Das Orienttheater
In einem früheren Beitrag hatte ich ja schon mal auf den Zusammenhang zwischen Fremdzuschreibungen und Eigenwahrnehmung bei Muslimen hingewiesen. Demnach ist die Eigenwahrnehmung fast schon diktiert durch die Zuschreibung, die von außen kommt. Das Denken unterliegt dadurch leider sehr starken Zwängen und Einschränkungen – der Tellerrand, über den man eigentlich hinausdenken sollte, erscheint in Diskussionen oft unerreichbar. Auf den Alltag runtergebrochen, kommt eine eine typische Unterhaltung unter Muslimen über z.B. Rechte und Freiheiten muslimischer Frauen nicht ohne Bezugnahme auf “westliche Vorurteile” aus, auch wenn diese von keinem der Gesprächspartner erwähnt wurden. Authentische und originelle Ansätze werden so im Keim erstickt. Darüber hinaus ist die thematische Auswahl dessen, womit sich der innerislamische Diskurs seit ungefähr einhundert Jahren intellektuell beschäftigt, beschränkt auf Themen, die der Zeitgeist bestimmt: Gewalt, nichtvorhandene Frauenrechte, Unvereinbarkeit mit Demokratie, Rückständigkeit, Aufklärungsfeindlichkeit usw.
In einer Sendung des Deutschlandfunks zum Thema Orientalismus findet Prof. Dr. Reinhard Schulze folgende Worte für dieses Dilemma:
Der Orientalismus beschreibt ja eigentlich nur für den Westen jetzt, wie der Orient ausgestaltet sei. Und das Interessante ist, dass sich die “Orientalen”, in Anführungsstrichen, also diejenigen, auf die sich diese Diskurse beziehen, nach dieser Redeweise ausrichten und sich auch so verhalten, wie der Orientalismus es eigentlich vorschreibt. Der ganze Orientalismusdiskurs ist eigentlich nicht nur ein Diskurs des Westens über den Orient, sondern ist quasi auch ein Diskurs beider Seiten über sich selbst. Man teilt die Rollen zu, die der eine und der andere zu spielen hat, einigt sich auf diese Rolle und spielt das ganze Orienttheater aus.
Ein spirituell motiviertes Umweltbewusstsein
Ich weiß noch wie geschockt ich war, als ich als 12-Jährige auf einer Schüleraustauschwoche entdeckte, dass der Müll in meiner britischen Gastfamilie nicht getrennt wurde. Manchmal wanderte sogar Glas in den regulären Hausmüll! Waldsterben, Überfischung, saurer Regen und verstrahlte Lebensmittel waren für mich Sorgen, die mich in meinem Alltag begleiteten. Umweltschutz und seine praktische Umsetzung haben mich zu dem Zeitpunkt brennend interessiert. Ich muss leider sagen, dass dieses Bewusstsein bei mir im Laufe der Zeit immer mehr in den Hintergrund rückte. Nicht weil es mir nicht wichtig wäre, aber das aktuelle politische Tagesgeschehen, Resignation in Umweltdingen und ganz allgemein das Leben leisten ihren Beitrag.
Ein sehr interessantes Interview mit einem britischen Umweltaktivisten in der neuesten Ausgabe der IZ hat mich nach langer Zeit wieder zum Nachdenken gebracht.
“Auf eine Weise lässt sich sagen, dass wir die Natur objektiviert haben. Wir sagen: Wir sind das Subjekt und die Natur ist das Objekt. In Wirklichkeit gibt es aber kein Objekt und kein Subjekt. Wir sind alle Subjekte gegenüber Allahs Befehl. Wenn Menschen das verstehen und anfangen, darüber nachzudenken, wer sie sind, wie sie funktionieren und was ihnen der Himmel, die Sonne, der Mond und die Bäume bedeuten, dann kann sich etwas ändern. Die Leute haben aber keine Zeit dafür. Wofür sie Zeit erübrigen können, ist die Hubraumgröße ihres Autos, die Fläche ihres Hauses, der Schnitt ihres Gartens und ob sie einmal im Jahr nach Süden in die Sonne fliegen können. Diese Sorgen sind eine Gefahr für uns geworden.”
Fazlun Khaled ist der Leiter der “Islamic Foundation for Ecology and Enviromental Sciences“. Seine Arbeit erstreckt sich auf mehrere Ebenen – die Stiftung, die 1980 ins Leben gerufen wurde, unterstützt lokale Projekte in Indonesien, Nigeria, Pakistan, Tanzania und dem Jemen, publiziert Schriften zum Thema Islam und Ökologie und veranstaltet unterschiedliche Workshops zum Thema.
Menschen als Khalifa und Umwelt als Amana
Eine Grundannahme Khaleds ist, dass der Mensch von Gott als Wächter über die Erde (Khalifa) eingesetzt wurde und somit Verantwortung für dieses Treuepfand (Amana) aufbringen muss. Der Mensch ist nicht nimmersatter Nutznießer der Natur, sondern benutzt nur soviel er benötigt und richtet dabei den geringst möglichen Schaden an.
Es gibt keine Trennung zwischen Praxis und Theorie. So kann ich von unserem Projekt in Sansibar erzählen, wo wir durch den Qur’an das Verhalten der Menschen ändern. Diese haben die Korallenriffe mit Dynamit befischt. Durch unser Training wurde den Menschen bewusst, dass sie – wie das Meer, die Fische und die Korallen – auch Teil von Allahs Schöpfung sind. Als Khalifen sind sie die Wächter von Allahs Schöpfung und müssen sie bewahren. Dieses Bewusstsein war sehr wichtig. Kurz nach dieser Trainingssitzung hörte das Fischen mit Dynamit in den Korallenriffen auf. Um dieses Riff der Mesari-Insel zu bewahren, haben wir es zu einer Hima erklärt. Wenn man eine Hima widmet, müssen sich die Fischer an bestimmte Regeln halten.
Hima und Harim
Zwei praktische Konzepte, die seit Jahrhunderten angewendet wurden, waren mir noch gar nicht bekannt. Khaled spricht von indigenen Praktiken des Naturschutzes, die er in seinen Workshops und den Projekten, die er unterstützt, wieder aufzuleben versucht. Hima bezeichnet ein Gebiet auf dem je nach Lage die Haltung von Nutztieren, oder das Fällen von Bäumen usw. nicht erlaubt ist. Ein Haram oder Harim bezeichnet ein Wasserschutzgebiet an einem Fluss an dem das Fällen von Bäumen oder das Verschmutzen des Wassers untersagt sind.
Praxis siegt über Utopie
Was mir so gut an dem Anliegen dieser Stiftung gefällt ist, dass sie praktische Lösungen für aktuelle und akute Probleme anbietet und auch realisiert. Diese bescheidene und demütige Note ist nicht jedem muslimischen Weltverbesserer zu eigen, würde ihm aber gut stehen. Manche ziehen es doch lieber vor sich in idealistischen Utopien zu verfangen. Und einen Rat gegen Resignation und Bringt-doch-alles-eh-nichts-Stimmung gibt es auch in dem Interview:
In diesem Zusammenhang gibt es ein profundes – und gut dokumentiertes – Hadith, wonach wir, wenn wir einen Samen hätten, diesen auch dann pflanzen sollen, wenn es bereits der Jüngste Tag ist. Dein Schicksal ist es, diesen Samen zu pflanzen, ob der Jüngste Tag nun kommt oder nicht. Dies ist sowohl eine Erklärung des Vertrauens in Allah als auch die Entschiedenheit, dass man nicht aufgeben werde, weil dies nun mal das menschliche Schicksal ist.
Muslime und Stereotype
Zu jeder Nationalität/ Religionsgemeinde/ Gruppierung gibt es das passende oder unpassende Stereotyp. Auch gibt es keine Gruppierung die nicht über Stereotype in Bezug auf Nicht-Zugehörige verfügt.
Ich möchte hier nur über den Umgang von Muslimen mit Stereotypen sprechen, welche von außen an sie herangetragen werden. In Gesprächen unter Muslimen hört man oft eine starke Unzufriedenheit mit dem mitunter vorurteilsbeladenen Umgang mit ihnen heraus: sei es in den Medien, im Dialog, auf politischer oder auch privater Ebene. Diese Vorurteile existieren tatsächlich, und das nicht erst seit gestern, und auch nicht nur unter dem “gemeinen” Volk (vgl. auch die von Edward Said ausgelöste Orientalismus-Debatte). Solche Fremdbeschreibungen erfüllen eine bestimmte Funktion für den, der sie ausführt. Diese hat mit der Konstruktion seines Selbstbildes zu tun. Das funktioniert dann ungefähr so:
1. Behauptung: Gruppe B ist ganz anders als Gruppe A.
2. Behauptung: Gruppe B ist zurückgeblieben.
Aus beiden Behauptungen folgt, dass Gruppe A fortschrittlich ist. Gruppe B ist so nur die Projektionsfläche für alles das was Gruppe A nicht ist. Ich denke, dass keine Gruppierung frei von solchen Mechanismen ist, man sollte sie sich nur bewusst machen um zu einer authentischen Identität zu kommen.
Weit über die Diskriminierung hinaus, haben solche Zuschreibungen jedoch noch einen tiefergehenden Effekt auf die Muslime. Dies wird besonders in der Identitätsbildung von Muslimen deutlich, denn die erfolgt meiner Beobachtung nach oft nur noch als (trotzige oder zustimmende) Reaktion auf die Fremdbeschreibungen. Dies kann man an zahllosen Beispielen verdeutlichen, ich bringe hier nur zwei:
- So wird die Behauptung “Das Kopftuch ist ein Symbol der Unterdrückung von Frauen” einfach übernommen oder es wird die (meiner Meinung nach unsinnige)* Gegenbehauptung “Es ist ein Symbol für die Befreiung der Frau” aufgestellt. Womit gleichzeitig die Behauptung aufgestellt wird, die muslimische Frau sei an sich ja schon befreit und bedürfe keiner weiteren Unterstützung.
- Der Islam wird oft als absolut inkompatibel mit einer wie auch immer gearteten Demokratie bezeichnet. Dies wird von vielen Muslimen einfach übernommen. So meinen sie entweder außerhalb eines islamischen Referenzrahmens für Demokratie argumentieren zu müssen. Oder aber, sie lehnen Demokratie schlichtweg ab, und argumentieren so oft (gewollt oder unbewusst) für autoritäre und ausbeuterische Systeme.
Das Problem bei dieser Art des Umgangs mit Vorurteilen ist aber, dass wir so einfach nicht mit unseren tatsächlichen Problemen fertig werden. Wir ignorieren sie dadurch vielmehr und machen uns selber unfähig zur Selbstkritik und der daraus folgenden Verbesserung von Missständen. Ich will bei dem Beispiel “unterdrückte muslimische Frau” bleiben. Wenn wir immer nur auf Vorwürfe von außen antworten und bei der Behauptung bleiben der Islam unterdrücke die Frau nicht (was ja an sich stimmt), dann verschließen wir damit die Augen vor tatsächlich bestehendem Unrecht. Nämlich dem, dass es ein Problem in der Behandlung von Frauen in musl. Gesellschaften und Familien gibt. Es kann so passieren, dass eine Beratungsstelle für Frauen mit familiären Problemen innerhalb einer Moscheegemeinde als ein Angriff auf den Islam an sich und die Gemeinde verstanden wird. Das kann doch nicht sein! Es gab so einen Fall wirklich (kann den Artikel nicht mehr finden) und ich kann dies auch aus der eigenen Erfahrung teilw. bestätigen. Wenn man sich als Muslim oder den Islam nur als Gegenentwurf zur “westlichen Gesellschaft” versteht, läuft man Gefahr die Bedürfnisse der Muslime in unserer Gesellschaft zu missachten und dadurch ihren Zustand zu verschlechtern.
* Unsinnig deshalb, weil Frauen in weiten Teilen der menschlichen Geschichte nun einmal unterdrückt waren/sind und das völlig unabhängig davon, ob sie nun bedeckt waren oder sind. Außerdem haben bis vor ca. 100 Jahren in den meisten Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens Frauen aller Religionen eine Kopf- bzw. Gesichtsbedeckung getragen, ohne dadurch befreiter zu sein. Dies übrigens auch schon lange bevor der Koran offenbart wurde. Der Grad der “Befreiung” einer Frau steht einfach in keinem Zusammenhang zum Grad der Bedeckung.
Studie: Islamisches Gemeindeleben in Berlin
Der Berliner Senat hat am 14.12.2006 eine neue Studie zum islamischen Gemeindeleben in Berlin veröffentlicht. In der dazugehörigen Pressemitteilung heißt es:
Islamisches Leben in Berlin hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend diversifiziert, professionalisiert und emanzipiert. Dieses Fazit zieht Berlins Beauftragter für Integration und Migration, Günter Piening, anlässlich der Vorstellung einer umfangreichen Studie über die Entwicklung der inzwischen nach den beiden christlichen Großkirchen drittgrößten Glaubensgemeinschaft in der Stadt. „Die hier aufgewachsenen jungen Muslime der dritten Einwanderergeneration treten aus dem Schatten der Hinterhofmoscheen ihrer Großeltern und fordern selbstbewusst die Gleichberechtigung ihrer Religion ein“, so Piening.
Die Broschüre kann hier für 3 Euro bestellt oder als PDF herunter geladen werden.
Das Bild der muslimischen Frau
Wer sich näher mit der Wahrnehmung der muslimischen Frau auseinandersetzen möchte, dem kann ich folgende Literaturempfehlungen ans Herz legen, die sich dem Thema wissenschaftlich annähern:
Mohja Kahf – Western Representations of the Muslim Woman: From Termagant to Odalisque
Irmgard Pinn – EuroPhantasien. Die islamische Frau aus westlicher Sicht
Muslim Sein…
… in Boston. Ich bin heute beim Surfen auf diese kurze Fotodokumentation gestoßen. Sie zeigt ganz verschiedene Muslime, die in der Bostoner Gegend leben, arbeiten, studieren. Neben den Fotos stehen kurze Statements und Geschichten zu den abgebildeten Personen.
