Nachrichtenupdate zum Mord an Marwa el-Sherbiny Nr.4
Mittlerweile ist eine Diskussion in den Medien entbrannt über Islamophobie in der deutschen Gesellschaft. Auch wenn vieles eher auf verschiedene Verdrängungsmechanismen hinweist, die Diskussion ist da.
Viel neues über die Hintergründe des Mordes gibt es noch nicht, weswegen es mit den Nachrichtenupdates auch spärlich geworden ist. Zwei Journalisten haben sich für ihre Hintergrundrecherchen allerdings auf den Weg nach Dresden gemacht und darüber berichtet.
Robin Alexander von der Süddeutschen hat die Zeugen des ersten Zusammentreffens von Alex W. und Marwa el-Sherbiny ausfindig gemacht und sie zu dem Vorfall befragt:
Ludmilla Niesen, geboren vor 32 Jahren in Tadschikistan, aufgewachsen an der Wolga, jetzt wohnhaft in einem sanierten Plattenbau in Dresden-Johannstadt, macht weder auf Russisch noch auf Deutsch gern viele Worte. […] An dem verfluchten Tag im August 2008 war sie auch hier – heute wie damals mit ihrem nun zehnjährigen Sohn Artur, ihrer Freundin Olga Korol und deren achtjährigem Sohn Alexander. Damals wurden sie Zeuge einer Begebenheit, deren Folgen heute Deutschland und die islamische Welt in Atem halten. […] Sie saßen damals auf der Bank und beobachteten ihre spielenden Kinder. Ein deutscher Vater mit seinem Kind war ebenfalls da. Und Alex W., der das Kind einer Verwandten auf dem Spielplatz beaufsichtigte. “Er ist uns sofort aufgefallen, weil er auf dem Spielplatz rauchte. Das macht sonst keiner”, erinnert sich der zehnjährige Artur. Die Zigarette blieb nicht die einzige Verhaltensauffälligkeit: Aus dem Mann brach der Hass wie aus einem Vulkan, als Marwa, die als Letzte auf dem Spielplatz ankam, W. wegen der Schaukel ansprach: “Er hat die Frau mit dem Kopftuch beschimpft wie ein Verrückter”, berichtet Korol. Die Worte “Terroristin” und “Islamistin” fielen, aber ihr blieb vor allem die Art des Ausbruchs in Erinnerung: “Er hörte nicht mehr auf und schimpfte minutenlang.”
Nun griffen die anderen Eltern auf dem Spielplatz ein. Sowohl der deutsche Vater als auch die russlanddeutschen Mütter stellten den Wüterich zur Rede: “Wir haben ihm erst auf Deutsch und dann auf Russisch gesagt, dass er sich ungebührlich verhält”, erinnert sich Korol. Daraufhin wechselte W. die Sprache, blieb aber auch in Russisch ausfallend: “Er hat uns mit Begriffen beschimpft, die so vulgär sind, dass ich sie nicht übersetzen möchte.”, sagt Korol.
Marwa reichte es jetzt. Sie rief laut, ob ihr jemand ein Handy leihen könne, um die Polizei zu holen. Ludmilla reichte ihr das goldene Motorola, was eine erneute Kanonade von Invektiven ihr gegenüber provozierte. Al-Sherbini rief mit Ludmilla Niesens Handy den Notruf. Zwei Wagen und vier Beamte kamen innerhalb von fünf Minuten und sprachen mit der Ägypterin, ihrem späteren Mörder und dem deutschen Vater als Zeugen. Mit den russlanddeutschen Frauen sprachen sie nicht. “Die Polizei hat von uns gar keine Notiz genommen, obwohl wir dort waren”, erzählt Korol. Außerdem sei sie überrascht gewesen, dass die Polizei nicht den Störer mitnahm, sondern die junge Frau und ihr Kind.
Der Ehemann von Ludmilla Niesen kannte den Täter flüchtig und weiß folgendes über ihn zu berichten:
Bei Niesen sprach die Polizei vor, nachdem Alex W. verhaftet wurde: “Weil ich ihn kannte. Er wohnt hier in der Nachbarschaft, und wir haben zusammen eine Ausbildung zum Lagerarbeiter gemacht.” Sein Jähzorn sei bekannt gewesen: In der Berufsschule habe er in der Pause einmal ein Schnappmesser gezogen. “Da haben ihn schnell sieben oder acht Leute gepackt.”
Der Artikel ist insgesamt lesenswert, da die These des Migrantenkonflikts durch die ebenfalls russlanddeutschen Zeugen und ihr Eingreifen in die Auseinandersetzung widerlegt.
Auch Wolf Schmidt von der TAZ hat sich in der Nachbarschaft des Opfers (und des Täters), dem Dresdner Stadtteil Johannstadt, umgesehen und -gehört:
Wohnung 602 in einem der grauen Hochhäuser, Alexander W.s Namensschild hängt nicht mehr an der Tür. “Ich hab den noch nicht einmal gesehen oder gehört”, sagt die Nachbarin direkt nebenan. “Und das interessiert mich alles auch nicht. Es sterben so viele Menschen, warum wird da jetzt so ein Aufhebens gemacht?” Sie sieht die Sache so: “Das kommt davon, wenn das hier immer mehr zum Ausländergetto wird.” Es ist eine Form der Schuldabwehr, die man von vielen hören kann: Nicht wir Deutschen sind schuld, sondern die Fremden, die ihre Konflikte hierhergetragen haben. […]
Der Kiosk am Platz verkauft Landser-Hefte, kriegsverherrlichende Abenteuerschundromane zum Zweiten Weltkrieg. “Der Krieg im Osten und die Ermordung der europäischen Juden waren die beiden tragenden Säulen seiner Programmatik”, heißt es dort über Adolf Hitler.
Die Kioskverkäuferin hat ihre ganz eigene Sicht auf den Mord an Marwa El Sherbini. Der Täter sei ja ein Russe gewesen, und man wisse doch, dass die immer schnell ein Messer zur Hand hätten. Vielleicht seien ja auch Drogen im Spiel gewesen, auch das kenne man ja von denen. Abgesehen davon werde das alles doch viel zu sehr aufgebauscht. “Die ganzen Ehrenmorde der Moslems”, sagt sie, “da kräht doch kein Hahn danach. Bevor die hier eingebürgert werden, sollten sie erst einmal unterschreiben, dass sie nach unseren Gesetzen leben und so was hier verboten ist.” Ein Kioskkunde mit einer Bierflasche in der Hand nickt nur.
Auch dieser Artikel ist in seiner Gänze lesenswert, da er sich ausführlich mit der Tat und dem Umgang Dresdens Politiker mit Rassismus und (rechter) Gewalt auseinandersetzt.
In dem Artikel der TAZ wird auch ein offener Brief von Wolfgang Donsbach, Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden, angesprochen, der mir bis jetzt unbekannt war. Er kritisiert vor allem den seiner Meinung nach verfehlten Umgang der Stadt Dresden mit rassistischen Gewaltverbrechen und wartet mit alarmierenden Erfahrungen seiner arabischen Studenten mit rassistischen Übergriffen auf.
Update:
Der Haftbefehl für Alex W. wurde erweitert und lautet nun zusätzlich zum Mord noch auf versuchten Mord am Ehemann der Getöteten.
Symposium der Islamwissenschaft und Arabistik
Eine gute Idee hatten Studierende der Uni Münster. Unter dem Titel “Iftah ya Simsim – Eine Tür zum modernen Orient?” organisieren sie ein Symposium für andere Studierende des Faches. Die Tagung so vom 30.04.09 bis zum 03.05.09 stattfinden.
Dadurch wollen wir insbesondere eine Plattform für Studierende schaffen, die ihre Haus- und Abschlussarbeiten nicht einfach nur in der Schublade verschwinden lassen wollen, sondern einem interessierten Publikum vorstellen möchten. Des Weiteren wird die Gelegenheit geboten, sich über Studienbedingungen, Auslandsaufenthalte und Masterstudiengänge auszutauschen. Ziel ist nicht nur ein einmaliges Symposium, sondern auch den Grundstein für zukünftige Symposien zu legen.
Via Gedankensplitter.
Handschriften
Vor kurzem empfahl mir eine Freundin, doch mal die Seiten der Datenbank für arabische Papyri der Universität Zürich zu besuchen. Dort werden arabische Papyri aus dem ersten bis zum zehnten Jahrhundert Hijri online archiviert und sind für jedermann anzusehen. Bei den Dokumenten handelt es sich um Protokolle, Eheverträge, Steuerbescheide, Schenkungsschreiben, private Briefe usw. Die Papyri sind nach ganz unterschiedlichen Parametern durchsuchbar und sind auch teilweise übersetzt. Einfach spannend, einen einfachen Zugriff auf so frühe Dokumente islamischer Kultur-, Rechts- und Sozialgeschichte zu bekommen.
Das beste kommt aber noch: ein weiteres Projekt der Uni Zürich ist die Schule für arabische Papyri. Die dortigen Wissenschaftler haben sich tatsächlich die Mühe gegeben, einen online-Kurs zu entwerfen, in dem man lernen kann, arabische Papyri aus den unterschiedlichen Jahrhunderten lesen zu lernen. Zunächst erhält man eine theoretische Einführung zu Zustand, Konservierung und Editierung von arabischen Papyri. Im Lehrgang selbst wird anhand sieben verschiedener Papyri zunächst das Lesen geschult und noch zusätzlich Vokabeln abgefragt, Redewendungen gelernt und Verständnisfragen zum entzifferten Text gestellt. Wenn man sich dort als Nutzer registriert, werden alle Fortschritte, die man gemacht hat gespeichert, so dass man jederzeit wieder an dem Punkt ansetzen kann, an dem man aufgehört hat. Ich selbst bin ganz begeistert von dem Programm und setze mich immer mal wieder daran. Es ist zwar nicht ganz einfach, macht aber unheimlich Spaß! Man kann sogar ein offizielles Zertifikat der Uni Zürich bekommen, wenn man alle sieben Handschriften entziffert hat.
Vokabellernen mit Karteikarten
Ich lerne Vokabeln seit einem Spanischkurs an der Uni mit Karteikarten. Ich finde dieses Methode bis jetzt die beste. Gestern habe ich den Internetdienst vokker.net entdeckt. Dort kann man mit virtuellen Karteikarten Vokabeln aus vielen verschiedenen Sprachen lernen (auch Arabisch ist vorhanden), selber Vokabellisten anfertigen, die Listen anderer Nutzer verwenden und bei Bedarf auch Karteikarten ausdrucken.
Vom Suchen und Finden arabischsprachiger Literatur im Netz
Auf der Suche nach bestimmten Tafsiren im Original wird man in den Weiten des Internets recht gut fündig. Ein sehr gutes Instrument für die Suche ist der Suchdienst Yamli. Am besten man probiert es einfach mal aus. Der Vorteil hier ist, dass man für eine arabischsprachige Suche nicht immer mehr das Tastaturlayout wechseln muss. Man umschreibt den gesuchten Begriff einfach in lateinischen Buchstaben und Yamli gibt dann mehrere Varianten in Arabisch vor. Auf diese Weise habe ich recht schnell den Tafsir von Aisha Abd ar-Rahman alias Bint as-Shati gefunden.1 Meines Wissens ist dies einer der ganz wenigen Korankommentare auf arabisch, die von einer Frau verfasst wurden.2
Eine reiche Quelle (nicht nur) für arabische Bücher in elektronischer Form ist archive.org. Dieser Dienst archiviert nicht nur alle Internetseiten sondern auch lizenzfreie Texte. So bin ich hier bei meiner Such nach einer Reihe von Tafsiren fündig geworden: der bekannte moderne Tafsir von Ibn Ashur in 15 Bänden mit dem Titel “at-Tahrir wa-t-Tanwir”3, der Tafsir al-Manar von Muhammad Abduh4 oder aber der Tafsir von Jalal ad-Din as-Suyuti namens “ad-Durr al-manthur fi-t-tafsir bi-l-ma’thur” aus dem 15. Jahrhundert. Weiterhin findet man dort auch orientalistische Werke wie die “Geschichte des Qorans” von Theodor Nöldeke aus dem Jahre 1860 oder islamische Klassiker wie das berühmte Geschichtswerk Ibn Jarir at-Tabaris in persischer Sprache.
Arabische Verben für Faule
Sehr bequem ist dieser automatische Verbkonjugator auf den ich grade über einen Mailverteiler aufmerksam wurde. Laut Aussage des Softwareautoren lassen sich fast alle regelmäßigen und einige seltene unregelmäßige Verben konjugieren. Genau das richtige für Leute die keine Lust aufs Auswendiglernen haben – was natürlich nicht heißt, dass sich dies durch das Programm ersetzen lassen könnte.
Interview über islamischen Feminismus
Es ist schon etwas her, dass ich meine Magisterarbeit geschrieben habe. Dennoch habe ich es nie geschafft (bis auf einen kleinen Text zu weiblichen Gelehrten), etwas zu dem darin bearbeiteten Thema auf musafira.de zu veröffentlichen. Der Titel meiner Arbeit lautete “Islamischer Feminismus in Ägypten am Beispiel Omaima Abou-Bakrs” und sagt auch eigentlich schon alles über den Inhalt. Zu diesem Zweck hatte ich damals besagte Wissenschaftlerin in Kairo interviewt und ihre relevanten Texte analysiert.
Dem Begriff “Islamischer Feminismus” gegenüber bin ich nach wie vor kritisch eingestellt1, dennoch hat mich die Arbeit mit den Konzepten und der Forschung von Omaima Abou-Bakr inspiriert und mir Horizonte eröffnet. Außerdem ist sie jemand, mit deren Ideen ich mich stark identifizieren konnte und noch immer kann.
Vor ein paar Monaten hatte ich ihr ein paar Fragen zu ihrer Forschung und dem Thema “Islamischer Feminismus” im Allgemeinen geschickt, die sie mir vor kurzem beantwortet hat und freundlicherweise zur Veröffentlichung auf diesen Seiten freigegeben hat. Die Kommunikation fand auf englisch statt, weswegen ich in den letzten Tagen eine Übersetzung angefertigt habe. Beide Texte sind nun mit Einleitung und Literaturverzeichnis auf musafira.de zu lesen.
Zum deutschen Interview: Interview mit Omaima Abou-Bakr über Wissenschaft, islamischen Feminismus und Geschichte.
Zur englischen Version:
Interview with Omaima Abou-Bakr on science, islamic feminism and history.
Arabisch lernen im Jemen
Über meinen Uni Verteiler bekam ich grade eine Infomail einer Sprachschule in Sana’a, Jemen. Die Schule nennt sich “Saba Institute”. Ich habe kurz die Seite des Instituts überflogen und Ausbildung der Lehrer, Unterrichtsangebot, Preise und Unterkunft machen einen sehr soliden Eindruck.
Kurz verlinkt: Kommentar zur Diskussion um Kalisch
Im Spiegel gibt es heute ein ausführliches Interview mit Michael Marx (Corpus Coranicum). Anlass ist die Diskussion um den Münsteraner Professor Kalisch, der mit seiner Einstellung zur Natur des Propheten Muhammad für Wirbel gesorgt hatte. Im Mittelpunkt steht dabei die Aussage es entspräche dem derzeitigen Forschungsstand innerhalb der Islamwissenschaft, begründete Zweifel an der Existenz des Propheten zu haben.
Ich verfolge diese Diskussion schon etwas länger, Kalisch ist ja auch nicht der einzige der Aussagen in der Art tätigt. Das Novum ist bei ihm nur, dass es sich hier um einen bekennenden Muslim handelt. Was mir bei diesen Behauptungen besonders aufstößt ist allerdings nicht der offensichtliche Widerspruch zu muslimischen Grundüberzeugungen. Was mich am meisten verwundert ist, dass diese Behauptung nur dann als Ergebnis einer Forschung postuliert werden könnte, wenn überhaupt eine Forschung stattgefunden hat. Eigentlich ganz simpel. Das ist aber innerhalb der Islamwissenschaft noch gar nicht in ausreichendem Ausmaß passiert.1 Das Projekt in Potsdam setzt an dieser Stelle an:
Wir am Corpus Coranicum versuchen, erst einmal Grundlagenforschung zu treiben, bevor man mit Supertheorien kommt.
Interessant ist, dass Michael Marx die mündlichen Aussagen Kalischs qualitativ auf dieselbe Stufe einordnet wie die Arbeiten Ohligs und sie als außer-wissenschaftlich empfindet – weil widersprüchlich und argumentativ lückenhaft.
Marx: Es gilt, vorsichtig zu sein. Für die Geschichte generell kann man keine naturwissenschaftlichen Beweise anführen. Wie wollen Sie die Existenz von Karl dem Großen beweisen? Wir können keine Experimente durchführen, wir müssen mit Evidenzen arbeiten. Und ein Evidenzstrang in dieser Frage ist der Koran. Hier ist die Evidenzlage so gut wie bei keiner anderen Religion. Wir kennen Koranhandschriften und islamische Inschriften schon ab 40 bis 50 Jahre nach dem Tode des Propheten. Der Koran wäre extrem erklärungsbedürftig, wenn man den Propheten rausrechnet. Ohlig behauptet, der Islam sei bis in die Ommajadenzeit, also bis ins 9. Jahrhundert, im Wesentlichen eine christliche Sekte gewesen. In dem Fall aber habe ich das massive Problem, dass der Text des Koran dazu nicht passt. Wieso ist dann die Christusfigur im Koran nicht zentraler? Abraham, Moses und Noah werden viel häufiger genannt.
Insgesamt kann ich nur empfehlen, das gesamte Interview zu lesen, da dadurch die wissenschaftlichen Dimensionen der Diskussion dem Außenseiter klarer werden.
Kurz verlinkt: Islamwissenschaft im Umbruch
Auf derstandard.at gibt es eine interessante dreifach-Rezension zu aktuellen Debatten innerhalb der Islamwissenschaft mit deutschem Schwerpunkt. Rezensiert werden die folgenden Bücher:
- Abbas Poya, Maurus Reinkowski (Hg.), “Das Unbehagen in der Islamwissenschaft. Ein klassisches Fach im Scheinwerferlicht der Politik und der Medien”. € 31,70 / 334 Seiten. Transcript, Bielefeld 2008.
- Rüdiger Lohlker, “Islam. Eine Ideengeschichte”. € 19,50 / 282 Seiten. Facultas, Wien 2008.
- Iman Attia (Hg.), “Orient- und IslamBilder”. € 20,40 / 307 Seiten. Unrast, Münster 2007.
