Interview mit Omaima Abou-Bakr über Wissenschaft, islamischen Feminismus und Geschichte.
Über Omaima Abou-Bakr
Ich habe Omaima Abou-Bakr im Rahmen meiner Magisterarbeit im Jahr 2006 kennengelernt. Ich hatte mir sie, ihre Projekte und vor allen Dingen ihre akademische Arbeit ausgesucht, um im Rahmen meines Themas “Islamischer Feminismus in Ägypten” darüber zu schreiben. Ich habe also für die Arbeit ein Interview mit Omaima Abou-Bakr geführt und ihre relevanten Publikationen in englischer und arabischer Sprache analysiert.
Omaima Abou-Bakr lehrt und forscht an der University of Cairo im Bereich mittelalterliche Literatur, mystische Literatur, Frauengeschichte und Mystik im Mittelalter und feministische Theorie im Rahmen ihrer Professur. Zur Zeit hat sie eine Gastprofessur für englische Literatur an der Universität von Qatar inne. Sie ist darüber hinaus Gründungsmitglied des Women and Memory Forum in Kairo, einer Forschergruppe, die sich mit Geschlechterfragen in der arabischen Kulturgeschichte beschäftigt.
Das hier vorgestellte Interview fand schriftlich statt und ist im Oktober 2008 geführt worden. Die Fragen und Antworten wurden in englisch ausgetauscht, ich habe die deutsche Version recht frei übersetzt. Die englische Originalversion kann man hier ansehen. Im unteren Teil kann man eine Literaturliste mit den bisherigen Veröffentlichungen Omaima Abou-Bakrs im Bereich Frauenforschung finden.
Interview
Wie ist das Leben als Akademikerin im Vergleich zwischen Ägypten und Qatar?
Ähnlich und unterschiedlich gleichzeitig. In beiden Ländern werden weibliche Wissenschaftlerinnen respektiert und anerkannt. In beiden fühle ich mich auf der professionellen Ebene wertgeschätzt und bestätigt. In beiden Kulturen habe ich nicht das Gefühl, etwas merkwürdiges zu tun oder aus der Reihe zu fallen mit dem was ich tue. Hier in Doha führe ich die gleichen Verpflichtungen in der Lehre und im sonstigen akademischen Bereich durch, wie ich das schon mein ganzes Leben lang getan habe. Denn dies habe ich so gewählt: lehren und forschen. Sowohl in meiner Wohnung als auch in Doha City ist es ruhig (im Gegensatz zu Kairo). Der einzige Nachteil ist, dass ich meine Familie vermisse. Ein anderer Unterschied ist, dass Ägypten mit seiner längeren Geschichte bzw. Tradition der Frauenbewegung (Frauenangelegenheiten und Aktivismus) eine erfahrenere und dynamischere Atmosphäre für Frauen mit kulturellen, akademischen und politischen Interessen bietet.
In den letzten zwei Jahren gibt es immer mehr Konferenzen zum Thema “Islamischer Feminismus” oder Empowerment muslimischer Frauen im Westen. Wie dieser http://www.feminismeislamic.org/eng/ oder dieser der Friedrich-Ebert-Stiftung “Women Power in Islam”. Wertest du diese Konferenzen als eine Bereicherung oder ein Erfolg? Wie sieht es mit dem Interesse an solchen Themen im arabischen Teil der Welt aus?
Ja, auf einer gewissen Ebene kann dies eine erfolgreiche Untersuchung einer Idee darstellen, von der heute immer mehr muslimische Frauen überzeugt sind. Solche Konferenzen können dazu dienen, Nicht-Muslime in westlichen Gesellschaften mit der Dynamik im Islam vertraut zu machen und mit seinen indigenen reformerischen Stimmen. Sie tragen so zum Abbau von Annahmen oder Vorurteilen im Westen bei, dass ALLE muslimischen Frauen still und unterwürfig seien, weil sie ungebildet und dumm seien. Wenn also die Absicht hinter solchen Konferenzen und akademischen Aktivitäten eine ernsthafte Erforschung dieser Angelegenheiten aus einer muslimischen Perspektive ist, und keine versteckte Agenda damit verfolgt wird, wie eine Gerichtsverhandlung mit dem Islam auf der Anklagebank, das Aufzwingen bestimmter fremder Diskurse und Interpretationen und das Rechtfertigen westlicher Hegemonie/Überlegenheit – dann gerne.
In der arabischen Welt. in Gegenwartskultur und -medien, herrscht noch immer Verwirrung und Misstrauen in den Namen selbst – “islamischer Feminismus” – und dem, was dieser Begriff mit sich bringt. Anders ist es unter Wissenschaftlern und Forschern, ganz besonders wenn sie selbst Feministinnen sind. Die Leute machen oft nicht den feinen Unterschied zwischen verdächtigen politisch motivierten Veranstaltungen/Aktionen/Veröffentlichungen und der Sache an sich. So wird das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet, wie man so schön sagt. Sicherlich macht es die Sache noch schlimmer wenn solche Veranstaltungen – die schockierend und unakzeptabel sind – von manchen – nicht allen – westlichen Institutionen gefördert und finanziert werden. Diese Dinge haben den Effekt, dass muslimische oder islamische Feministinnen in der arabischen Welt beargwöhnt werden und dass dieses Misstrauen sich in den Augen der Leute bestätigt. Ironischerweise sprechen heute aber immer mehr Frauen direkt und unverblümt über Rechte in der Öffentlichkeit – ohne zu wissen, dass dies eine Art feministischer Widerstand ist. Immer mehr Frauen sind stolz auf ihre islamische Identität/religiöse Observanz und das Durchsetzen ihrer schariagemäßen Rechte, ohne zu wissen, dass diese Haltung eine Form islamischen oder indigenen Feminismus ist.
Die dominierenden Diskurse im mittleren Osten in Bezug auf genderrelevante Themen in der Alltagskultur und den Medien sind zum größten Teil Fiqh-bezogene Themen1 die mit Dingen wie Ehe, Scheidung, Unterhalt (Nafaqah) und Sorgerecht zu tun haben. Diese Themenfindung offenbart real existierende Probleme in der Beziehung zwischen den Geschlechtern in der privaten Sphäre. In stark begrenzten Kreisen feministischer Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen wiederum werden Sachverhalte um Theorie, Geschichtsschreibung, Hermeneutik, Wandel kultureller Konzepte und Annahmen, Kulturgeschichte, Diskurse, Rechtsgeschichte etc. diskutiert.
Kannst du uns von deinen neuesten Entdeckungen deiner Forschungen in Bezug auf Geschlechterrollen berichten? Besonders deine historischen Diskursanalysen und deine Forschung in Bezug auf weibliche Biographien sind hier von Interesse. Gab es bei dir Änderungen der Perspektive oder des Fokus?
Es gibt eine Menge Entdeckungen in den unterschiedlichen Bereichen. Ein Bereich ist das Studium von Tafsir- und Fiqhliteratur. Dieses ist nicht nur dazu da, um die Voreingenommenheit und Frauenfeindlichkeit von Gelehrten festzustellen (auch sie waren natürlich ein Produkt ihrer mittelalterlichen Zeit), sondern um nach unerwartet positiven Nuancen in dieser Tradition Ausschau zu halten und zu zeigen, dass sie nicht statisch oder monolithisch war. Einige gute Dinge kamen von ihrer Methodologie oder ihrem Deduktionssystem. Wir können nur auf dem “guten” und “gerechten” in dieser Tradition aufbauen. Sicherlich haben Ulama’ nicht immer die Gerechtigkeit und Ethik des Islams ausgeführt, wenn es um Frauen ging. Wir müssen allerdings verstehen warum und wie sie falsch lagen – sozusagen die Kulturgeschichte dieses Irrweges nachvollziehen. Wir müssen diesen analysieren und korrigieren. Klassische Gelehrte waren vor allem in ihrer Gelehrsamkeit, ihren Lernmethoden und ihrer Argumentation gut. Sie mögen die falschen Schlussfolgerungen in Bezug auf Frauen gezogen haben, aber wir können heute Methoden, Theorien, Argumente und Systeme rekonstruieren, damit wir respektvoll und gelehrt mit den Damaligen uneinig sein können und versuchen können die Gerechtigkeit und das Mitgefühl der Scharia umzusetzen.
Was den Bereich weiblicher Biographien angeht, so gibt es dort erstaunliche Entdeckungen. So gab es in der Geschichte des Mittelalters in der muslimischen Welt weibliche Ärzte, die Männer behandelten; Frauen, die als Chirurgen Frauen in Kliniken behandelten; welche die von anderen Ärzten direkt lernten; Frauen die in eigener Verantwortung ihr Geld in Landwirtschaft, Handel und Marktaktivitäten investierten; Frauen, die Häuser, Läden und Eigentum besaßen; die solches Eigentum verpachteten an andere Händler oder ihre eigenen Ehemänner; Frauen die wegen Rechtsstreitigkeiten vor Gericht gingen; die auf dem Markt arbeiteten und auf die Straße gingen; die Stunden und Nächte damit verbrachten zu beten und halaqat dhikr2 in den Moscheen abhielten; die mit männlichen Sufis und Gelehrten interagierten; die zu den Muslimen in den heiligen Orten Mekka und Medina predigten über mystische Stadien; die Hostels und Zufluchtsorte für geschiedene Frauen und Waisen verwalteten; die religiöse Schulen verwalteten in denen der Qur’an reziterit und gelehrt wurde; die religiöse Stiftungen (Waqf) verwalteten; die Fiqh lernten, studierten und darüber beratschlagten; die in Moscheen predigten; die Fatawa3 herausgaben; die Hadithtraditionen männlichen Studenten lehrten und gelehrte Lizenzen und Abschlüsse herausgaben4; die Gedichte schrieben und rezitierten in Literatenzirkeln; die Korrespondenz mit befreundeten Gelehrten, Dichtern und Schreibern pflegten; die Werke zum Fiqh und Sufipoesie zum Lob des Propheten verfassten. Einfach erstaunlich.
Welche Probleme und Fragen sind besonders wichtig für deine Forschung? Und für wen können sie von Interesse sein oder sind es bereits? Sind diese Ergebnisse relevant in einem strikt akademischen Sinne oder sollten sie auch in der Praxis reflektiert werden?
Für mich wichtig sind Sachverhalte die mit religiöser Identität muslimischer Frauen zu tun haben; die mit ihren islamischen Rechten auf Gerechtigkeit, Gleichheit und Würde, mit ihrer Stärkung innerhalb ihrer Kulturen und Gesellschaften zu tun haben; mich interessiert weiterhin die Interpretation des Qur’ans und der Hadithe, das Aufdecken irriger sozialer und kultureller Konzepte von Geschlechterrollen und Vorstellungen über die Natur und den Charakter von Frauen: es geht mir auch darum, muslimische Frauen in den Augen des nicht-muslimischen Westens zu verteidigen. Diese Themen sind zumeist wichtig für muslimische Frauen, sollten aber auch an Männer gerichtet sein und insbesondere an religiöse Gelehrte in unseren Gemeinden. Diese Themen sind akademisch bedeutsam, aber auch höchst relevant, um Einstellungen von Menschen, kulturelle Annahmen, soziale Praktiken und religiöse Missverständnisse zu ändern.
Wie kommen deine Forschungsschwerpunkte bei deinen Studenten in Ägypten und Qatar an? Welche Fragen sind für Nachwuchswissenschaftler interessant?
Meine jungen Studentinnen in Ägypten sind begeistert von diesen Ideen und nehmen sie als Anlass zu Inspiration. Manchmal erzählen sie mir, dass sie gefunden haben, was sie schon lange suchten: eine islamische Perspektive welche die Identität wertschätzt, die sie lieben und der sie sich emotional und religiös verschrieben haben; eine Perspektive, die gleichzeitig in vollem Bewusstsein der Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen ist und nach der Anwendung und Durchsetzung von Rechten verlangt. Bis jetzt hatte ich nicht die Gelegenheit mit meinen Studenten in Qatar diese Themen zu diskutieren, deswegen kann ich dazu nichts sagen.
Welche Fragestellungen bestimmen den wissenschaftlichen Diskurs “islamischer Feminismus”? Du bist seit mehr als 10 Jahren dabei und gehörst zu denen, die den Begriff nicht von Anfang an abgelehnt haben. Kannst du nun im Rückblick beschreiben welche Entwicklungen dieser Diskurs gemacht hat, welche Schwerpunkte er hatte und wie du diese Entwicklung bewertest, bzw. was du dir für die Zukunft wünscht?
Was den Begriff “islamischer Feminismus” angeht, so lehne ich ihn tatsächlich nicht ab, weil es immer darauf ankommt, was man unter diesem Namen versteht, wie man ihn definiert, welche Annahmen und Ideen man im Namen dieses Begriffs unterstützt. Es ist weiterhin richtig, dass die Fachbegriffe “Feminismus” und “Gender” etymologisch englisch bzw. westlich sind, jedoch sind Ideen wie Egalitarismus, Gerechtigkeit, gleiche Rechte, Mitgefühl, Widerstand gegen Tyrannei, Aktivismus etc. keine westliche Erfindung oder ein Monopol des Westens. Die Geschichte von Frauen in der arabischen Welt im 19./20. Jahrhundert zeigt ganz besonders, dass dort eine Diskussion über “feministischen Aktivismus” und “Gender” schon lange im Gang war bevor diese Begriffe an die Oberfläche kamen. Weiterhin erlaubt mir der Begriff “islamischer Feminismus”, meine eigene Art Feminismus zu definieren und einen feministischen Diskurs auszuarbeiten, der aus meiner eigenen Kultur und Religion entstammt. Es gibt so etwas wie eine islamische Ethik des Feminismus, wie in so vielen anderen Dingen. Nun ist es leider so, dass ich das Gefühl habe, dass dieses Wissenschaftsfeld zu chaotisch und beliebig geworden ist – nachdem es einen starken und vielversprechenden Anfang genommen hatte mit weiblichen Gelehrten und Experten, die analysierten und interpretierten und diese muslimisch feministische Perspektive erst aufgebracht haben. Jede Ablehnung, jede Art von Islam-Bashing, jede Suche nach Schockeffekten und Provokation und jede noch so unwissenschaftliche und unwissende Haltung geht momentan als der Ruf muslimischer Feministinnen nach Reform durch!
Das Forschungsfeld ist mittlerweile eine konfuse Mischung und man muss vorsichtig echte wissenschaftliche Beiträge von oberflächlichen unterscheiden. Es gibt noch immer einige beeindruckende Arbeiten in dem Bereich islamisch-feministischer Hermeneutik, die ich als Meilensteine ansehe: Waduds erstes Buch, Meisam Al-Faruqis Artikel in “Windows of Faith”, Azizah Al-Hibris Artikel “A Study of Islamic Herstory,” manche von Riffat Hassans Sichtweisen, Asma Barlas geniales Buch, Ziba Mir-Hosseinis Arbeit, May Yamanis “Islam and Feminism”… etc. Es gibt auch eine neue Generation so wie Kecia Ali , die sich mit “feminist fiqh“ auseinandersetzt und Sa’diyah Al-Shaykh die sich auf feministische Mystik spezialisiert hat und andere. Es scheint allerdings eine neue, konfrontationslustigere Phase in der Entwicklung der Bewegung zu geben, die “islamischen Feminismus” als einen Teil der größeren Bewegung “progessiver Islam” verstanden haben will. Hier wagt man sich in bislang unbetretene Gebiete vor, indem man Dinge wie Homosexualität anspricht oder auf vielen anderen Gebieten auf aggressive Weise mit orthodoxen Sichtweisen aneinander prallt. Diese provokative Haltung – manchmal nur um der Provokation willen bzw. um Aufmerksamkeit zu erhaschen – irritiert mich. Es beunruhigt mich, weil hier der Schwerpunkt nun auf der Provokation und Sensation liegt und nicht mehr auf Gelehrsamkeit und Produktion von Wissen.
Im Zusammenhang mit dieser chaotischen Entwicklung des Diskurses über islamischen Feminismus sehe ich auch Waduds letztes Buch “Inside the Gender Jihad” als ein weiteres gutes Beispiel für diesen Trend: hier bewegt sie sich über hermeneutische oder spezifische Qur’aninterpretationen in ihrem ersten Buch hinaus – indem sie diesen Ansatz als apologetisch bezeichnet – und langt nun bei grenzenlosen Sichtweisen an, die sie selbst “post-text” nennt. Sie beschreibt diesen neuen Ansatz mit “Textintervention”, was die mögliche Ablehnung bestimmter expliziter Verse bedeutet (”‘nein’ zum Text sagen”), welches aber immer noch durch den Qur’an als “Fenster zum Durchsehen” oder “Schwelle zum Übertreten” geleitet und unterstützt werde, einem aber nunmehr grenzenlos viele Möglichkeiten der Bedeutung eröffnet etc.
Damit der islamisch-feministische Diskurs effizient ist, sollten die die an ihm teilnehmen und forschen Oberflächlichkeit und Sensationalismus vermeiden und – im Respekt vor der islamischen Tradition – sich auf wissenschaftliche Erforschung konzentrieren. Sie sollten auch nicht den Mainstream der Muslime – Frauen und Männer, oder auch die Ulama((Sg. Alim, allgemeine Bezeichnung für einen Gelehrten, hier im religiösen Sinne gemeint.)), die wir ja eigentlich alle für unsere Sache gewinnen möchten – befremden.
Omaima Abou-Bakr, 21.10.2008
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