Die Grünen…
…sind ja eigentlich die letzten, denen ich Rassismus im Wahlkampf zugetraut hätte. Falsch gedacht. Die Kaarster Grünen haben sich in diesem Wahlkampf dazu entschlossen unter dem Slogan “Der einzige Grund Schwarz zu wählen”, das nackte Gesäß einer weiblichen schwarzen Person abzubilden. Kommt also auch noch Sexismus dazu.
Am allerübelsten ist jedoch die Reaktion der Kaarster Grünen auf die berechtigterweise eingehenden Protestmails. Man weißt dort argumentationslos alle Vorwürfe von sich, mit der Begründung, die Grünen stünden “für eine Politik, die sich durch Toleranz, Weltoffenheit und Gleichberechtigung auszeichnet”. Peinlich, Peinlich.
Die Stellungnahme scheint seit heute geändert worden zu sein. Dort war gestern nämlich noch zu lesen:
Im Gegenteil könnte dieses Motiv als „antirassistisch“ bezeichnet werden, entsprechende Äußerungen erhielten wir als Reaktion auch von Menschen mit Migrationshintergrund”
Glaubt der/die VerfasserIn dieser Stellungnahme wirklich, dieses billige Argument würde davon überzeugen können, hier läge kein Rassismus vor? Wie rassistisch ist es eigentlich zu glauben, dass man nur einen “Migranten” zum Freund haben muss, um sich von Rassismus rein waschen zu können?
Auf dem Blog von derbraunemob.info wird die Aktion gegen das Plakat koordiniert. Bitte unterstützen, Rassismus geht wirklich alle an.
Merkel kondoliert Mubarak und ignoriert damit das Wesentliche
Laut der sächsischen Zeitung ist Bundeskanzlerin Merkel auf dem G8-Gipfel in Italien auf den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak ihre Anteilnahme ausgesprochen.
Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat plötzlich etwas zu dem Fall zu sagen:
Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte sich am Freitag „persönlich tief bestürzt“. Er schrieb seinem ägyptischen Amtskollegen Ahmed Abul Gheit nach offiziellen Angaben, es werde alles getan, um solche Verbrechen zu verhindern. „Wir stehen dafür ein, dass sich in Deutschland jeder ungeachtet seiner Herkunft, seiner Nationalität oder seines Glaubens sicher fühlt“, heißt es in Steinmeiers Schreiben. „Dies ist oberste Maxime für staatliches Handeln. Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie haben in Deutschland keinen Platz.“
Mal abgesehen davon, dass Herr Steinmeier für mich seit der Guantanamo-Affäre vollkommen unglaubwürdig geworden ist, möchte ich doch darauf hinweisen, dass man auf diese Art geschafft hat, den Mord an Marwa E. völlig aus der politischen Verantwortung in Deutschland genommen hat. Man hat das Ganze so zu einem diplomatischen Ärgernis herabignoriert. Das Problem Islamfeindlichkeit in Deutschland, die berechtigten Sorge und Nöte deutscher Muslime angesichts dieses Mordes und der immer wieder betonten Diskriminierungserfahrungen von Muslimen werden so schlichtweg nicht ernst genommen. Herr Steinmeier und Frau Merkel, ich darf Sie daran erinnern, dass dieser Fall vor allen Dingen in Deutschland für Sorge und Unruhe gesorgt hat. Ihr beider Umgang damit ist höchst fahrlässig.
Newsupdate zum Mord an Marwa el-Sherbiny 06.07.2009
Über das Wochenende sind wieder viele Berichte und Stellungnahmen zu dem Mord an Marwa in Dresden zusammengekommen. Ich fasse zusammen:
Marwas Ehemann, Elwie Okaz, ist seit Freitag aus dem Koma erwacht und in stabilem Zustand, liegt aber weiterhin im Krankenhaus in Dresden.
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, hat zusammen mit Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime den Ehemann der Getöteten besucht. Kramer zu seiner Motivation:
“Wir wollen ein deutliches Zeichen gegen Islamophobie setzen”, sagte Kramer. “Viele Muslime haben Angst und das dürfen wir nicht ignorieren.” Die bisherigen Reaktionen auf den Fall seien “unverständlich spärlich”. (Quelle: TAZ)
Am heutigen Abend ist ein Treffen der beiden Generalsekretäre mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) geplant.
Am Sonntag fand ein Totengebet in der Berliner Dar el-Salam Moschee statt, an der auch der ägyptische Botschafter, Ramzi Ezzeldin Ramzi, und der Bruder der Ermordeten, Tariq El-Sherbiny, teilnahmen. Daraufhin wurde der Leichnam von ihrem Bruder nach Ägypten gebracht. Am Flughafen in Kairo nahm ihn u.a. auch der deutsche Botschafter Bernd Erbel in Empfang.
Er verwies in einer kurzen Ansprache darauf, dass das Kopftuch in Deutschland nicht verboten sei und der Mord vom deutschen Volk verurteilt werde. Der Diplomat erklärte, dass die 3 Millionen in Deutschland lebenden Muslime alle Freiheiten genießen und und das deutsche Volk den Muslimen nicht feindlich gegenüberstehe. (Quelle: al-Sharq)
Heute fand die Beerdigung von Marwa in Alexandria, Ägypten, statt. Al-Jazeera berichtet, dass die deutsche Botschaft in Ägypten verlauten ließ, dass diese Tat nicht die allgemeine Haltung gegenüber Muslimen reflektiere. Sulaiman Wilms von der Islamischen Zeitung, widerspricht im selben Artikel dieser Aussage teilweise, indem er sagt, dass dieser Vorfall die Ressentiments deutlich mache, mit denen Muslime in Europa konfrontiert seien.
Der Interkulturelle Rat hat sich in seiner Pressemitteilung dafür ausgesprochen, dass es besonders von politischer Seite Solidaritätsbekundungen mit den Opfern geben sollte, da die Haltung der Mehrheit der Menschen in Deutschland reflektieren würde, die antimuslimischen Rassismus ablehnen.
Peter Widmann von Institut für Antisemitismusforschung äußert sich zu de Fall in der TAZ:
“Falls es stimmt, was die Medien schreiben, war es ganz offensichtlich ein islamfeindlicher Anschlag”, sagte Peter Widmann, der am Zentrum für Antisemitismusforschung zu Islamophobie forscht.
(…)
“Dieser Anschlag wurde möglicherweise atmosphärisch durch eine Hassszene im Internet vorbereitet und durch problematische Tendenzen unter bestimmten Intellektuellen, die bis in die Mitte der Gesellschaft reichen”, sagte Wissenschaftler Widmann. Dennoch würde das Thema Islamfeindlichkeit in der Öffentlichkeit bislang kaum diskutiert.Das liege, so Widmann, zum einen an einem “verbreiteten Unbehagen über den Islam” bis in die gesellschaftliche Mitte hinein. “Zudem gibt es Unsicherheit darüber, was legitime Kritik ist und wo ein Feindbild beginnt”, sagte Widmann. Aus seiner Sicht ist das aber einfach: Legitim sei Kritik immer, wenn sie sich an konkrete Personen oder Organisationen richtet, nicht aber, wenn ein Kollektivcharakter angenommen werde. (Quelle: TAZ)
Da nun ja diverse Gerüchte und Wutausbrüche die Runde machen, noch ein paar Anmerkungen von mir. Ich habe des öfteren gelesen, dass Leute sich in Foren, bei Twitter usw. darüber aufregen, dass die Anklage gegen Marwas Mörder auf Totschlag – nicht auf Mord – lauten solle. Das ist nicht wahr, aus dem einfachen Grund, weil noch gar keine Anklage erhoben wurde. Noch laufen die Ermittlungen laut einem Bericht der “Welt” wegen heimtückischen Mord. Eine Anklage wird dann aufgrund der Ermittlungsergebnisse erhoben.
Weiterhin habe ich des öfteren Vorwürfe gegen den deutschen Staat vernommen. Ich muss sagen, dass zumindest der Teil des deutschen Staates, der in diesem Fall durch den Dresdner Staatsanwalt und den Richter repräsentiert wird, gut funktioniert hat. Das mag vielleicht einige überraschen, allerdings muss festgehalten werden, dass durch das erste Gerichtsurteil der Tatbestand der Diskriminierung und des Rassismus festgestellt und bestraft wurde. Die Staatsanwaltschaft kam sogar zu der Auffassung, dass aufgrund der wiederholten Beleidigungen des Alex W. vor Gericht eine Revision angestrebt werden müsste, die möglicherweise eine Freiheitsstrafe nach sich gezogen hätte. Natürlich sehe ich auch eine Verantwortung für eine zunehmend islamfeindliche Stimmung in der Gesellschaft seitens Persönlichkeiten der Politik und Gesellschaft, wie ich an anderer Stelle schon erwähnt habe.
Muslimisches Sorgentelefon
In Berlin soll es ab dem 1.5.2009 ein muslimisches Sorgentelefon geben. Unter der Nummer 030 / 44 35 09 821 soll vorerst täglich von 16-24 einer der fachgerecht ausgebildeten Seelsorger zu erreichen sein. In Zukunft wird ein 24-Stunden-Dienst angestrebt. Aus dem Infotext:
Wichtige Grundsätze der Arbeit des Muslimischen SeelsorgeTelefons sind:
- Verständnis: Wir haben für den Anrufer und seine Situation Verständnis und urteilen nicht über ihn. Wir suchen gemeinsam mit ihm nach ersten Schritten aus der Krise.
- Für die Gesellschaft: Jeder, der unseren Beistand haben möchte, ob Muslim oder nicht, ist uns willkommen.
- Islamischer Rahmen: Hierbei wird jederzeit der islamische Rahmen von unserer Seite respektiert und bewahrt. Wir sind aber keine Auskunftshotline für rein religiöse Fragestellungen. Bei solchen Anfragen werden wir andere mögliche Ansprechpartner der muslimischen Landschaft in unserer Stadt, wie z.B. Moscheen benennen, an die man sich wenden kann.
- Muttersprache: Unsere Ehrenamtlichen sprechen alle Deutsch. Einige sprechen Türkisch bzw. Arabisch. Wir möchten deswegen an bestimmten Terminen auch Gespräche in diesen Sprachen ermöglichen.
- Anonymität: Wir garantieren beiderseitige Anonymität
- Verschwiegenheit: Was uns anvertraut wird, dringt selbstverständlich nicht nach außen und ist absolut vertraulich. Unsere Mitarbeiter sind zur strikten Verschwiegenheit verpflichtet.
Schüleraustausch Berlin Mitte-Neukölln
Das Jüdische Museum Berlin hat ein Projekt namens »on.tour – Das JMB macht Schule« entwickelt. Mit einer mobilen Ausstellung werden bundesweit Schulen besucht. Heute habe ich einen schönen Film der Deutschen Welle über dieses Projekt gesehen, in dem es zusätzlich um ein Austauschprojekt zwischen Schülern einer jüdischen Schule in Berlin-Mitte und Schülern aus Berlin-Neukölln geht. Wirklich empfehlenswert: Koscher – gibt’s das nicht auch im Islam?
Kopftuchverbot verletzt Menschenrechte…
Aufgrund von Zeitmangel hier nur ein Link zur Studie (basierend auf Gesprächen mit gut 30 verhinderten Lehrerinnen in Deutschland) von Human Rights Watch: Diskriminierung im Namen der Neutralität von Haleh Chahrokh.
Hier noch ein guter Kommentare zu dem Bericht “Kopftuchverbot für Lehrerinnen:
Glaube oder Beruf? Beides!” von Claudia Kirsch. (Überraschenderweise aus der Brigitte).
Billigdiscounter, die zweite
Einen echten Grund, Discounter wie Lidl, Aldi, Schlecker und andere Ketten wie Kaisers zu boykottieren, kann man beim Spiegelfechter nachlesen, in einem Artikel über eine gewerkschaftlich organisierte Kassiererin die wegen angeblicher Unterschlagung von 1,30 Euro gekündigt wurde.
Auch die dort verlinkte Reportage “Die Billigheimer” gibt ein wenig Hintergrundinformationen.
Tabula Gaza wieder online
Der deutsch-ägyptische Blogger Philip Rizk ist schon seit einiger Zeit wieder aus seiner ungerechtfertigten Verhaftung entlassen. Sein ehemaliger Blog (und alle sein Emailadressen) wurde von denen, die ihn vier Tage lang verhörten, übernommen. Jetzt bloggt er wieder unter dieser Adresse: tabulagaza.wordpress.com.
Anne Will zum 3.
Durch einen offenen Brief an die Redaktion der Sendung von Anne Will entstand eine öffentliche Diskussion zwischen dem Initiator Mohssen Masserat und Andreas Cichowicz, dem für die “Anne Will”-Sendung verantwortlichen Chefredakteur des NDR. Auf Wunsch dokumentiere ich hier die Korrespondenz. Die Korrespondenz mit der ARD und der Offene Brief zu “Anne Will” wurde dem deutschen Presserat und einigen großen Tageszeitungen zur Kenntnis gebracht.
Hier die letzte Email Herrn Masserats in Antwort auf die Stellungnahme Herrn Cichowicz (folgt weiter unten):
Betreff: Re: ANNEWILL / Ihr Offener Brief
Datum: Thu, 22 Jan 2009 18:27:20 +0100
Von: Mohssen Massarrat
An: a.cichowicz@ndr.de, Anne WillSehr geehrter Herr Cichowicz,
sehr geehrte Frau Will,gestatten Sie mir, an dieser Stelle auf Ihren Antwortbrief vom 14. 01. 09, Herr Cichowicz, und auf Ihre Stellungnahmen in den Medien, speziell im FAZ-Interview vom 17. Januar, Frau Will, gleichzeitig einzugehen.
Ich komme gern Ihrer Bitte nach, sehr geehrter Herr Cichowicz, und leite Ihren Brief an die Unterzeichner des “Offenen Brief” vom 13.01.09 weiter. Ihnen allen ist allerdings die Auffassung der ARD längst bekannt. Denn in einem Begleit-e-mail, das dem besagten Offenen Brief vorangestellt wurde, hatte ich Herrn Baumann, den ARD-Chefredakteur, aus einem Telefongespräch vom 12. Januar wortgetreu wie folgt zitiert: “Herr Baumann hat in einem Telephongespräch mit Nachdruck hervorgehoben, dass die ARD in diesem Zusammenhang weder unter Druck gestanden habe noch unter Druck handeln würde.”
Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich diesen Brief an Sie, zusammen mit dem “Offenen Brief” und Ihrer Antwort, informationshalber dem deutschen Presserat und einigen bundesweit bekannten Tages- bzw. Wochenzeitungen zur Kenntnis bringe.
Ich bedauere sehr, weiterhin Ihrer offiziellen Darstellung der Entscheidungsfindung für die Sendung am 11. Januar nicht folgen zu können, so gern ich dieser Darstellung um der Gewissheit willen, “in Deutschland sei die Pressefreiheit nicht in Gefahr”, Glauben geschenkt hätte. Die immer noch offenen Fragen zu dem ganzen Vorgang sind m. E. sehr schwerwiegend. Angesichts der grundsätzlichen Bedeutung des Vorfalls für eine Debatte über die Gefahren für die Pressefreiheit, die m. E. im Zusammenhang mit der Solidarität zu Israel als deutscher Staatsräson zu sehen ist, und gerade weil diese politische Selbstverpflichtung von den Massenmedien als Selbstbeschränkung bei allen Israel bezogenen Themen missverstanden werden kann, möchte ich im folgenden doch auf Ihre Entgegnung detailliert eingehen:
1) Die von Ihnen Beiden herausgestellte Entgegnung, “die Redaktion diskutiert bis zur endgültigen Entscheidung parallel über mehrere aktuelle Themen”, entkräftet in keiner Weise meinen und unseren Vorwurf gegen die “Absetzung” des Themas Krieg in Gaza. Denn der Umstand der parallelen Planung kann Ihre Behauptung schwerlich glaubwürdig machen, dass die Redaktion gleichzeitig alle potentiellen Gäste für die in engerer Wahl stehenden Themen einlädt, bevor die endgültige Entscheidung zum Thema getroffen ist. Ein derartiges Verfahren hätte nicht nur wie in dem hier zur Diskussion stehenden Fall, sondern auch in allen anderen Fällen durch ständige Ein- und Ausladungen sicherlich für alle Beteiligten unangenehme Folgen. Da ich ausschließe, dass die Redaktion einer ARD-Talkshow mit den höchsten Quoten so unprofessionell arbeitet, blieb und bleibt immer noch nur die Möglichkeit übrig, die zunächst getroffene Entscheidung für das Thema Krieg in Gaza wurde nachträglich geändert.
2) Ich kann Ihre Argumentation im konkreten Fall der Sendung am 11. Januar, Frau Sumaya Farhat-Naser als “potentiellem Gast” musste der Termin wegen der Reiseumstände aus der Konfliktregion frühzeitig mitgeteilt werden, ebenso wenig nachvollziehen. Erstens hatte die Redaktion nicht nur Frau Farhat-Naser, sondern auch Rupert Neudeck und Daniel Barenboim gleichzeitig mit eingeladen, für die der Aspekt “Reiseumstände” nicht zutrifft. Zweitens hätte die Redaktion “alle potentiellen Gäste” schon bei der ersten Einladung unmissverständlich über den etwaigen unverbindlichen Status der Einladung und die Möglichkeit der Programmänderung informieren müssen. Soweit mir bekannt ist, geschah dies aber nicht, was als Indiz dafür zu werten ist, dass das Thema zum Zeitpunkt der verbindlichen Einladung von Frau Farhat-Naser, also am Mittwoch, dem 7. Januar, entschieden war.
3) Die Änderung der Redaktionsentscheidung selbst könnte aus meiner Sicht durch folgende Umstände veranlasst worden sein:
- Erstens Relevanz und Aktualität. Für das Thema “Krieg in Gaza” war dieses Kriterium auch nach Ihrer eigenen Einschätzung unbestritten erfüllt, während es niemandem leicht fallen dürfte, allen Ernstes dem Thema “Freitod” eine vergleichsweise noch höhere Aktualität und Relevanz zuzumessen.
- Zweitens eine politische Einflussnahme, für die es, wie Frau Will im FAZ-Interview meint, “nicht einmal den Versuch” gegeben habe. Ich möchte die eindeutige Aussage durchaus nicht in Zweifel stellen, zumal eine Falschaussage für alle Beteiligten verhängnisvoll wäre. Sehr wohl möchte ich aber die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass
- drittens das ursprünglich beschlossene Thema, als Folge eines eingesetzten Nachdenkens innerhalb der Redaktion, einer Selbstzensur zum Opfer gefallen ist. Dies wäre aber ein genau so “harter Schlag” gegen Pressefreiheit und Demokratie in Deutschland.
Im “Offenen Brief” wurde, nicht wie Sie, sehr geehrte Frau Will, mir unterstellen, “unter Annahme falscher Tatsachen” “ideologisiert”. Vielmehr habe ich wegen eigener Ungewissheit über die genauen Hintergründe der Redaktionsentscheidung aus der Feststellung – “uns sind die Umstände, die zur Absetzung der geplanten Sendung führten, nicht bekannt” – für alle drei o. g. denkbaren Möglichkeiten den Schluss gezogen, dass – unabhängig vom tatsächlichen Anlass – “diese Entscheidung der Redaktion auf jeden Fall ein harter Schlag gegen die Pressefreiheit und die Demokratie in Deutschland” ist und das “umso inakzeptabler, wenn die ARD unter politischem Druck gehandelt” haben sollte.
4) Auch die Tatsache, dass die FAZ allein Frau Will Gelegenheit gab, die eigene Entscheidung ins rechte Licht zu stellen, anstatt durch die Gegenüberstellung der Sicht der ausgeladenen Gäste der Wahrheit näherzukommen, ist m. E. ebenfalls ein weiterer konkreter Beleg für die herrschende Einseitigkeit mit Bezug auf Israel.
Gern reiche ich Ihnen, sehr geehrter Herr Cichowicz, wie Sie es in Ihrem Brief wünschen, einige wenige Beispiele nach, die die im Offenen Brief von mir beklagte überwiegend einseitige Berichterstattung in Deutschland über den Krieg in Gaza belegen: Ich möchte jedoch den Beispielen den alles andere überragenden Aspekt der Berichterstattung zum Gaza-Krieg, der zu der Kategorie der subtil wie gefährlichen Manipulation der öffentlichen Meinung gehört, voranstellen:
1) Hamas ist die Übersetzung für “Islamische Widerstandsbewegung”. Immerhin ist sie auch die legitime Vertreterin der Palästinenser, auf jeden Fall im Gazastreifen, da sie 2006 bei den demokratischsten Wahlen, die je in der arabischen Welt stattgefunden haben, gewählt wurde. Und dennoch gibt es in deutschen Massenmedien, einschließlich der beiden öffentlichen Fernsehanstalten, keine Nachricht über die Hamas zu hören, ohne dass sie nicht gleichzeitig mit dem Attribut “radikalislamisch” dämonisiert wird. Die ständige Kombination von “radikalislamisch” mit Hamas ist m. E. nichts Anderes als eine subtile Dämonisierung, da sie so den Zuschauern und Zuhörern gleich die nötige Vorverurteilung mitliefert. Auf diese Weise wird bei den Menschen die Empathie abgetötet und ihre Haltung begünstigt, sich über Israels Bomben auf palästinensische Frauen und Kinder nicht zu empören – nach dem Motto, “wer eine extremistische Organisation unterstützt, ist für die Folgen selbst verantwortlich”.
Die Dämonisierung ist somit alles Andere als eine sachliche Information, sie ist darüber hinaus auch eine gefährliche Manipulation der öffentlichen Meinung, die dazu dient, Kriege gegen vermeintliche Gegner zu rechtfertigen. Der Holocaust – um die Folgen einer derartigen Manipulation der Menschen drastisch vor Augen zu führen – wäre beispielsweise ohne die Dämonisierung der Juden durch die Nationalsozialisten und die Immunisierung der Deutschen gegen das Leid der Juden nicht möglich gewesen.
Können Sie, sehr geehrte Frau Will, sehr geehrter Herr Cichowicz, mir erklären, wie es kommt, dass alle Journalisten der öffentlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten, selbst wenn dies manchmal sprachlich ziemlich unpassend wirkt, gebetsmühlenartig die Hamas mit dem Zusatz “radikalislamisch” versehen? Halten Sie diese offenbar verordnete Sprachregelung angesichts ihrer manipulativen Substanz mit der Pressefreiheit noch vereinbar? Wenn nicht, bitte ich Sie, sich umgehend für die Abschaffung dieser diskriminierenden Sprachregelung einzusetzen.
2) Richard Schneider und Karin Storch, beide ARD-Korrespondenten, berichteten in den Tagesthemen jeden Abend über den Krieg in Gaza nicht etwa aus Gaza selbst, sondern aus Tel Aviv, von wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach gefilterte Informationen des israelischen Verteidigungsministeriums erhielten. Kein Wunder, dass sie systematisch und ohne Ausnahme, statt objektiver Informationen den Zuschauern der ARD erklärten, weshalb die israelische Luftwaffe Gaza bombardiert, weshalb Israels Bodentruppen vor Gaza auf den Angriffsbefehl warten, weshalb sie in Gaza einmarschieren etc.. Beiden Reportern ging es in meinen Augen durchweg stärker darum, bei den Zuschauern Verständnis für Israels Kriegshandlungen zu wecken.
3) Richard Schneider begann am 12. Januar seinen Bericht in den Tagesthemen damit, dass Israel “endlich” mit der Mobilisierung der Reservisten begonnen habe!
4) Auf die Frage der Tagesschaumoderatorin oder des -moderators in den letzten Kriegstagen, was die Bundesregierung tun müsse, damit es zum Waffenstillstand kommt, antwortete Karin Storch sinngemäß: die Bundesregierung könne nicht vermitteln, sie könne aber helfen, die Bedingungen herzustellen, die Israel für einen Waffenstillstand stellt. Wenige Tage später, und während Außenminister Frank-Walter Steinmeier sich in Nahost aufhielt, antwortete Richard Schneider auf die Frage von Tom Burow, was der Außenminister tun könne, damit es zum Waffenstillstand kommt, ebenfalls sinngemäß: Frank-Walter Steinmeier müsse auf den ägyptischen Präsidenten Druck ausüben, um mit deutscher Hilfe den Stopp der Waffenlieferungen für die Hamas durch die Tunnels durchzusetzen. Beide Antworten stimmen genau mit Israels Forderungen für einen Waffenstillstand überein, der Israel die Möglichkeit verschaffen soll, seine völkerrechtswidrige Blockadepolitik des Gazastreifens ungestört weiter zu betreiben.
Wie Sie sehen, gibt es für den Vorwurf der pro-israelischen Einseitigkeit deutscher Massenmedien viele Belege. Bei mir sind im Zuge der Veröffentlichung des Offenen Briefes weitere Beispiele für die Absetzung von geplanten Interviews und Gesprächen in diversen Hörfunk- bzw. Fernsehsendungen eingegangen. Mir liegt sogar ein Bericht für die direkte Intervention “von oben” während eines laufenden Gesprächs am 05.01.09 (10.10 – 11.30 Uhr) im Deutschlandfunk mit dem Nahostexperten Michael Lüders vor.
Ich melde mich, sehr geehrter Herr Cichowicz und sehr geehrte Frau Will, deshalb ausführlich zu Wort in der Absicht, die deutsche Wahrnehmung der islamischen Welt so gut es meine Zeit und Kraft erlaubt, aus einem anderen Blickwinkel heraus zu beleuchten. Denn ich beobachte mit großer Sorge, wie inzwischen der Islam und die islamische Welt in Deutschland den Platz von längst überwundenen historischen “Erbfeinden” eingenommen hat. Zu dieser verhängnisvollen Entwicklung haben deutsche Massenmedien leider erheblich beigetragen. Insofern sehe ich als Deutsch-Iraner es sogar für meine Pflicht an, die verantwortlichen Persönlichkeiten, wie Sie, auf künstlich geschaffene Gegensätze in Deutschland aufmerksam zu machen. Nichts liegt mir mehr am Herzen als zur Überwindung der Feindbilder und der im wesentlichen gezielt geschürten kulturellen Kluft zwischen meiner deutschen Heimat und Europa einerseits und meiner iranischen Heimat und der islamischen Welt andererseits ein wenig beizutragen.
Feindbilder und Dämonisierung der Anderen bereiten psychologisch den Boden für Gewalt und Krieg vor. Helfen Sie daher bitte mit, stattdessen den Geist der Kooperation und des Respekts vor anderen Kulturen zu fördern. Haben Sie bitte auch Verständnis für meine scharfe Kritik an den deutschen Massenmedien in Bezug auf die leider zu konstatierende einseitige Berichterstattung über den Krieg in Gaza.
Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
Prof. i. R. Dr. Mohssen Massarrat
Hier nun die Stellungnahme Herrn Cichowicz:
a.cichowicz@ndr.de schrieb:
Sehr geehrter Professor Massarrat,
vielen Dank für Ihren „Offenen Brief“ vom 13. Januar 2009, den Sie an Anne Will, an mich und ARD-Chefredakteur Thomas Baumann geschickt haben. Ihren Brief haben Sie mit einem Anschreiben versehen, in dem Sie u.a. mehrfach von einer „Absetzung“ einer geplanten ANNEWILL-Sendung zum Krieg in Gaza“ sprechen. Dies entspricht nicht den Tatsachen. Weder der NDR, noch Thomas Baumann oder der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens haben eine Sendung zum Gaza-Konflikt „abgesetzt“, wie Sie behaupten.
Wie Ihnen bereits telefonisch von der zuständigen Redakteurin und von Thomas Baumann mitgeteilt wurde, entspricht es durchaus dem üblichen redaktionellen Verfahren, dass die Redaktion zeitgleich mehrere Themen vorbereitet. Zu diesem Zweck werden natürlich auch frühzeitig Terminanfragen an verschiedene potentielle Gäste gerichtet. So verhielt es sich auch vergangene Woche als mögliche Teilnehmer einer in Planung stehenden Sendung zum Thema Gaza angefragt wurden. Darunter war u.a. die von uns hoch geschätzte Frau Sumaya Farhat-Naser. Deren mögliche Teilnahme setzte eine frühzeitige Anreise aus der Konfliktregion voraus. Dass Frau Farhat-Naser erst bei ihrem Eintreffen in Berlin am vergangenen Freitag von der redaktionellen Entscheidung zugunsten einer Sendung zum Thema „Freitod“ erfahren hat, bedauern wir, stellen aber fest, dass dies den Unwägbarkeiten und Hindernissen ihrer Anreise geschuldet ist und nicht auf Versäumnisse der Redaktion zurückzuführen ist.
Die endgültige Themenfestlegung, eine entsprechende Ankündigung auf den von uns autorisierten Internetangeboten (www.annewill.de und www.daserste/annewill.de) und die Information der Programmpresse erfolgen freitags. Es entspricht weder den Tatsachen, dass eine Sendung zum Gaza-Konflikt von uns angekündigt, also veröffentlicht worden ist, noch, dass eine Themenfestlegung bereits vier Tage vor der Sendung – wie von Ihnen behauptet am Mittwoch – vorgenommen worden ist.
Die Entscheidung der Redaktion von ANNEWILL, die rein nach journalistischen Kriterien in großer Einmütigkeit mit dem NDR getroffen wurde, als „harten Schlag gegen die Pressefreiheit und die Demokratie in Deutschland“ zu bewerten, liegt vollständig neben der Sache. Eine wie auch immer geartete Einflussnahme auf die Entscheidung hat es nicht gegeben.
Und, wenn ich das abschließend anfügen darf: Für Ihren pauschalen Vorwurf, die Berichterstattung der ARD sei einseitig, bleiben Sie jeden Beleg schuldig. Die ARD hat insgesamt ausführlich über den Krieg in Gaza berichtet, sowohl in einer 30minütigen Hintergrundreportage als auch täglich in den Nachrichtensendungen mit Berichten, Interviews und Schalten und nicht zuletzt mit einem nahezu monothematischen Weltspiegel.
Ich erwarte, dass Sie diese Antwort an den gleichen Verteiler senden, der Ihren „Offenen Brief“ erhalten hat.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Cichowicz
Chefredakteur Fernsehen
Obama, lass meine Bauchschmerzen aufhören…
Dies ist ein offener Brief an den neuen US-Präsidenten Obama von einem Mitglied von Machsom Watch – einem Netzwerk israelischer Frauen, die sich gegen die Besatzung einsetzen. Es braucht keinerlei Kommentar meinerseits:
