeit der dort angewandten Methode anhand des Namens des Propheten Muhammad (saws) aufgezeigt. []
  4. Und hier findet auch nur eine Auseinandersetzung mit den schriftlichen Zeugnissen der Überlieferung des Korans statt, unter Negierung einer parallelen mündlichen Tradierung. []