Einführung in das Koranarabische anhand der Sure “al-Mulk” – Robert Breitinger
Viele Menschen lernen Arabisch aus der Motivation heraus, islamische Quelltexte – und zwar vorrangig den Koran – lesen und verstehen zu können. Warum sich also mit den für Anfängerlehrwerke typischen Restaurant- und Arztdialogen herumquälen? Das ist oft extrem frustrierend weil das angestrebte Ziel weit entfernt scheint. Der Verlag für islamische Bildung und Erziehung (VIBE) stellt für dieses Problem ein kleine aber feine Lösung parat: mit der Einführung in das Koranarabisch anhand der Sure 67 “Die Herrschaft” können sogar Grammatikanfänger direkt mit dem Korantext arbeiten. Lediglich mit den arabischen Buchstaben sollte man bereits vertraut sein.
In zwölf Lektionen wird der Lerner in Grundlagen der arabischen Grammatik anhand von Beispielen aus der Sure al-Mulk eingeführt: Wortarten, Verbalstämme, Verneinung usw. Der Anhang ist äußerst hilfreich: hier findet sich die gesamte Grammatik des Buches noch einmal komprimiert und sehr übersichtlich gestaltet auf sieben Seiten wieder. Zum Vokabeltraining ist hier auch der komplette erlernte Wortschatz in Verben und Nomen unterteilt aufgelistet und außerdem sind zum Schluss alle grammatischen Fachausdrücke erklärt. Wirklich brauchbar wird das Buch auch für Anfänger durch die konsequente Umsetzung aller arabischen Passagen in wissenschaftliche Umschrift und Übersetzung und die farbliche Markierung der jeweils relevanten Abschnitte. Kurz: das Buch ist in sich abgeschlossen und benötigt keine zusätzlichen Materialien. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Verlag in Zukunft weiterführende Grammatikbücher produzieren würde.
Von MTV nach Mekka – Kristiane Backer
Es ist gut 15 Jahre her, dass ein deutscher prominenter Muslim eine Autobiografie über seinen Weg zum Islam geschrieben hat. Nach Murad Wilfried Hofmann und Abdul Hadi Christian Hoffmann hat nun eine Frau eine Biografie geschrieben – die ehemalige MTV-Moderatorin Kristiane Backer. In „Von MTV nach Mekka“ erzählt Backer von ihrem Weg zum Islam, der vor 17 Jahren in London, noch während ihrer Zeit als MTV-Moderatorin, begann.
Hier die online Version bei der IZ.
Einführung in die Islamwissenschaft – Peter Heine
Diese Rezension ist eigentlich bei der IZ erschienen. Ich konnte sie dort allerdings nicht mehr online finden, deswegen stelle ich sie hier ein.
Anfang 2009 ist im Akademie Verlag eine Einführung in die Islamwissenschaft von dem renommierten Islamwissenschaftler Peter Heine erschienen. Das Buch soll eine Lücke füllen und Anfänger in ihrem Studium der Islamwissenschaft in Seminaren, Prüfungen und Studienarbeiten begleiten.
In 14 Kapiteln gibt der Autor einen möglichst umfassenden Überblick über Kernthemen, die in der Islamwissenschaft behandelt werden. Das Spektrum ist denkbar vielfältig: Von der Geschichte der Islamwissenschaft, über die obligatorischen Themenbereiche Koran und Sunna, bis zu Forschungen über die muslimische Stadt und moderne Jihad-Forschung wird der Autor dem breiten Themenspektrum des Faches gerecht. In jedem Kapitel wird zunächst ein Überblick über die Hauptdiskussionen im jeweiligen Themengebiet gegeben, die es innerhalb der Islamwissenschaft gegeben hat, dann wird meist ein Überblick über das Phänomen an sich (etwa die Entstehungsgeschichte des Korans oder die Geschichte des Islams in Deutschland) gegeben um dann in abschließenden Fragen dem Leser noch einmal die Möglichkeit zu geben, das Gelesene Revue passieren zu lassen.
Aufgrund der Masse an Themen, die abgedeckt werden, läuft das Buch oft Gefahr in oberflächliche Information abzugleiten und wichtige Information zu übergehen oder fehlerhaft darzustellen. So muss der Leser allerdings stellenweise davon ausgehen, dass mangelnde Kenntnisse muslimischer Glaubenspraxis oder des Korans verantwortlich für den einen oder anderen Lapsus sind. Nur so kann man sich erklären, dass die Befreiung Kranker vom Fasten im Ramadan als „außer Acht lassen“ koranischer Gebote zu betrachten sei, das lediglich auf Rechtskniffen (ungenannter) Rechtsgelehrter beruht. Dass sich diese Regelung aber direkt aus dem Koran ableitet (Sure 2: 185) – also selbst ein koranisches Gebot darstellt –, scheint hier untergegangen zu sein.
Auch zeigt sich durch das ganze Buch eine grundlegende Haltung islamischer Geistes- und Wissenschaftsgeschichte gegenüber, die man allzu häufig in den Orientwissenschaften wieder findet. So ist oft von „den Gelehrten“ die Rede, wenn es darum geht konkrete Debatten oder Positionen innerhalb der klassischen islamischen Wissenschaften nachzuzeichnen. Was ist daran problematisch? Ein komplette Welt wird dadurch verschleiert wenn von ominösen namenlosen „Gelehrten“ die Rede ist, wenn in Wirklichkeit bekannte Namen und konkrete Haltungen dahinter stehen. Es ist nicht zu hoch erwartet, angehenden Islamwissenschaftlern Namen und Gruppierungen zu benennen, mit denen sie im Laufe ihres Studiums ohnehin konfrontiert werden müssen. Zudem soll dieses Buch ja als Nachschlagewerk dienen, das den Studenten durch das Studium begleitet.
Besonderes Interesse weckt das Kapitel „Islam in Deutschland“, ist es doch lange kein Kernthema islamwissenschaftlichen Interesses gewesen. Das Kapitel informiert über die Geschichte des Islam in Deutschland, muslimische Organisationen und den derzeitigen Forschungsstand, der erwartungsgemäß recht mager ausfällt. Mit der Struktur und Entstehungsgeschichte muslimischer Verbände scheint der Autor nicht allzu vertraut zu sein – die Gründung des KRM kommt in der Darstellung nicht vor, der Islamrat scheint mit der DML verwechselt worden zu sein u.ä. Dem Autor ist es anzurechnen, die Debatte um eine Anerkennung muslimischer Organisationen als Religionsgemeinschaften/ Körperschaften des öffentlichen Rechts in einer solchen Veröffentlichung zu thematisieren. Die Zukunftsvisionen des Autors – sollte ein solche Anerkennung gelingen – scheinen aber realitätsfern. Peter Heine befürchtet wohl tatsächlich eine der beteiligten Organisationen habe sich vorgenommen, im Falle einer Anerkennung die Zakat durch die deutsche Finanzverwaltung einziehen zu lassen.
Trotz aller Kritik ist dieses Buch zu empfehlen, da es Debatten innerhalb der Islamwissenschaft kurz, knapp und lesbar nachzeichnet. Diese ermöglichen dem interessierten Leser, das breite Interessenspektrum und die Diskussionsviefalt dieses Faches zu erahnen. Weiterhin sind die Literaturempfehlungen am Ende eines jeden Kapitels manchmal hilfreich und meist auch anspruchsvoll – spiegel sie doch Haltungen und Ergebnisse der Islamwissenschaft, die es (leider) nicht immer in die Wahrnehmung der Mainstreammedien schaffen. Für das Studium kann dieses Buch sicherlich in manchen Gebieten als Ausgangspunkt weiterer Recherchen dienen.
Peter Heine, Einführung in die Islamwissenschaft, erschienen im Akademie Verlag. Preis: 19,80 Euro.
Das Unbehagen in der Islamwissenschaft – Abbas Poya, Maurus Reinkowski
Ich hatte ganz vergessen, auf diese Rezension aufmerksam zu machen. Leider ist sie nur per Abo einsehbar:
Das Selbstverständnis der Islamwissenschaft im Westen ist, nicht nur seit Veröffentlichung der mittlerweile zum Klassiker gewordenen Abrechnung „Orientalism“ von Edward Said Ende der 70er, Thema von Veröffentlichungen und Konferenzen gewesen. Dies ist auch im deutschsprachigen Bereich der Fall. Den jüngsten Versuch einer Identitätssuche stellt die Aufsatzsammlung „Das Unbehagen in der Islamwissenschaft – Ein klassisches Fach im Scheinwerferlicht der Politik und Medien“, herausgegeben von Abbas Poya und Markus Reinkowski, dar.
Mein Islambuch
In der aktuellen Ausgabe der Theo-Web – Zeitschrift für Religionspädagogik (8. Jahrgang 2009, Heft 1) habe ich zusammen mit Annett Abdel-Rahman das Schulbuch für den islamischen Religionsunterricht der 1./2. Klasse “Mein Islambuch” von Serap Erkan, Evelin Lubig-Fohsel, Gül Solgun-Kaps und Bülent Ucar rezensiert. Die Rezension ist auch online einsehbar.
Trickster Travels – Natalie Zemon Davis

Durch einen Zeitungsartikel neugierig geworden, habe ich mir dieses Buch über al-Hasan ibn Muhammad ibn Ahmadal-Wazzan al-Fasi besorgt. Er wurde wohl zwischen 1486 und 1488 (891-93 nach der Hijra) in Granada geboren und wuchs in Fes, Marokko, auf. Man vermutet, dass er um 1491 zusammen mit seiner Familie nach Nordafrika auswanderte, ca. 10 Jahre bevor Juden und Muslime aus Andalusien nach Nordafrika vertrieben wurden. In Fes wuchs er also heran und erfuhr hier auch seine Ausbildung in klassisch-islamischen Disziplinen wie dem malikitischen Fiqh, Koran- und Sprachstudien. Als junger Mann unternahm er weite diplomatische und kaufmännische Reisen durch Nord- und Mittelafrika und die Türkei im Auftrag des wattasidischen Sultans von Fes Muhammad al-Burtughali. Auf einer Rückreise durch das Mittelmeer im Jahr 1518 wurde al-Hasan al-Wazzan von christlichen Prtane gefangen genommen und als Sklave nach Rom gebracht. Seine Bildung machte ihn zu etwas besonderem und so wurde er dem damaligen Papst Leo X. zum Geschenk gemacht. Zunächst verbrachte er die Zeit dort als Gefangener, der allerdings Zugriff zur vatikanischen Bibliothek hatte. Ein Jahr nach seiner Ankunft durfte das Gefängnis verlassen und trat zum Christentum über.1 Er wurde vom Papst persönlich getauft, der ihm auch mit seinem Namen Pate stand. Unter seinem neuen Namen Leo Africanus (auch Giovanni Leone) sollte al-Hasan al-Wazan einige Berühmtheit erlangen, als der Autor mehrerer Bücher und Lexika über die Geographie und Kulturen Afrikas, die arabische Sprache und berühmte Personen Afrikas. Wenig ist davon erhalten geblieben, außer die über Jahrhunderte als Standardwerk geltende Cosmographia Del’ Africa. Nach seinem 10-jährigen Aufenthalt in Italien gibt es nur noch wenig gesicherte Daten über ihn: entweder ging er zurück nach Nordafrika, starb auf dem Weg dorthin oder kam während der Plünderung Roms durch die Truppen Karls V. um.
Das vorliegende Buch ist deshalb so wertvoll weil es jeder noch so dünnen Spur über das rätselhafte Leben des Giovanni Leone nachgeht und sämtliche Möglichkeiten durchdenkt. Manches Mal strapaziert dies die Phantasie des Lesers stark, aber die Autorin schafft es so nicht nur die Person, ihre Sichtweise und Erfahrungen genauer auszuloten, sondern auch die Zeit und das intellektuelle und politische Umfeld, in dem al-Hasan al-Wazzan sich aufhielt näher zu beleuchten. Keine einfache Lektüre, aber dennoch sehr empfehlenswert. Im September 2008 scheint die deutsche Ausgabe herauszukommen unter dem Titel “Leo Africanus: Ein Reisender zwischen Orient und Okzident”.
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Linktipp: Leo Africanus – informative Seite mit wissenschaftlich ausgewogenen Hintergrundinfos
Lexikon der Islam-Irrtümer – Alfred Hackensberger
Selten habe ich ein so merkwürdiges Buch gelesen. Auch Alfred Hackensberger hat sich vorgenommen, “Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse”1 in Bezug auf den Islam aufzuklären.
Das Buch ist so aufgebaut, dass man unter einem Schlagwort – z.B. Frauen – ein dazugehörendes Vorurteil oder Missverständnis findet – z.B. Die muslimische Frau ist ein unterdrücktes Wesen. Im darauffolgenden Absatz macht sich Alfred Hackensberger dann daran, seine Sichtweise der Dinge darzustellen. In dem von mir gegebenen Beispiel gelingt ihm das auch recht gut, wie ich finde. Der Autor weiß viel und unterschiedliches aus seiner eigenen Erfahrung als Dozent für Deutsch als Fremdsprache in Marokko und seiner Tätigkeit als Reporter im mittleren Osten zu berichten, so dass ihm oft ein wirklich informativer Einblick gelingt. Dies ist vor allen Dingen in politischen Betrachtungen der Fall. Sehr interessant sind für mich die Artikel zum Themenbereich “Konflikte im Nahen Osten” gewesen.
An manchen Stellen scheint es jedoch, dass dem Autor so gar kein wirkliches Vorurteil einfiel, der Autor aber trotzdem das Buch mit seinen Erfahrungen und Sichtweisen füllen mochte. So kommt dann ein Vorurteil wie “Muslime trinken keinen Alkohol, weil es ihnen der Koran verbietet” zustande. Dem folgt ein kurzer Artikel mit Berichten über Alkoholgeschäfte in Damaskus, Bierliebhaber in Marokko und das vermeintliche Fehlen eines Verbotes von Alkohol im Koran usw. Mir erschien dieser Artikel (und andere) eher wie ein Zeilenfüller, und ist zudem noch falsch. Denn es ist natürlich so, dass Muslime keinen Alkohol trinken, weil es “ihnen der Koran verbietet”.2 Der Fakt, dass sich nicht alle/oder auch nur wenige Muslime daran halten, beweist noch nicht das Gegenteil.
Etwas unseriös wirkt Hackensbergers Vorliebe für eine einseitige Darstellung der Thesen der “Luxenberger Schule” als die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. So findet man immer wieder Verweise auf Luxenberg selbst oder Ohlig in einigen der Lexikoneinträge, obwohl diese in Fachkreisen längt widerlegt sind bzw. dort aufgrund der mangelhaften Methodik oft nicht ernst genommen werden konnten. Dem Hackensberger scheinen sie aber einfach zu gefallen, und so findet man dann unter diversen Einträgen, besonders zum Thema “Koran”, Ausführungen und Interviews mit Luxenberg’schen Thesen. Für Hackensberger scheinen diese ein hoffnungvoller Weg zum historisch-kritischen Umgang mit dem Koran zu sein. Doch genau das sind sie nicht3, denn ein wirklich historisch-kritischer Ansatz setzt sich zunächst einmal systematisch mit den vorhandenen Quellen auseinander. Diese sind zahlreich und beinhalten natürlich auch die mündlichen Quellen (ja, auch diese sind schriftlich festgehalten). Ein lobenswertes Projekt, dass diesen Ansatz heute tatsächlich verfolgt ist das Corpus Coranicum in Potsdam. Mit den Quellen4 setzten sich Leute wie Luxenberg oder Ohlig allerdings nur selektiv auseinander – also wenn es die eigene zu beweisende Theorie unterstützt –, wenn sie es überhaupt tun.
Alles in allem habe ich das Buch ganz gerne gelesen, weil es in den genannten Bereichen (Frauenunterdrückung, Politik) wirklich erkenntnisfördernd sein kann. Jedoch glaube ich, dass Alfred Hackensberger durch seine eigene eingeschränkte Sicht in großen Teilen doch wieder nur alte und neue Vorurteile bestärkt.
al-Muhaddithat: the women scholars in Islam – Mohammed Akram Nadwi
Ich freue mich ja über jedes Buch, das ich geschafft habe zu lesen, aber dieses hier ist besonders wertvoll. Es handelt sich dabei um die englische Übersetzung des Vorwortes eines noch nicht erschienenen 40-bändigen Biographie-Lexikons über weibliche Hadith-Gelehrte (muhaddithat) von dem indischen Gelehrten Mohammad Akram Nadwi. Welches Ausmaß an wissenschaftlicher Fleißarbeit der Autor geleistet haben mag, kann man erahnen, wenn man bedenkt, dass allein dieses Vorwort 300 Seiten stark ist.
In zehn Kapitel erläutert Mohammad Akram Nadwi detailliert wie der Alltag einer/s Hadithgelehrten zu verschiedenen Zeiten ausgesehen haben kann. Die geschieht ausschließlich anhand von Quellen und Zitaten. Dass es ausführliche Biographielexika aus den unterschiedlichen Zeiten gibt wusste ich. Auch, dass es davon unterschiedliche Genres gibt, je nach Fachgebiet in dem diese Biographien eine Relevanz besitzen – mal um Tradenten von Hadithen zu klassifizieren, mal um berühmte Persönlichkeiten eines Jahrhunderts oder einer Stadt aufzulisten o.ä. Die Literatur, die ich bis jetzt zu diesem Thema gesichtet hatte, bezieht sich denn auch fast ausschließlich auf solche Lexika, bzw. bezieht sich auf Hadithsammlungen, wenn es sich um Personen aus dem Umfeld des Propheten (a.s.s.) oder deren Nachfolger handelt. Dem Autor des vorliegenden Buches steht aber weiteres Quellenmaterial zur Verfügung. So zieht er Briefe, Anwesenheitslisten von Hadithkursen (!!!) oder Lizenzschriften (Ijaza) heran, die teilweise aus dem 12. Jahrhundert stammen. Diesen können unterschiedliche und erstaunlich detaillierte Angaben entnommen werden: volle Namen der Lehrerin, vollständige Namen und Herkunft der Schüler, evtl. verkürzte Teilnahme der Schüler, Unterrichtsstoff usw.
Das ausführliche Literaturverzeichnis, komplexe Verweise, Kartenmaterial, Kopien von Originaldokumenten und vier verschiedene Indizes für Gefährten und deren Nachfolger (sahaba/tabi’i), weibliche Gelehrte, männliche Gelehrte und Orte runden dieses Buch ab und machen es zu einem unvergleichlichen und nützlichen Nachschlagewerk. Einfach wunderbar.
Sick of Sick? – André Meinunger
Über den Bremer Sprachblog bin auf dieses Buch gestoßen. Der etwas verwirrende Titel rührt daher, dass der Autor – Linguist am Berliner Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft – sich kritisch mit den zahlreichen Publikationen von Bastian Sick – vielen bekannt durch “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod” – auseinandersetzt. Der Titel kommt zwar etwas gehässig daher, was aber der Lektüre dieses spannendes Buches keinen Abbruch tut.
Der Autor befasst sich in 25 recht kurz gehaltenen Kapiteln mit von Sick – in seinen Büchern, seiner Spiegelkolumne “Zwiebelfisch” und neuerdings auch einem Spiel – bemängelten Phänomenen der gegenwärtigen deutschen Sprache. Dabei wird klar, dass die Sicksche Kritik in Teilen oberflächlich und manchmal sogar komplett irreführend ist. Umso erholsamer und einleuchtender ist da die komplexe Behandlung einzelner Themenbereiche bei Meinunger. Im Gegensatz zu Sick verfügt Meinunger über umfassende Kenntnisse der Geschichte der deutschen Sprache (und artverwandter Sprachen) und der Mechanismen die einem (absolut natürlichen) Sprachwandel unterliegen.
Bei einem Verb wie winken ist es also durchaus von Bedeutung, dessen Entwicklung zu kennen um heutige Formen wie gewunken als grammatisch korrekt einordnen zu können. Bei Sick wird dies jedoch als fehlerhaftes Deutsch bemängelt.
Im Grunde genommen sind hier zwei Auffassungen, über das was Sprache und besonders Sprachbeschreibung leisten soll, im Clinch. Nach der einen muss nach einem relativ starren Regelwerk korrigierend eingegriffen werden, die andere Auffassung begreift Sprache her als lebendigen Organismus der über “Mechanismen der Selbstregulation” verfügt.
Eine Leseprobe findet man beim Verlag.
Der Terrorist als Gesetzgeber – Heribert Prantl
In der neuen Ausgabe der Islamischen Zeitung gibt es eine Buchbesprechung von mir zum neuen Buch von Heribert Prantl:
„Das Bundesverfassungsgericht steht wie eine eins!”. Dieses Zitat stammt von Heribert Prantl, dem derzeitigen Leiter des Ressorts Innenpolitik der „Süddeutschen Zeitung“. Für Prantl ist dieses Bundesverfassungsgericht wie ein Fels in der Brandung und der Grund, noch nicht den Untergang des Rechtstaates auszurufen. Dennoch bröckelt sein Fundament. Aus diesem Grund hat Prantl nun ein aufrüttelndes und zugleich beängstigendes Buch über den Zustand des deutschen Rechtstaates geschrieben. In „Der Terrorist als Gesetzgeber – Wie man mit Angst Politik macht“ beschreibt der Publizist anhand aktueller Debatten eine Entwicklung des Rechtsstaates, wie wir ihn kennen, zu einem so genannten Präventionsstaat.
WerbungIn sechs Kapiteln dekliniert Prantl Forderungen von Politikern und Rechtstaatlern vor dem Hintergrund der aktuellen Sicherheitslage bis in die letzte Konsequenz durch. Die Fragen, die gestellt werden, sind uns allen bekannt, geistern sie nun doch seit einigen Jahren durch die Presse.
