Kreuzberger Eindrücke
taz-Artikel zu unserem Flitterwochenerlebnis
Astrid Geisler von der Taz ist vor ein paar Wochen auf unseren Fall aufmerksam geworden und hat sich an die Recherche gemacht. Dabei ist eine recht gelungene Reportage herausgekommen, die auch einiges an neuen Erkenntnissen bringt. Am wichtigsten ist für mich, dass Frau Geisler versucht hat einigen Ungereimtheiten nachzugehen, die sich aus der Darstellung der Ereignisse durch die Polizei ergeben haben. Allerdings scheint man sich bei der zuständigen Polizei, um Genauigkeit bei der Darstellung nicht allzu sehr Gedanken zu machen:
Mit solchen Feinheiten hat man sich bei der Soltauer Polizei bisher nicht herumgeplagt. Immer wieder kramt der Pressesprecher schweigend in seiner Akte. Wann wurde die Ferienwohnung bezahlt? “Das spielt im Endeffekt ja keine große Rolle.” Hat die Polizei geklingelt oder geklopft? “Sie hat sich auf jeden Fall irgendwie an der Tür bemerkbar gemacht.” Lief drinnen wirklich jemand die Treppe hinauf? “Da glaube ich meinen Kollegen”, sagt Peter Hoppe. “Die schreiben so was ja nicht just for fun.”
Das bedeutet für den Verlauf des Beschwerdeverfahrens natürlich, dass erst einmal geklärt werden muss, was an diesem Abend wirklich passiert ist. Die Version der Polizei lässt sich zwar relativ einfach widerlegen, aber auch dem müsste man erstmal nachgehen. Wir hoffen, dass das zuständige Gericht dies tun wird, um dann endlich auch erst entscheiden zu können ob die Durchsuchung rechtmäßig war.
Omar hatte ja auch schon auf die Erklärung des Pressesprechers hingewiesen, warum wir denn überhaupt gegen diese Aktion vorgehen würden.
Der Polizeisprecher scheint den Fall anders zu deuten. “Wissen Sie”, sagt er schließlich, “ich kenn mich mit diesem Glauben ja nicht so aus.” Aber für dieses Paar sei der Knackpunkt bei der Sache wohl, dass seine Kollegen die Urlauberin im “islamistischen Sinn unvermummt” gesehen haben. Er ringt einen Moment nach der richtigen Formulierung. “Ich denk mal”, sagt er dann in verständnisvollem Ton, “das muss so eine Art religiöser Gesichtsverlust gewesen sein.”
Das sagt für mich soviel aus. Die Sichtweise dieser für den Fall zuständigen Inspektion ist so dermaßen eingechsränkt, dass sie tatsächlich glauben alles was Muslime tun (Flitterwochen, Fahrradfahren, Beschwerdeverfahren einleiten usw.) hätte mit ihrer Religion (sprich Islamismus oder gleich Terror) zu tun.((Auch übrigens ein Indiz dafür, wie uninformiert der Pressesprecher über die tatsächlichen Vorgänge zu sein scheint. Ich war zwar nicht vermummt, aber im islamischen Sinne vollständig bekleidet, als ich die Polizisten an mir ins obere Stockwerk vorbeistürmen sah.)) Dass unser jetziges Handeln vielleicht mit unserem Verständnis von Rechtstaat und uns als Bürgern zu tun hat und kein Quentchen religiös motiviert ist, darauf scheint da keiner zu kommen… Au weia
Frauenschwimmen oder “Schwestern, schwimmt doch grade!”
Es gibt ja mittlerweile in vielen Schwimmbädern Zeiten, die für Frauen reserviert sind. Ich nutze diesen Service gerne, war nur in den unterschiedlichen Bädern meistens frustriert bzw. belustigt. Hier meine Beobachtungen:
- Ich habe das Gefühl, dass es für manche eher als Picknick als zur sportlichen Betätigung dient. Da wird dann der Tee und das leckere Käsegebäck ausgepackt und so macht man es sich dann in Gruppen von 10 oder mehr Frauen so richtig am Rand gemütlich. Das soll wohl gute alte Hamamtradition sein, wie ich mir von einer Insiderin erklären ließ. Gut, das stört mich auch nicht, so lange ich in Ruhe auf einer Bahn hin und her schwimmen kann. Aaaaaaber…
- Es gibt da noch die Angewohnheit, nicht längs der Bahn entlang zu schwimmen, sondern quer oder wahlweise auch von einer Ecke zur anderen. Manchmal trifft man dann auch eine oder gleich mehrere Freundinnen auf dem Weg, woraufhin man sich dann mitten im Becken über wichtige Dinge austauschen muss und sich dabei köstlich amüsiert. Das treibt mich dann endgültig in den Wahnsinn, weil ich dann andauernd anhalten muss und gar nicht richtig zum schwimmen komme. Zum Glück gibt es Bademeisterinnen!
Kommentare
Da die Diskussionen im Kommentarbereich zur Hausdurchsuchung in unserem Urlaub ja nun ausgeufert ist, nutze ich einen eigenen Beitrag, um auf einige Fragen und Argumente gebündelt einzugehen. Eines vorweg: Ich habe ein paar Kommentare nicht freigeschaltet bzw. editiert, da ihr Inhalt zu tief unter die Gürtellinie ging, weil ich weiteren Ausführungen aus dem “rechten” Lager kein Forum bieten wollte, oder weil ich keine Verlinkung auf Seiten mit fördern wollte, die letztendlich nicht über den Islam und Muslime informieren, sondern dann doch nur hetzen. Per Mail erreichten mich Anfragen warum ich manche der gehässigen Kommentare überhaupt freigeschaltet hätte. Die Antwort ist: besser kann man doch gar nicht über Islamophobie aufklären. Also an dieser Stelle einen recht herzlichen Dank an alle, die sich auch in unserem Fall – der nichts mit Islam, dafür aber viel mit unserem (dem deutschen) Recht zu tun hat – nicht zu schade waren, sich zu ihren üblichen Gehässigkeiten und Unwahrheiten herabzulassen. Nun zu den Kommentaren:
Die Version der Polizei
Es gab in den Kommentaren auf diesem und anderen Blogs, die die Geschichte aufgriffen, diverse Einwürfe, ob denn die Geschichte überhaupt wahr ist. Ich finde das vernünftig, denn wir hätten ja tatsächlich irgendetwas erfinden können. Deswegen war und ist uns sehr an einer möglichst objektiven Überprüfung des Falles durch Medien und Gerichte gelegen. Die Polizeiinspektion in Soltau hat ja mittlerweile auch unsere Version bestätigt, besteht aber darauf, dass es sich nicht um eine Durchsuchung gehandelt hat. Weiterhin geht man dort immer noch von der Recht- und Verhältnismäßigkeit der Durchsuchung unseres Hauses aus. Der Pressesprecher der besagten Polizeiinspektion gab in einem Interview mit dem Radiosender NDR 1 Niedersachsen an, dass man bei ähnlicher Indizienlage durchaus wieder genauso handeln würde. In diesem Zusammenhang auch noch eine großes “Danke” an pony_huetchen vom Politblog für ihren Anruf bei der Polizeiinspektion Soltau, in dem sie unsere Beschreibung der Durchsuchung mit dem dortigen Pressesprecher besprach..
Woanders ist es noch schlimmer
Dies scheint für manche tatsächlich ein Argument darzustellen, dass die Polizeiaktion rechtfertigt oder zumindest geeignet sein soll uns davon zu überzeugen, dass ein Vorgehen gegen den Rechtsbruch der Polizisten geradezu unverschämt wäre. Wir können ja:
a. entweder froh sein, denn “da wo wir herkommen” würde es uns viel schlechter gehen
b. oder froh sein, weil man uns hier nicht das antut, was man Nichtmuslimen angeblich in anderen Ländern antut.
Sicherheit geht vor
Einige sind der Meinung, dass Maßnahmen wie die, die wir über uns ergehen lassen mussten sicherheitsfördernd sind. Einige erkennen zwar durchaus an, dass die unangenehmen für den Betroffenen ist, dass die allgemeine Bedrohung der Mehrheitsbevölkerung durch islamischen Terrorismus diese Unannehmlichkeiten jedoch notwendig mache. Mal von der Gefahrenlage abgesehen, frage ich mich wirklich wie so eine Aktion Sicherheit schaffen und vermitteln kann. Eine Überwachung bestimmter Personen bei vorliegender Indizienlage und wenn notwendig ein darauf basierender Zugriff ist natürlich notwendig. Aber was haben wir davon wenn orientalisch aussehende Menschen nun unter Generalverdacht stehen? Oder besser gefragt: wie soll das Nachgehen dieses Generalverdachts realisiert werden?
Die Scham ein Deutscher zu sein
Wir erhielten vermehrt Kommentare, Emails und auch Anrufe in denen uns Menschen mitteilten, dass sie sich schämen würden in so einem Land zu leben, oder gar dafür Deutsch zu sein. So nett diese Äußerungen auch gemeint sein mögen, ich verstehe sie nicht. Ich habe sie auch noch nie verstanden. Schämen muss man sich in meinen Augen “nur”, wenn man hätte helfen können, es aber nicht tat, oder, wenn man etwas hätte verhindern können, aber untätig blieb, etc. pp. Außerdem hat die Durchsuchung unseres Hauses, oder eben die Verdächtigungen der Dorfbewohner nichts mit Deutschsein zu tun.
So, soviel für heute.
Reaktionen
Bislang gab es eine Menge Reaktionen auf unsere Blogeinträge zum Abbruch unserer Flitterwochen in der Lüneburger Heide. Zwischenzeitlich gab es ja auch einen Nachhall in den Medien, wie z.B. durch den Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen oder ein Interview bei NDR 1 Niedersachen. In den letzten Tagen sind viele Interviewanfragen bei uns eingetroffen, von denen wir viele abgelehnt haben, da dabei der Fokus – für unseren Geschmack – zu sehr auf uns als Betroffene/Opfer/Exoten lag und weniger auf der Vorgehensweise der Polizei und deren Rechtmäßigkeit.
Zuversichtlich haben mich die vielen Mails und Anrufe von Freunden, Verwandten und auch uns völlig Unbekannten gestimmt, die uns ihre Unterstützung zusicherten und auch ihre Schockiertheit über ein solches Vorgehen mitteilten. Gefreut haben wir uns über eine Einladung des Mercure Hotels in Walsrode, das uns ein Flitterwochenende spendieren wollte, damit wir über diesen Vorfall hinwegkommen und Walsrode nicht in schlechter Erinnerung behalten. WIr haben dies dennoch abgelehnt, da es uns mit der Öffentlichmachung nicht um die Verarbeitung persönlicher Negativerfahrungen geht. Wir wollten den Fall zunächst öffentlich dokumentieren und somit möglicherweise den Anstoß für eine eine öffentliche und rechtliche Überprüfung des Falles und der Vorgehensweise der Polizei liefern. Ein Anfang ist damit bereits getan, denn die Polizei hat ja nun unseren Bericht gegenüber den verschiedensten Journalisten bestätigt. Wir wollen natürlich noch weiter machen, beraten uns aber derzeit noch. Wir werden aber isA weiter auf unseren Blogs darüber berichten.
In der Zwischenzeit hoffe ich die Zeit zu finden, die Menge der Kommentare unter dem ersten Blogeintrag zum Fall zu beantworten, bzw. zurück zu diskutieren. Dies werde ich wohl in einem separaten Beitrag machen, es dauert allerdings noch ein Weile. habe soviel anderes zu tun, Gott sei Dank.
Fahrradfahren…
… hat eine besonders irritierende Wirkung auf Mitmenschen wenn man dazu ein Kopftuch trägt. So wie scheinbar alles, außer Alditüten schleppen und Fenster putzen. Die Reaktionen sind auch oft für mich irritierend, z.B. wenn jemand meint, mich ermutigen zu müssen und anerkennend bis bewundernd sagt: “Find ich echt ganz toll, du fährst ja Fahrrad!”, oder wenn ein schwäbischer Tourist am Brandenburger Tor ganz aufgeregt seine Frau dazu auffordert, doch ganz schnell ein Foto von diesem außergewöhnlichen Ereignis (ich auf Fahrrad) zu schießen.
Überhaupt Touristen: fast vom Sattel gehauen hat mich mal eine Gruppe süddeutscher Touristen, denen ich eines sommerlichen Tages auf dem Weg durch den Tiergarten begegnete. Sie (ungefähr 5 Frauen und Männer mittleren Alters) winkten mir zunächst freudig entgegen, als ich näher kam rief mir dann einer von ihnen – unter schallendem Lachen seiner Begleiter – zu: “Allahu akbar!”
Verwirrungen
Eines schönen Tages spazierte ich durch einen südlichen Stadtteil Berlins, in dem ich mich nicht gut auskannte. Ich war bei Freunden zum Essen eingeladen und kannte die Gegend nicht. Also fragte ich einen Mann mittleren Alters, der grade in seinem Vorgarten die Hecke schnitt, nach dem Weg. Der Weg war schnell erklärt, aber:
Er: “Was ich Sie mal fragen wollte… Also, von welchem Orden kommen Sie eigentlich?”
Ich: (Nach kurzer Verwirrung) “Ähh, dem islamischen.”
Er: (nickt nachdenklich) “Achso.”
Nach einer kurzen Pause schaut er mich mit zusammengekniffenen Augen – noch immer nachdenklich – an und fragt:
“Übergetreten was?”
Neue Kategorie: Absurditäten aus meinem Alltag
Seitdem ich als Muslima erkennbar bin passieren mir allerlei Dinge, die ich nie erwartet hätte. Manchmal sind es lustige Begegnungen, manchmal ärgerliche, manchmal traurige, oft verletzende. Immer komme ich mir jedoch vor wie vom Mars: “Wo bin ich hier gelandet und was wollen mir all diese komischen Leute eigentlich sagen?” Heute war es wieder soweit, was mich zur Eröffnung meiner neuesten Kategorie auf diesem Blog veranlasste. Vorsicht lieber Leser: Ich habe noch einige Geschichten aus meiner Vergangenheit aufzuarbeiten und rechne auch mit immer wieder neuen Anekdoten, so dass mir der Stoff so schnell nicht ausgehen wird!
Also heute war es mal wieder soweit und traf mich – wie so oft – völlig unvorbereitet. Da es heute sehr warm war, ging ich zur Tankstelle um die Ecke, um mir ein leckeres Eis zu holen. Das Eis war schnell ausgesucht, die Schlange vor der Kasse lang. Noch in der Schlange drängelte sich ein Halbwüchsiger mit Bravo in der Hand vor und in halb wehmütiger halb belustigter Erinnerung an meine eigene Jugendzeit ließ ich ihn gewähren. Als ich endlich an der Reihe war fragte mich die Kassiererin:
“Haben Sie getankt?”
Ich dazu “Nein”
Und nun kommt der Teenie von eben wieder ins Spiel, der noch die ganze Zeit neben mir stand:
(kichernd) “Die sieht ja auch nicht aus als ob sie ein Auto hätte.”
Ich: “???”
Teenie: “Naja, so Leute mit Tuch, die haben ja keine Autos.”
Ich (nicht glaubend, dass ich mich auf dieses Gespräch einlasse): “Ich hab aber eins.”
Teenie: “Nein, aber meistens haben die doch keins.” (Man bemerke, dass er zwar die ganze Zeit mich ansprach, aber immer von ominösen Dritten sprach, damit aber mich meinte. Übrigens Standard, was man an noch folgenden Geschichten sehen wird.)
Wir waren mittlerweile auf dem Weg nach draußen und ich wollte eigentlich noch etwas sagen, aber der Junge fing dann auf einmal an zu rennen und haute ganz schnell ab. Es war ihm wohl peinlich.

Bildnachweis: Hijab-a-scooter von aymanshamma
In meine abgenutzten Hände, Herr
Ich liebe es, in Antiquariaten zu stöbern. Eine Sache, die mich dabei besonders reizt, ist zu sehen was Menschen so alles mit ihren Büchern anstellen. Da finden sich liebevolle Widmungen und manchmal auch Bleistiftanmerkungen an den Rändern. Ich habe z.B. ein Buch, das dem Vorbesitzer wohl gar nicht gefallen hat. Man findet an den Rändern Anmerkungen, die auf einen intensiven inneren Dialog mit dem Autor hinweisen, wie z.B.: “So einfach war das nicht, mein Herr”; “Kleingeist!”; “Aha, wieso nicht?”; “Linguistenidiot”; “Hier vergisst er sich”; “Kotz!” usw. auf vielen Seiten des Buches. Es war ein riesiges Vergnügen für mich, dieses Buch zu lesen.

Foto: psilver
In einem anderen Buch mit den Namen “Der Rosengarten” entdeckte ich zuhause viele wunderbar duftende Rosenblätter, die der Vorbesitzer zum Trocknen dort ablegte.
Aber eigentlich wollte ich ja nur meinen heutigen Fund mit der Welt da draußen teilen. Ich habe nämlich einen Papierschnipsel mit einem ganz schönen Gedicht von Rainer Maria in einem kürzlich antiquarisch erworbenem Buch gefunden:
In meine abgenutzten Hände, Herr:
wie darf ich meine schwere Seele nehmen
in meine abgenutzten Hände, Herr?
Vielleicht sind jene Stellen grad noch rein,
an denen ich im Heben sie berühre:
vielleicht sind jene Stellen grad noch rein.
Un dann: erheb ich sie, mein Gott, wer weiß.
Nimmst du sie ab, wenn ich sie aufwärts halte,
so lange und so hoch ich halten kann:
Nimmst du sie ab, wenn ich sie aufwärts halte?
Endlich Winter!
Auch bei uns… Innerhalb von 2 Stunden ist alles zugeschneit und auf der Straße kann man sich Schneeballschlachten mit 4-Jährigen liefern. So macht mir der Winter Spaß.





