Offener Brief an den Papst

Das Islamica Magazine hat einen offenen Brief an den Papst von 38 führenden muslimischen Gelehrten – Sh. Ali Juma, Sh. Said Ramadan Buti, Sh. Habib Ali al-Jifri, Sh. Hamza Yusuf Hanson, Sh. Mustafa Ceric, Dr. Seyyid Hossein Nasr, und viele mehr- aus der ganzen Welt veröffentlicht. Dieser Brief ist die lange ersehnte Antwort auf die umstrittene Rede des Papstes im letzten Monat. Die verschiedenen Gelehrten nutzen die Rede des Papstes sowohl als Anlass zur Diskussion über die Beziehung zwischen Glauben und Vernunft, als auch als eine Gelegenheit bestimmte Irrtümer die der Rede des Papstes zugrunde liegen, ins rechte Licht zu rücken.

Dass es so lange gedauert hat, hat sich gelohnt und liegt wohl vor allen Dingen daran, dass man sich die Zeit genommen hat ausführlich, respektvoll und angemessen auf die Rede des Papstes zu reagieren. In der deutschen Presse wird er Inhalt des Briefes darauf reduziert, dass die muslimischen Gelehrten die Klarstellung des Papstes akzeptieren. Der offene Brief sagt aber vielmehr aus, was ich hier versuchen werde, kurz darzustellen:

Kein Zwang in der Religion

Der Papst hatte in seiner Rede gesagt, dass das Verbot des Zwanges in der Religion aus einer Zeit stamme, in der die Muslime noch in einer Position der Schwäche waren. In dem offen Brief wird jedoch klargestellt, dass es sich dieses Gebot grade an Muslime in Machtpositionen richtet. Des Weiteren gehen die Gelehrten auf erzwungene Konversionen zum Islam ein und stellen klar, dass eine Behauptung “der Islam wurde durch das Schwert verbreitet” historisch nicht haltbar ist und auch nach islamischen Verständnis nicht erlaubt ist. Sie widersprechen somit der Einschätzung des in der Papstrede zitierten Kaisers, “daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.”

Gottesbild und Vernunft

Ein weiterer zentraler Punkt der Rede war, dass im Gegensatz zur christlichen Theologie, das Wesen und der Wille Gottes in der islamischen Lehre an keine menschliche Kategorie, auch nicht die der Vernunft gebunden sei. Hier erklären die Verfasser des offenen Briefes, dass die islamischen Denkschulen es weitestgehend geschafft haben, zwei Extrempositionen zu vermeiden: auf der einen Seite den menschlichen Verstand zum alleinigen Gebieter über die Wahrheit zu machen und zum anderen das Verneinen der Kraft des menschlichen Verstandes, Antworten auf grundlegende Fragen zu geben.

Am meisten an dem offenen Brief gefällt mir jedoch der selbstbewusste und gleichzeitig offenen Ton, der sich in den letzten Absätzen offenbart. Ihre Wertschätzung des persönlichen Bedauerns des Papstes und seiner Respektsbekundungen gegenüber den Muslimen verbinden sie mit der Hoffnung auf einen fruchtbaren Dialog zwischen den beiden größten Weltreligionen, ohne die Fehler der Vergangenheit zu begehen. Amin.

Nachtrag: die deutsche Übersetzung gibt es hier.