Marwa E. – Opfer eines anti-islamisch motivierten Mordes

Ich fasse zusammen, was ich den letzten Tagen aus Medienberichten über den Mord am Mittwoch in Dresden in Erfahrung bringen konnte.

Die Apothekerin Marwa E. lebt seit dem Jahr 2005 mit ihrem Mann Ali in Dresden. Sie arbeitet dort in einer Apotheke und er ist Stipendiat am renommierten Max-Planck-Institut.

Im August 2008 begegnen sich Marwa E. (32) und Alexander W. (28) auf einem Dresdner Kinderspielplatz im Stadtteil Johannstadt. Nachdem sie ihn bittet auf einer Schaukel Platz für ihren Sohn zu machen, beschimpft er sie unter anderem mit den Worten “Islamistin”, “Terroristin” und “Schlampe”. Marwa E. ist Ägypterin, Muslima und trägt Kopftuch.

Marwa E. will sich gerichtlich gegen diese Beleidigungen wehren. Es kommt zur Verhandlung, in der Alexander W. vom Amtsgericht Dresden zu einer Geldstrafe von 780 € verurteilt wird.

Es kommt aber zu einem Berufungsverfahren. Die Berufung ging von der Staatsanwaltschaft aus, weil ihr das vorherige Urteil als zu Milde erschien und der Angeklagte sich uneinsichtig zeigte. Am 1. Juli um 9.30 beginnt also die Verhandlung vor dem Landgericht Dresden.

W., der zuvor nicht anwaltlich vertreten worden war, wurde nun Markus Haselier als Pflichtverteidiger beigeordnet. Die 12. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Tom Maciejewski hatte ihn dazu verpflichtet – wegen der Unfähigkeit des Angeklagten, sich selbst zu verteidigen, wie es hieß. (Quelle: Sächsische Zeitung)

Weil Alexander W. in dem Strafverfahren am 1.Juli Marwa E. erneut massiv beleidigte, hatte die Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht auf eine Haftstrafe gedrängt. Nach einer Stunde eskaliert die Situation, gerade in dem Moment in dem Marwa E. ihre Zeugenaussage beendet hatte. Alexander W. stürzt sich auf Marwa E., sticht innerhalb von 30 Sekunden 18 mal auf sie ein. Er ruft dabei “Du hast kein Recht, zu leben”. Marwa E. ist zu diesem Zeitpunkt im 3. Monat schwanger, ihr drei-jähriger Sohn wird Zeuge des Mordes und ihr Ehemann, der ihr zu Hilfe eilen wollte, wird ebenfalls lebensgefährlich verletzt und zudem noch versehentlich von einem Polizisten angeschossen. Ali O. ist mittlerweile, alhamdulillah, aus der Lebensgefahr. Der drei-jährige Sohn wird betreut.

Während viele Medienberichte noch über das (so offensichtliche) Motiv rätseln, ihre Artikel teilweise irreführend betiteln mit “Mord wegen Streit um Schaukel”, gibt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft folgendes über den Täter bekannt:

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte am Donnerstagabend im MDR-Fernsehen, der Täter sei ein “notorischer Ausländerhasser”. (Quelle: FR-Online)

Nabil Yacoub, ehemaliger Geschäftsführer des Dresdner Ausländerrats, gab der Sächsischen Zeitung gegenüber Aufschluss über die Hintergründe des Falles.

Der 72-jährige Ägypter kümmerte sich jahrelang um die Sorgen von Migranten. Die jetzt so schwer geschädigte ägyptische Familie habe seit vier Jahren in Dresden gelebt, sagt er.
(…)
Die Frau sei Apothekerin gewesen, ihr Mann Pharmakologe am Max-Planck-Institut. „Er ist Stipendiat seiner Regierung. Der Anschlag macht bereits in Ägypten Schlagzeilen.“ Die Botschaft habe sich eingeschaltet.
(…)
Frauen anderer Stipendiaten, die wie Marwa S. Kopftuch tragen, hätten bereits über Anfeindungen geklagt. „Wir wollten ihnen Mut machen, sich an die Behörden zu wenden, damit die Verwaltung Bescheid weiß“, sagte Yacoub.(Quelle: Sächsische Zeitung)

Viele muslimische Frauen, die wegen ihrer Kleidung angefeindet oder diskriminiert werden, trauen sich nicht, sich damit an die zuständigen Stellen zu wenden. Deswegen versucht man in vielen Gemeinden, Ausländerbeiräten und Antidiskriminierungsstellen, diese Frauen dazu zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben. Marwa E. hatte sich dazu entschlossen, sich nicht als “Terroristin” und “Islamistin” beleidigen zu lassen. In drei Monaten wollte sie zusammen mit ihrem Mann zurück nach Ägypten gehen.

Inna lillahi wa ilayhi raji’un – Zu Allah gehören wir und zu ihm kehren wir zurück. Möge Allah Marwa gnädig sein. Amin.

Update
Der Ehemann der Toten befindet sich laut neueren Berichten weiterhin in kritischem Zustand.

Quellen:
Sächsische Zeitung: Streit um eine Schaukel endet tödlich
Sächsische Zeitung: 18 Messerstiche in 32 Sekunden
Sächsische Zeitung: Im Gericht: Polizist schoss auf Falschen
FR-Online: Motiv war Ausländerhass
MDR-Info: Haftbefehl nach tödlicher Messerattacke