Arabische Poesie

Ich hab heute etwas ganz tolles gefunden. Und zwar kann man auf dieser Seite eine kleine Auswahl klassischer arabischer Poesie lesen und – das ist das Beste – anhören mit zeitgleicher Einblendung einer Übersetzung. Gedichte von Imru l-Qays (vorislamisch), al-Mutanabbi und Rabia al-Adawiyya sind unter anderem dabei.

In meine abgenutzten Hände, Herr

Ich liebe es, in Antiquariaten zu stöbern. Eine Sache, die mich dabei besonders reizt, ist zu sehen was Menschen so alles mit ihren Büchern anstellen. Da finden sich liebevolle Widmungen und manchmal auch Bleistiftanmerkungen an den Rändern. Ich habe z.B. ein Buch, das dem Vorbesitzer wohl gar nicht gefallen hat. Man findet an den Rändern Anmerkungen, die auf einen intensiven inneren Dialog mit dem Autor hinweisen, wie z.B.: “So einfach war das nicht, mein Herr”; “Kleingeist!”; “Aha, wieso nicht?”; “Linguistenidiot”; “Hier vergisst er sich”; “Kotz!” usw. auf vielen Seiten des Buches. Es war ein riesiges Vergnügen für mich, dieses Buch zu lesen.

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Foto: psilver

In einem anderen Buch mit den Namen “Der Rosengarten” entdeckte ich zuhause viele wunderbar duftende Rosenblätter, die der Vorbesitzer zum Trocknen dort ablegte.

Aber eigentlich wollte ich ja nur meinen heutigen Fund mit der Welt da draußen teilen. Ich habe nämlich einen Papierschnipsel mit einem ganz schönen Gedicht von Rainer Maria in einem kürzlich antiquarisch erworbenem Buch gefunden:

In meine abgenutzten Hände, Herr:
wie darf ich meine schwere Seele nehmen
in meine abgenutzten Hände, Herr?

Vielleicht sind jene Stellen grad noch rein,
an denen ich im Heben sie berühre:
vielleicht sind jene Stellen grad noch rein.

Un dann: erheb ich sie, mein Gott, wer weiß.
Nimmst du sie ab, wenn ich sie aufwärts halte,
so lange und so hoch ich halten kann:
Nimmst du sie ab, wenn ich sie aufwärts halte?

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rilke

Der west-östliche Diwan

Goethe hat sich auf die ihm eigene Art mit dem Islam beschäftigt: neugierig, bejahend und selbstbewusst. “Freisinn” und “Talismane” sind zwei Gedichte aus dem west-östlichen Diwan, dem Produkt aus Goethe’s Beschäftigung mit dem persischen Dichter Hafis. Es ist unglaublich mit welch einer Begeisterung und Intensität Goethe sich in dieses (und viele andere) Thema gestürzt hat. Er studierte den Koran, arabische Geschichte, sammelte Bücher aus aller Welt und lernte sogar arabisch.

Es gibt die Möglichkeit den Diwan online zu lesen, was ich allerdings nicht empfehlen würde. Es gibt mehrere Ausgaben des Diwan bei verschiedenen Verlagen. Beim Kauf sollte man darauf achten, eine Ausgabe mit Kommentaren zu nehmen. Dort finden sich dann hilfreiche Anmerkungen zur Entstehung bestimmter Passagen, Originalzitate (besonders spannend) und teilweise auch Abbildungen.

Viel Freude!

Freisinn

Freisinn

Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten
Bleibt in euren Hütten, euren Zelten!
Und ich reite froh in alle Ferne,
Über meiner Mütze nur die Sterne.

Er hat euch die Gestirne gesetzt
Als Leiter zu Land und See:
Damit ihr euch daran ergetzt,
Stets blickend in die Höh’.

Talismane

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seienr Hände.

Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei, von seinen hundert Namen,
Dieser hochgelobt! Amen.

Mich verwirren will das Irren;
Doch du weißt mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gib du meinem Weg die Richte!

Ob ich Ird’sches denk’ und sinne,
Das gereicht zu höherem Gewinne.
Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben,
Dringet, ins ich selbst gedrängt, nach oben.

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich presst,
Und dank’ ihm, wenn er dich wieder entlässt.

J.W. von Goethe

Der Rosengarten

Wenn jemand von einem anderen Gutes sagt, wendet sich das Gute zu ihm zurück, und in Wirklichkeit ist dieses Lob für ihn selbst. Er ist ähnlich wie jemand, der um sein Haus einen Rosenhag und Duftkräuter pflanzte; wann immer er hinsieht, erblickt er Rosen und Duftkräuter und ist ständig im Paradies. Wenn er sich angewöhnt hat, gut von anderen zu sprechen, sprechen die anderen auch gut von ihm. Wenn er Gutes von jemandem sagt wird der sein Freund; und an einen lieben Freund zu denken ist wie Rosen und Rosenhag, Dufthauch und Rast. Aber wenn er schlecht von jemand spricht, dann erscheint er diesem verhasst – wenn er an ihn denkt, und sein Bild ihm erscheint, ist es, als ob eine Schlange oder ein Skorpion, ein Dorn oder eine Distel vor seinen Augen erschienen sei.

Nun, wenn du Tag und Nacht Rosen und Rosengärten und die Wiesen von Iram sehen kannst, warum gehst du inmitten von Dornbüschen und Schlangen umher? Liebe alle, damit du immer unter Rosen und in einem Garten weilst.

Rumi