In meine abgenutzten Hände, Herr

Ich liebe es, in Antiquariaten zu stöbern. Eine Sache, die mich dabei besonders reizt, ist zu sehen was Menschen so alles mit ihren Büchern anstellen. Da finden sich liebevolle Widmungen und manchmal auch Bleistiftanmerkungen an den Rändern. Ich habe z.B. ein Buch, das dem Vorbesitzer wohl gar nicht gefallen hat. Man findet an den Rändern Anmerkungen, die auf einen intensiven inneren Dialog mit dem Autor hinweisen, wie z.B.: “So einfach war das nicht, mein Herr”; “Kleingeist!”; “Aha, wieso nicht?”; “Linguistenidiot”; “Hier vergisst er sich”; “Kotz!” usw. auf vielen Seiten des Buches. Es war ein riesiges Vergnügen für mich, dieses Buch zu lesen.

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Foto: psilver

In einem anderen Buch mit den Namen “Der Rosengarten” entdeckte ich zuhause viele wunderbar duftende Rosenblätter, die der Vorbesitzer zum Trocknen dort ablegte.

Aber eigentlich wollte ich ja nur meinen heutigen Fund mit der Welt da draußen teilen. Ich habe nämlich einen Papierschnipsel mit einem ganz schönen Gedicht von Rainer Maria in einem kürzlich antiquarisch erworbenem Buch gefunden:

In meine abgenutzten Hände, Herr:
wie darf ich meine schwere Seele nehmen
in meine abgenutzten Hände, Herr?

Vielleicht sind jene Stellen grad noch rein,
an denen ich im Heben sie berühre:
vielleicht sind jene Stellen grad noch rein.

Un dann: erheb ich sie, mein Gott, wer weiß.
Nimmst du sie ab, wenn ich sie aufwärts halte,
so lange und so hoch ich halten kann:
Nimmst du sie ab, wenn ich sie aufwärts halte?