Aldi, Lidl, Israel und die große Spendenaktion

Normalerweise kriege ich Massenmails mit irrsinnigen Betreffs (“Macht bei dieser Online-Umfrage mit!?!?!?!”, “Gehe nicht zu Demonstration weil das unislamisch ist!!!!!!!”, “SubhanAllah – Mekka Zentrum der Erde!?!?!??!!?!!!“) und offenen Mailadressen nur unterbewusst mit. Sie landen bei mir direkt im Papierkorb. In den letzten Tagen erreichen mich allerdings soviele SMS, Anrufe und Emails einem Boykottaufruf von Aldi und Lidl betreffend, dass ich mich genötigt sehe dazu jetzt mal was zu schreiben1 . Die Emails haben folgenden Inhalt:

Salam, Aldi und Lidl machen Spende für Israel. daher bitte nicht dort einkaufen,vor allem in der Zeit bis übernächsten Samstag,den 17.01.2009.

oder auch in Variation:

Den Freitag 9.1. 09 und den Samstag 10.1.09 alles bei LIDL und ALDI verkauft werden dieses Geld für Israelis schicken um die Israelis zu “Helfen Palästina zu zerstören” .

oder als SMS:

Am 10.01. nicht bei Aldi + Lidl einkauffen! Das Geld wird für Israel gespendet! Bitte weitersagen! Nachricht ist von einem Bruder, der bei Aldi als Filialleiter arbeitet!

Ich habe gleich mehrere Probleme mit diesen Nachrichten:

  1. Die Unlogik. Wenn ein Konzern etwas spenden möchte, dann tut er das ohnehin und nicht nur an bestimmten Tagen. Was soll mein Boykott an diesen Tagen also bringen?
  2. Die fehlenden Quellen. Wie kommen Muslime (die Absender sind bei mir ausschließlich Muslime, oder zumindest Leute mit arabisch oder türkisch klingenden Namen) darauf, solch offensichtlich abstrusen und dubiosen Behauptungen ohne vorherige Überprüfung weiterzuleiten? Auf Nachfrage kommt die Antwort: Ja, das haben soooo viele mir geschickt, dann muss es ja stimmen!. Oder: “Aldi gehört ja auch Juden2” .
  3. Hier habe ich dann gleich das nächste Problem, nämlich die misstrauische bis offen feindliche Haltung Juden in ihrer Gesamtheit gegenüber. Sie ist mir schon öfters begegnet, nur heißt das nicht, dass sie deswegen auch richtig ist. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass Menschen die irgendeiner Gruppe – Juden, Christen, Afrikaner, Atheisten usw. – angehören nicht alle gleich sein, denken oder handeln können. Trotzdem wird dieses Pauschalurteil immer wieder geäußert. Ironischerweise von Leuten, die sich selbst – oft zurecht – als Opfer eines rassistischen Vorurteils sehen und es wegen dieser Erfahrung besser wissen könnten/sollten.

Nun, wenn schon die eigene Vernunft einen nicht mehr aufhält, dann doch wenigstens – so meine stille Hoffnung – die Realität. Ein paar Muslime haben sich die Mühe gemacht, das Märchen zu überprüfen. Ich dokumentiere an dieser Stelle zwei Emails zum Thema, damit möglichst viele darauf aufmerksam werden, die sich erstmal im Netz informieren wollen, bevor sie sinnlose Emails weiterleiten oder unsinnigen Boykottaufrufen folgen.

Die erste ist von der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen:

Von: “Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen”
Datum: 9. Januar 2009 09:38:50 MEZ
Betreff: ACHTUNG: Falsche Meldungen zu Palästina/Israel mittels SMS und E-Mail

Liebe Freunde und Geschwister,

rael spenden” auch in Deutschland kursiert seit 07. Jänner die gleiche Nachricht.”

Dieser ist ein absoluter UNFUG und BLÖDSINN. Wir haben es auch inzwischen verifiziert, indem wir bei den Konzernen direkt nachfragten.

Unser Appell an alle die Nerven zu bewahren und KEINE wie immer unverifizierte Meldungen herum verteilen. Wir sollen gerade in dieser emotionalen Situation um Gaza nicht jede dubiose Meldung weiterleiten. So etwas würde auf uns schlecht zurückfallen.

Liebe Grüße und besten Dank

Für die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen:

Tarafa Baghajati

Liebe Grüße und besten Dank
Für die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen:
Tarafa Baghajati
_______
Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

www.islaminitiative.at
e-mail:dieinitiative@gmx.at

Die zweite Email habe ich von einem Muslim, den ich nicht persönlich kenne, weiter geleitet bekommen. Es ist die Antwort vom ALDI SÜD-Serviceteam zum Thema:

Datum: Fri, 09 Jan 2009 17:03:55 +0100
Von: mail@aldisued.de
Betreff: RE:Boykottaufruf [#394936]
An: xxxxx.xxxx@yahoo.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Email und die damit verbundene Anfrage.

Gerne teilen wir Ihnen mit, dass es sich bei der angeblichen Unterstützung von Israel um ein Gerücht handelt, das jeder Grundlage entbehrt.

Wir möchten Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es zu den Grundsätzen der Unternehmensgruppe ALDI SÜD gehört, sich nicht politisch oder religiös zu engagieren.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr ALDI SÜD-Serviceteam

Die ganze Aufregung geht meines Erachtens auf eine berechtigte Empörung über die aktuellen Verbrechen am palästinensischen Volk zurück. Es kann aber nicht sein, dass man daraufhin unvernünftig, irrational, unlogisch und zudem noch rassistisch wird. Wir ändern gar nichts an der Sache wenn wir die falschen Ursachen dafür verantwortlich machen – hier die Religion des Anderen – und unsere Zeit mit Quatsch verschwenden. Dieser Konflikt ist vor allen Dingen ein politischer – es geht um Land, Wahlen, und die Vertreibung eines Volkes durch ein anderes durch Massenmord und Deportation vertriebenes Volk. Muslime sollten sehen, dass sie nicht alleine sind in ihrer Ablehnung der israelischen Vorgehensweise in Gaza. Ich habe in meinem vorherigen Blogeintrag ja unterschiedliche Websites vorgestellt, die Informationen zur Geschichte des Konflikts zur Verfügung stellen und den politischen Widerstand und Friedensaktivismus verschiedener Gruppierungen (muslimisch, jüdisch, national oder säkular motivierter Natur) reflektieren – vor allen Dingen weil diese Seiten wirklich gut und umfassend informieren, aber auch, um zu zeigen, dass Protest selbst aus Israel kommt, also über religiöse und nationale Grenzen hinausgeht. Die Ohnmacht, die viele Menschen aufgrund dieser Situation empfinden ist real: wir werden den Konflikt nicht mit einem Zauberstab von heute auf morgen beenden. Aber es gibt Möglichkeiten, Leid zu lindern, indem man Zeit und Geld spendet; aufzuklären, indem man echte Informationen verbreitet und evtl. durch Übersetzungen zur Verfügung stellt und darüber diskutiert; sich zu engagieren bei den vielen Gruppierungen (Kulturvereine, manche Parteien, Friedensinitiativen) die das Thema Palästina auch in “ruhigen” Zeiten auf der Agenda haben oder sich an Politiker (auch die lokalen) wendet um das eigene Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen und ihre Unterstützung in irgendeiner Form zu gewinnen.

UPDATE:

Mittlerweile finden sich auf den Seiten von Aldi und Lidl schon Dementis. Mit Dank an Blog-Dunia.

Fußnoten
  1. Mittlerweile glaube ich, dass so viele Muslime diese Nachricht bekommen haben, dass es sich fast lohnen würde, morgen mal beim Aldi um die Ecke zum Test vorbei zu schauen. []
  2. Diese “Info” ist zwar vollkommen irrelevant, aber trotzdem ausgemachter Quatsch, die beiden Gründer sind katholisch-christlich und das Unternehmen befindet sich noch immer in Familienbesitz laut Wikipedia. []

Gespräche in Behörden…

..können durchaus sprachlos machen.

So kam es eines schönen Tages in irgendeiner deutschen Behörde zu diesem denkwürdigen Gesprächsansatz zwischen Sachbearbeiterin (SB) und Muslima (M):

SB: “Islam… (nachdenkliches Stirnrunzeln) … dit is do so eher im Süden anjesiedelt, wa?”

M:”hmm”

Frauenschwimmen oder “Schwestern, schwimmt doch grade!”

Es gibt ja mittlerweile in vielen Schwimmbädern Zeiten, die für Frauen reserviert sind. Ich nutze diesen Service gerne, war nur in den unterschiedlichen Bädern meistens frustriert bzw. belustigt. Hier meine Beobachtungen:

- Ich habe das Gefühl, dass es für manche eher als Picknick als zur sportlichen Betätigung dient. Da wird dann der Tee und das leckere Käsegebäck ausgepackt und so macht man es sich dann in Gruppen von 10 oder mehr Frauen so richtig am Rand gemütlich. Das soll wohl gute alte Hamamtradition sein, wie ich mir von einer Insiderin erklären ließ. Gut, das stört mich auch nicht, so lange ich in Ruhe auf einer Bahn hin und her schwimmen kann. Aaaaaaber…

- Es gibt da noch die Angewohnheit, nicht längs der Bahn entlang zu schwimmen, sondern quer oder wahlweise auch von einer Ecke zur anderen. Manchmal trifft man dann auch eine oder gleich mehrere Freundinnen auf dem Weg, woraufhin man sich dann mitten im Becken über wichtige Dinge austauschen muss und sich dabei köstlich amüsiert. Das treibt mich dann endgültig in den Wahnsinn, weil ich dann andauernd anhalten muss und gar nicht richtig zum schwimmen komme. Zum Glück gibt es Bademeisterinnen!

Fahrradfahren…

… hat eine besonders irritierende Wirkung auf Mitmenschen wenn man dazu ein Kopftuch trägt. So wie scheinbar alles, außer Alditüten schleppen und Fenster putzen. Die Reaktionen sind auch oft für mich irritierend, z.B. wenn jemand meint, mich ermutigen zu müssen und anerkennend bis bewundernd sagt: “Find ich echt ganz toll, du fährst ja Fahrrad!”, oder wenn ein schwäbischer Tourist am Brandenburger Tor ganz aufgeregt seine Frau dazu auffordert, doch ganz schnell ein Foto von diesem außergewöhnlichen Ereignis (ich auf Fahrrad) zu schießen.

Überhaupt Touristen: fast vom Sattel gehauen hat mich mal eine Gruppe süddeutscher Touristen, denen ich eines sommerlichen Tages auf dem Weg durch den Tiergarten begegnete. Sie (ungefähr 5 Frauen und Männer mittleren Alters) winkten mir zunächst freudig entgegen, als ich näher kam rief mir dann einer von ihnen – unter schallendem Lachen seiner Begleiter – zu: “Allahu akbar!”

Verwirrungen

Eines schönen Tages spazierte ich durch einen südlichen Stadtteil Berlins, in dem ich mich nicht gut auskannte. Ich war bei Freunden zum Essen eingeladen und kannte die Gegend nicht. Also fragte ich einen Mann mittleren Alters, der grade in seinem Vorgarten die Hecke schnitt, nach dem Weg. Der Weg war schnell erklärt, aber:

Er: “Was ich Sie mal fragen wollte… Also, von welchem Orden kommen Sie eigentlich?”

Ich: (Nach kurzer Verwirrung) “Ähh, dem islamischen.”

Er: (nickt nachdenklich) “Achso.”

Nach einer kurzen Pause schaut er mich mit zusammengekniffenen Augen – noch immer nachdenklich – an und fragt:

“Übergetreten was?”

Ich bejahe und wir verabschieden uns lächelnd.

Neue Kategorie: Absurditäten aus meinem Alltag

Seitdem ich als Muslima erkennbar bin passieren mir allerlei Dinge, die ich nie erwartet hätte. Manchmal sind es lustige Begegnungen, manchmal ärgerliche, manchmal traurige, oft verletzende. Immer komme ich mir jedoch vor wie vom Mars: “Wo bin ich hier gelandet und was wollen mir all diese komischen Leute eigentlich sagen?” Heute war es wieder soweit, was mich zur Eröffnung meiner neuesten Kategorie auf diesem Blog veranlasste. Vorsicht lieber Leser: Ich habe noch einige Geschichten aus meiner Vergangenheit aufzuarbeiten und rechne auch mit immer wieder neuen Anekdoten, so dass mir der Stoff so schnell nicht ausgehen wird!

Also heute war es mal wieder soweit und traf mich – wie so oft – völlig unvorbereitet. Da es heute sehr warm war, ging ich zur Tankstelle um die Ecke, um mir ein leckeres Eis zu holen. Das Eis war schnell ausgesucht, die Schlange vor der Kasse lang. Noch in der Schlange drängelte sich ein Halbwüchsiger mit Bravo in der Hand vor und in halb wehmütiger halb belustigter Erinnerung an meine eigene Jugendzeit ließ ich ihn gewähren. Als ich endlich an der Reihe war fragte mich die Kassiererin:

“Haben Sie getankt?”

Ich dazu “Nein”

Und nun kommt der Teenie von eben wieder ins Spiel, der noch die ganze Zeit neben mir stand:

(kichernd) “Die sieht ja auch nicht aus als ob sie ein Auto hätte.”

Ich: “???”

Teenie: “Naja, so Leute mit Tuch, die haben ja keine Autos.”

Ich (nicht glaubend, dass ich mich auf dieses Gespräch einlasse): “Ich hab aber eins.”

Teenie: “Nein, aber meistens haben die doch keins.” (Man bemerke, dass er zwar die ganze Zeit mich ansprach, aber immer von ominösen Dritten sprach, damit aber mich meinte. Übrigens Standard, was man an noch folgenden Geschichten sehen wird.)

Wir waren mittlerweile auf dem Weg nach draußen und ich wollte eigentlich noch etwas sagen, aber der Junge fing dann auf einmal an zu rennen und haute ganz schnell ab. Es war ihm wohl peinlich.

hijab_a_scooter.jpg

Bildnachweis: Hijab-a-scooter von aymanshamma

Apple Store in New York – Von der Fabrikation eines “Skandals”

Am 11. Oktober berichtet MEMRI über einen Aufruf einer nicht genannten islamischen Website, gegen den neuen Apple Store in New York zu protestieren. Dies, da der Laden der Kaaba ähnle und somit Muslime aufs heftigste beleidigen würde. In dem Bericht taucht auch ein Foto auf und tatsächlich es ist ein schwarzer Kubus. Naja, nicht weiter schlimm eigentlich. Außerdem habe ich von so einem Aufruf bisher nichts gehört und was auf der MEMRI Seite – bekannt für einseitige Berichterstattung – nicht erwähnt wird: der Apple Store sieht mittlerweile ganz anders aus und es hat sich wohl auch noch kein Muslim offiziell beschwert. Im Gegenteil: Muslim Community Responds: We Love the Apple NYC Cube!

Das war auch nie anders geplant. Ich kann dazu nur sagen: Herzlichen Glückwunsch an Apple zum wie gewohnt gelungenem Design und ansonsten: locker bleiben.