Hajj – ein Bericht zur Pilgerfahrt nach Mekka
Vorbereitungen
Jetzt ist wieder die Zeit in der sich Tag für Tag Menschen auf den Weg machen, um die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Das erinnert mich an meine eigene Pilgerfahrt, die ich vor drei Jahren unternehmen durfte. Es war Ende Dezember und ich wusste zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, ob es mit einem Visum klappen würde. Drei Tage vor der geplanten Abfahrt war es dann aber soweit. Die nötigen Impfungen hatte ich bereits vorsorglich unternommen. Die Koffer hatte ich auch gepackt und mich dabei an den Ratschlag von Freunden gehalten, nur das nötigste mitzunehmen. Es geht also los!
Ihram
Meine Gruppe flog vom Flughafen Berlin Tegel los. Der Flug ging über Kairo nach Jiddah. Ich bin schon oft geflogen, aber diese Reise war natürlich etwas besonderes. Im Flugzeug saßen nur Pilger, was die Atmosphäre stark beeinflusste. Bereits mit dem Flugzeug überqueren wir den Miqat, der Ort an dem die Pilger in den Ihram eintreten. Alle fassten jetzt die Absicht, die Hajj mit all ihren Riten zu vollziehen und fingen an, die Talbiyyah zu rezitieren. Das ist ein wunderschönes Gebet, dass mir immer wieder einen Schauer über den Rücken jagt, wenn ich es höre:
لبيك اللهم لبيك لبيك لا شريك لك لبيك إن الحمد والنعمة لك والملك لا شريك لك
Übersetzt bedeutet es:
Ich folge deinem Ruf, Allah, ich befolge ihn. Ich befolge ihn, Du, der keinen Teilhaber hat, ich folge deinem Ruf. Aller Lobpreis und alle Wohltaten gehören dir, sowie die Macht. Du hast keinen Teilhaber.
Man hört dieses Gebet während der Pilgerfahrt sehr oft. Denn die Talbiyya wird bis zum Ende der Pilgerfahrtsriten am 10. Dhul-hidschah so oft es geht rezitiert. Für mich war die Rezitation dieses Gebets eine Hilfe, meine Absicht für diese Pilgerfahrt klarer vor Augen zu haben. Denn was sage ich da eigentlich? Ich – Kathrin, ein winziges Geschöpf Gottes unter Abermilliarden ihresgleichen auf dieser Erde – folge dem Ruf meines Herrn, in der Art wie es die Menschen schon seit Jahrtausenden tun. Ich will die Riten zur Pilgerfahrt vollziehen wie dies schon die Propheten Abraham und Muhammad (auf ihnen sei der Friede) taten und ich befinde mich auf direktem Wege dorthin! Das, was ich sonst nur aus Büchern und Erzählungen kenne wird jetzt für mich und all die anderen, die sich mit mir in diesem Jahr auf den Weg gemacht haben, Realität. Wir werden um die Verzeihung unserer Sünden und um die Reinigung unserer Seelen bitten, ja, flehen; uns unser aller vorgeschriebenes Ende – den Tod, die Auferstehung und den Tag des jüngsten Gerichts – vergegenwärtigen und vor unseren Schöpfer treten mit dem einzigen was wir haben: unserer Seele.
Ankunft in Jidda
Nach ein paar Stunden Flug landen wir in Jidda, was zunächst einmal die erste Geduldsprobe bedeutet. Unsere Gruppe wird in einen großen Warteraum geführt, in dem wir auf unsere Passkontrolle warten sollen. Stunden vergehen, immer mehr Gruppen aus aller Herren Länder kommen in den Raum bis man nur noch stehen kann. Endlich sind wir an der Reihe, unsere Visa werden kontrolliert und wir können uns auf zur nächsten Wartestation machen. Vor dem Flughafen soll uns ein Bus abholen und nach Mekka zu unserem Hotel bringen. Wir gehen also aus dem Flughafengebäude heraus und riechen zum ersten Mal Wüstenluft. Es ist nachts und erstaunlich ruhig trotz der vielen Reisenden, die hier betend, schlafend und essend unter freiem Himmel warten. Unser Bus ist nach einiger Zeit startbereit und wir machen uns auf den nächsten Weg nach Mekka. Die wenigsten aus unserer Gruppe nutzen die Fahrt zum Schlafen, sondern rezitieren leiser und lauter werdend weiter die Talbiya.
Ankunft in Mekka
Der Weg nach Mekka ist erstaunlicherweise frei und wir düsen durch die Nacht. Ich merke erst vor unserem Hotel, dass wir angekommen sind. Aufgeregt versuche ich zu erkennen ob ich durch die Fenster einen Blick auf etwas erkennbares werfen kann. Unser Hotel soll ja in der Nähe des Haram (der Moscheekomplex um die Kaaba herum) sein, aber ich kann nichts erkennen. Im Hotel werden uns schnell unsere Zimmer und das Restaurant gezeigt. Außerdem gibt es einen Busshuttle, der die Hotelbewohner im 10-Minutentakt direkt zum Haram fährt. Ich nutze mit ein paar anderen aus der Gruppe die Gelegenheit, um endlich das Ziel unserer Herzen zu erreichen. Der Bus braucht nur ein paar Minuten zu einer unterirdischen Haltestelle, die unter dem Moscheekomplex liegt. Dort treffen wir schon auf die ersten Betenden und reihen uns ein. Es handelt sich um afrikanische Händlerinnen, die hier in Saudiarabien ein klägliches Dasein fristen und für die die Hajj-Zeit zunächst Schonung vor Repressalien durch die Polizei und ein kleines Mehrverdienst bedeutet. Nach der Beendigung des Gebets wünschen wir uns gegenseitig die Annahme unserer Gebete und geben uns die Hand. Meine Gruppe geht die Treppen hoch in Richtung Moschee. Ich werde immer aufgeregter und versuche immer wieder einen Blick in das innere der Moschee zu bekommen, um die Kaaba zu sehen. Es wird immer schwerer, sich schnell durch die Menschenmenge zu bewegen. Also gedulden wir uns.
Tawaf und Sa’i
Auf dem Weg durch die Moschee bemerke ich wie still es hier ist. Man hört keine lauten Stimmen, nur ein Gemurmel und Rauschen und manchmal auch den Flügelschlag eines Vogels. Nun sehe ich durch die Säulen zum ersten Mal den schwarzen Umhang der Kaaba und weiß: ich bin tatsächlich angekommen. Ich füge mich in den Strom der anderen Pilger ein und umrunde zum ersten Mal die Kaaba (Tawaf), wie ich es in den nächsten tagen noch oft tun werde, jedes Mal wenn die Zeit dafür ist. Nachdem ich die Umrundung sieben Mal vollzogen habe begebe ich mich nach as-Safa und al-Marwa. Das sind die beiden Hügel, zwischen denen Hajar, die Frau Abrahams, auf der verzweifelten Suche nach Wasser für sich und ihren Sohn Ismail hin- und herlief. Ich werde jetzt auch, in Gedenken an sie und genau so wie sie, sieben Mal zwischen diesen beiden Hügeln hin- und herlaufen.
Tage im Haram
Ich verbringe die Tage bis zu unserem Aufbruch nach Mina nun so oft es geht im Haram. Es ist unfassbar, was man dort zu sehen bekommt. Menschen aus wirklich aller Herren Länder sind zu sehen: Chinesen, Nigerianer, Südamerikaner, Japaner, Inder, Afghanen, Äthiopier, Türken, Indonesier, Deutsche. Ägypter, einfach alles was de Welt zu bieten hat. Ich war wirklich fasziniert von den unterschiedlichen Menschen, die ich dort gesehen habe. Einmal, während einer Umrundung, sprachen mich zwei kleine türkische Frauen an. Mein türkisch reichte leider nur aus, um ihnen ihre Frage auf meine Herkunft zu beantworten. Gerührt ob meiner Antwort, schenkte mir eine der Frauen einen Ring. Bis auf wenige solcher Begegnungen und kurzen Gespräche mit anderen Pilgern habe ich jedoch die meiste Zeit mit der Besinnung und Konzentration auf die Riten verbracht. Überhaupt habe ich um mich herum fast nur betende, konzentrierte Menschen wahrgenommen, was an sich außergewöhnlich ist. Ich habe so eine Stimmung nicht davor und auch nicht danach anderswo erlebt.
Mina – die Zeltstadt
Am 8. Dhul-Hijja machten wir uns auf den Weg nach Mina. Viele Pilger legen diesen Weg von ca. 7 Kilometern zu Fuß zurück. Unsere Gruppe war in einem Reisebus unterwegs, was aber nicht heißt, dass wir schneller als die Fußgänger gewesen wären. Wir bleiben eine Nacht in Mina, in der wir uns erholen um dann weiter nach Arafat zu ziehen.
Arafat
Bis zum Abendgebet bleiben wir in der Ebene Arafat. Dieser Tag ist der wichtigste der ganzen Pilgerfahrt. Wir verbringen die Zeit bis zum Abend mit Koranlesen und vielen Bittgebeten um Verzeihung. Wieder ist es die Kombination aus individuellem und gleichzeitig gemeinsamen Gottesdienst die mich fasziniert. Jeder der ca. drei Millionen Pilger hier in der Ebene Arafat wendet sich direkt seinem Schöpfer zu – ganz für sich und mit dem innersten seines Selbst. Gleichzeitig sind wir alle gemeinsam an diesen Ort gekommen, beten hier gemeinsam und werden ihn auch gemeinsam verlassen zur nächsten Station unserer Pilgerfahrt. Was für eine Reise.
Muzdalifa und das Bewerfen der Teufelssäulen
Nach dem Abendgebet ziehen wir weiter nach Muzdalifa und nähern uns dem Ende unserer Riten. In Muzdalifa kommen wir so spät an, dass wir uns nur kurz unter klarem Sternenhimmel in die Schlafsäcke kuscheln können, bevor es wieder zurück nach Mina geht. Auf dem Weg sammele ich kleine Steinchen, die ich für das Bewerfen der Säulen, die den Teufel symbolisieren, benötige. In Mina angekommen erlebe ich den heftigsten Regenguss meines Lebens. Um zu den Säulen zu gelangen, müssen wir Treppen hinuntersteigen, auf denen sprichwörtliche Wasserfälle uns das Laufen erschweren. Wir brauchen fast zwei Stunden um an der großen Säule anzukommen, um die herum es sehr leer ist. Durchnässt und frierend bewerfen wir die erste, die große Säule, so wie Abraham – der Freund Gottes, der Friede sei mit ihm – dies tat als er während seiner Pilgerfahrt an dieser Stelle dem Teufel begegnete. Und wie er, opfern auch wir als abschließendes Ritual ein Tier, als Symbol für die Opferbereitschaft Abrahams, der in seinem Gottvertrauen und seiner Hingabe an Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern.
Abschied
Wir beenden den Ihram – Weihezustand – indem wir zur Kaaba zurückkehren und dort noch einmal den Tawaf und den Sa’i vollziehen, uns die Haare kürzen und noch zwei Nächte in Mina verbringen, wo wir täglich alle drei Säulen mit kleinen Kieseln bewerfen. Die Kombination aus geistiger als auch körperliche Beanspruchung macht die Hajj – so wie auch schon das tägliche Gebet – zu einem ganzheitlichen Ritus, der mich als Mensch in all seinen Dimensionen anspricht. Ich bin nicht nur physisch auf die Reise nach Mekka gegangen, sondern bin auch tief in meine eigene Seele, den Kern meines Selbst abgetaucht. Dies ist es, was die Hajj zu etwas unvergesslichem macht…
