EuroPhantasien von Marlies Wehner und Irmgard Pinn

Lange war das Buch vergriffen, jetzt kann man es online lesen: EuroPhantasien (der islamische Frau aus westlicher Sicht) von Irmgard Pinn und Marlies Wehner ist schon bald 20 Jahre alt, hat aber an Aktualität nichts eingebüßt, auch wenn das Thema (das Bild der muslimischen Frau im Westen) immer wieder aktuell bearbeitet wird. Hier also der Link.

Frauen und männliche Koranexegese

Die folgende Sendung ist aus dem vergangenen Jahr und leider nur auf arabisch zu konsumieren, ich will sie hier trotzdem teilen. Die marokkanische Kroanwissenschaftlerin Farida Zumurrud gibt in der Sendung al-Sharia wa’l-hayat auf dem Sender al-Jazeera ein langes Interview zu männlicher Koraninterpretation und der damit verbundenen Problematik, möglichen Lösungsansätzen und Frauen im Koran.

Hier geht es zu einem vollständigen Transkript des Interviews.

Halbzeit im Prozess zum Mord an Marwa el-Sherbiny

Die Zeugenbefragung im Prozess gegen Alex W., dem Mörder Marwa el-Sherbinys, ist zur Hälfte um. Zeit, die Medienberichte die den Prozess begleiten zusammen zu fassen. Insgesamt sind 23 Zeugen geladen, 12 davon wurden bis jetzt angehört.

Der Ehemann

Als erster sagte der Witwer der Ermordeten aus. Elwy Ali Okaz schilderte noch einmal, wie es zu der Verhandlung kam. Zwischen seiner Frau und Alex W. sei es an einer Schaukel auf einem Spielplatz zu einer Auseinandersetzung gekommen:

Die junge Ägypterin hatte W. damals höflich gebeten, die Schaukel für ihren Sohn freizugeben, worauf W. sie mit unflätigen Worten überzog: Er wolle sie und ihr Kind nicht auf dem Spielplatz haben; sie habe weder das Recht, auf dem Spielplatz noch in Deutschland zu sein. Ihr Sohn werde später ohnehin ein Terrorist werden, und deutsche Kinder sollten das Gesicht eines späteren Terroristen nicht ansehen müssen. Er, W., wolle dies vermeiden. Auch sie, die Mutter, sei eine Terroristin. Und wenn ihr Kind schaukle, werde er es schaukeln bis zum Tod. ((Das hört sich so an, als hätte Alex W. hier dem kleinen Kind mit dem Tode gedroht. Auf Islam.de wird das Zitat mit einer anderen Bedeutung wieder gegeben: “Das Kind darf nicht mehr hier auf dem Spielplatz spielen – wenn es doch kommt, werde ich bis zu seinem Tode hier schaukeln.))

Elwy Ali Okaz bestätigte auch noch einmal, dass es nicht seine Frau war, die die Anzeige gegen Alex W. erstattete. Sie habe lediglich die Polizei gerufen, mit einem Handy, welches Anwesende auf dem Spielplatz ihr gaben und sei später dann als Zeugin vorgeladen worden.

Der Pflichtverteiger

Am 28.10., dem dritten Verhandlungstag, sagte auch der ehemalige Pflichtverteidiger von Alex W., Markus Haselier, aus und schilderte die Vorgänge am Tag des Mordes aus seiner Sicht. Der Angeklagte sei wie aus heiterem Himmel auf Marwa el-Sherbiny losgegangen und habe auf sie ein geprügelt.

«In dem Moment höre ich einen entsetzlichen menschlichen Schrei und sehe, wie der Angeklagte mit einem Messer mit langer Klinge wie ein rasendes Tier auf den Oberkörper der Frau einsticht, immer wieder», sagte Haselier. «Ich sah, wie er auf sie einstach, sie fiel, lag in einer riesigen Blutlache. Ihr kleiner Junge lag mit dem Popo auf dem Boden, mit dem Rücken an der Wand. Sein rechtes Beinchen war unter ihrem Oberkörper eingeklemmt, er konnte gar nicht weg, lag im Blut seiner Mutter und musste miterleben, wie sie verblutete.» (Quelle: Südwest Presse)

Der Verteidiger schient sehr geistesgegenwärtig gehandelt zu haben: er beschmiss Alex W. mit Stühlen um ihn von seinem Opfer abzubringen, und schob einen Tisch zwischen ihn und den Richter, der bei seinen Versuch zu helfen, selbst Gefahr lief von Alex W. angegriffen zu werden. Haselier, der vor einiger Zeit als Sanitäter gearbeitet hat, versuchte noch im Gerichtsaal, die Blutungen Marwa el-Sherbinys zu stoppen.

Der Richter

Tom Maciejewski schilderte in seiner Aussage den Vorgang bis zum Mord so. Während der Verhandlung sei der Angeklagte ruhig bis schroff gewesen. Der Richter ging zu keinem Zeitpunkt von einer Gefahr aus, weswegen er auch kein Wachpersonal zur Verhandlung bestellt hatte.

Ein Detail ist mir bei einem Bericht vom Stern aufgefallen:

Er sagt: “Ich habe registriert, dass sich W. eine Tasche auf den Schoß gelegt hat. Ich hörte den Reißverschluss.”

Der Richter selbst versuchte noch Alex W. von seinem Opfer abzubringen, bemerkte aber erst dann, als dieser auch auf ihn losging, das Messer in seiner Hand. Nachdem er daraufhin den Alarmknopf unter dem Richterpult gedrückt hatte, ging er zurück und kümmerte sich auf den mittlerweile am Boden liegenden Ehemann der Toten. (siehe FR-Online)

Der Wahlverteidiger – Veikko Bartel

Die beiden Verteidiger des Angeklagten – Michael Sturm und der Wahlverteidiger Veikko Bartel – beantragten zunächst eine Verlegung des Verfahren zu einem anderen Gericht, wegen der vermuteten Befangenheit der Dresdner Richter. Dieser wurde abgelehnt.

Gleich zu Beginn machte der Wahlverteiger – interessante Nebennotiz: Veikko Bartel war schon Verteidiger von Björn L., einem der Schläger von Ermyas M. – von sich Reden, weil er forderte den Angeklagten doch im Lichte des aktuellen “Islambildes” zu beurteilen. Auf Spiegel-Online wird Bartel folgendermaßen zitiert:

Bartel wörtlich: “Wir müssen fragen, warum dieser Angeklagte getötet hat. Dazu darf man nicht die Augen vor den gesellschaftlichen Umständen in diesem Land verschließen. Ist der Mandant ein fanatischer Einzeltäter mit Ausländerhass? Vielleicht. Aber da ist auch das Bild des Islam in Politik und Medien. Ich spreche nicht von den Anschlägen 2001, sondern von den täglichen Meldungen über Attentate.” Bei den Muslimen herrsche jedes Mal “betretenes Schweigen”, wenn von Ehrenmorden und Aufrufen zu Anschlägen die Rede sei. Ein “Bild der Barmherzigkeit” biete der Islam gerade nicht. Und dies müsse schließlich zugunsten des Angeklagten berücksichtigt werden.

Ein nicht ernst genommener Brief

Während es Prozesses kam auch zu Tage, dass es schon vor der zweiten Verhandlung gegen Alex W. wegen Beleidigung einen Brief an das Amtsgericht gegeben hatte. Alex W. schildert darin seine Ansichten zum Islam und der von ihm Beschimpften Marwa el-Sherbiny recht ausführlich. In der Süddeutschen Zeitung wird folgendermaßen aus dem Brief zitiert:

In dem Brief bezeichnet er den Islam als eine “verrückte, gefährliche Religion”. Alle Anhänger des Islam seien “Islamisten”, die Deutschland “nach ihren verrückten Vorstellungen verändern” wollten. Niemand könne von ihm erwarten, “dass ich meine Feinde in meiner Nähe dulden muss”; falls diese trotzdem “in meine private Sphäre eindringen wollen, werde ich schnell nervös”. Das Kopftuch, das Marwa el-Sherbini trug, nannte W. “ein Anzeichen von totaler religiöser Unterwerfung vor dem Satangott”, dadurch habe sie “Deutschland und deshalb mich beleidigt”.

Der Richter des damaligen Verfahrens – Tom Maciejewski – wird von den Anwälten der Familie der Verstorbenen verklagt, da ihm aufgrund des Briefes, die Gefahr, die von Alex W. ausging bekannt hätte sein müssen und er für mehr Sicherheit im Gerichtsaal hätte sorgen müssen.

Die Grünen…

…sind ja eigentlich die letzten, denen ich Rassismus im Wahlkampf zugetraut hätte. Falsch gedacht. Die Kaarster Grünen haben sich in diesem Wahlkampf dazu entschlossen unter dem Slogan “Der einzige Grund Schwarz zu wählen”, das nackte Gesäß einer weiblichen schwarzen Person abzubilden. Kommt also auch noch Sexismus dazu.

Am allerübelsten ist jedoch die Reaktion der Kaarster Grünen auf die berechtigterweise eingehenden Protestmails. Man weißt dort argumentationslos alle Vorwürfe von sich, mit der Begründung, die Grünen stünden “für eine Politik, die sich durch Toleranz, Weltoffenheit und Gleichberechtigung auszeichnet”. Peinlich, Peinlich.

Die Stellungnahme scheint seit heute geändert worden zu sein. Dort war gestern nämlich noch zu lesen:

Im Gegenteil könnte dieses Motiv als „antirassistisch“ bezeichnet werden, entsprechende Äußerungen erhielten wir als Reaktion auch von Menschen mit Migrationshintergrund”

Glaubt der/die VerfasserIn dieser Stellungnahme wirklich, dieses billige Argument würde davon überzeugen können, hier läge kein Rassismus vor? Wie rassistisch ist es eigentlich zu glauben, dass man nur einen “Migranten” zum Freund haben muss, um sich von Rassismus rein waschen zu können?

Auf dem Blog von derbraunemob.info wird die Aktion gegen das Plakat koordiniert. Bitte unterstützen, Rassismus geht wirklich alle an.

Neues auf Nafisa.de

Silvia hat dort Reaktionen auf den Mord an Marwa el-Sherbiny kommentiert und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf.

Merkel kondoliert Mubarak und ignoriert damit das Wesentliche

Laut der sächsischen Zeitung ist Bundeskanzlerin Merkel auf dem G8-Gipfel in Italien auf den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak ihre Anteilnahme ausgesprochen.

Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat plötzlich etwas zu dem Fall zu sagen:

Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte sich am Freitag „persönlich tief bestürzt“. Er schrieb seinem ägyptischen Amtskollegen Ahmed Abul Gheit nach offiziellen Angaben, es werde alles getan, um solche Verbrechen zu verhindern. „Wir stehen dafür ein, dass sich in Deutschland jeder ungeachtet seiner Herkunft, seiner Nationalität oder seines Glaubens sicher fühlt“, heißt es in Steinmeiers Schreiben. „Dies ist oberste Maxime für staatliches Handeln. Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie haben in Deutschland keinen Platz.“

Mal abgesehen davon, dass Herr Steinmeier für mich seit der Guantanamo-Affäre vollkommen unglaubwürdig geworden ist, möchte ich doch darauf hinweisen, dass man auf diese Art geschafft hat, den Mord an Marwa E. völlig aus der politischen Verantwortung in Deutschland genommen hat. Man hat das Ganze so zu einem diplomatischen Ärgernis herabignoriert. Das Problem Islamfeindlichkeit in Deutschland, die berechtigten Sorge und Nöte deutscher Muslime angesichts dieses Mordes und der immer wieder betonten Diskriminierungserfahrungen von Muslimen werden so schlichtweg nicht ernst genommen. Herr Steinmeier und Frau Merkel, ich darf Sie daran erinnern, dass dieser Fall vor allen Dingen in Deutschland für Sorge und Unruhe gesorgt hat. Ihr beider Umgang damit ist höchst fahrlässig.

Newsupdate on the Murder of Marwa el-Sherbiny 06.07.2009

This is a translation of my latest news-summary on the Case of Marwa el-Sherbiny’s murder in Dresden.

A lot of new articles and statements appeared on the murder of Marwa in Dresden during the weekend. I try to summarize:

Marwas husband, Elwie Okaz, woke up from his coma on Friday. His condition is stable, but he still has to stay at the hospital.

Both secretary generals of the German Jewish and Muslim Central Council (Stephan Kramer and Aiman Mazyek) visited Marwa’s Husband today. Kramer is quoted as follows:

“We want to send a signal against Islamophobia”, says Kramer. “A lot of Muslims are afraid and we cannot ignore this.” The reactions on the case so far are “absurdly meager”. (Source: TAZ)

A meeting is scheduled between both secretary generals and the Saxon prime minister (CDU).

A mourner’s prayer took place at Berlin Dar el-Salam Mosque. The Egyptian ambassador, Ramzi Ezzeldin Ramzi, and the victim’s brother participated. The victim’s body was brought to Egypt in the evening, the German ambassador to Egypt Bernd Erbel was present at the airport among others.

In a short address he pointed out, that the headscarve is not forbidden in Germany and the the murder is condemned by the German people. The diplomat explained that the 3 million Muslims in Germany enjoy all kinds of freedom and that the German nation is not hostile towards muslims. (Quelle: al-Sharq)

Today, the burial of Marwa el-Sherbiny took place in Alexandria, Egypt. Al-Jazeera reports, that the German embassy in Cairo announced, that this crime doesn’t reflect the general attitude towards Muslims. Sulaiman Wilms, chief editor of the Islamic Newspaper, utters his partial disagreement in the same articlesaying that this incident reveals the resentments that Muslims are confronted with in Europe.

The Intercultural Council spoke out for for public demonstration of solidarity with the victims of the sćrime, especially from political stakeholder. This would demonstrate the attitude of the majority of the German people, who condemn anti-islamic racism.

Peter Widmann of the Institute for Research on Antisemitism at Berlin Technical University expresses his viewpoint in the daily TAZ:

“If it’s true, what the media reports, this was obviously an anti-islamic attack”, says Peter Widmann, who is a researcher on islamophobia at the Centre for Research on Antisemitism.
(…)
“This assault was probably mentally prepared through a hate-scene in the internet and through problemtatic tendencies among certain intellectuals, which have a place in mainstream society”, said the scienist Widmann. Anyhow, the topic is barely discussed in public until now.

“This is”, according to Widman, “in part because of the “widespread discomfort over Islam” well into the middle of German society.” “Furthermore there is an insecurity about what is legitimate critique and where an enemy stereotype begins. From my point of view this is petty simple though: ceriticism is legitimate, whenever it is directed at a specific individual or organisation, but it is not, when a collective character is assumed. (Quelle: TAZ)

Since now rumours and outbursts of of anger have started to circulate, I want to comment some of these.

In different paces on the net I read about a rumour, that the charge against Marwa’s murderer is be manslaughter – and not murder. Fact is that the charge is not yet filed. The police investigate for malicious murder on behest of the prosecuting attorney. After Investigation are closed the charge will be filed – most probably for malicious murder.

I have heard all kinds of accusation against the German state. I have to say that, at least that part of the German state that is represented in this case by the prosecuting attorney Christian Avenarius and the judge has been operating well. This may sound surprising to some, but I want to put to record that the first sentence affirmed the criminal offence of discrimination and racism and punished it. Furthermore, the prosecuting attorney filed the follow-up suit against Alex W., because of his insisting and continuing harassment of Marwa during the first trial, that would have probably ended in a prison sentence. Furthermore the prosecuting attorney is investigating the behavior of the policeman, who accidental shot Marwa’s husband while he was trying to protect her. this investigation should verify if his behaviour is of criminal relevance. Of course I see a big responsibility for the increasing anti-islamic and racist atmosphere in this society on the side of politicians and public personalities as I noted elsewhere.

Newsupdate zum Mord an Marwa el-Sherbiny 06.07.2009

Über das Wochenende sind wieder viele Berichte und Stellungnahmen zu dem Mord an Marwa in Dresden zusammengekommen. Ich fasse zusammen:

Marwas Ehemann, Elwie Okaz, ist seit Freitag aus dem Koma erwacht und in stabilem Zustand, liegt aber weiterhin im Krankenhaus in Dresden.

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, hat zusammen mit Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime den Ehemann der Getöteten besucht. Kramer zu seiner Motivation:

“Wir wollen ein deutliches Zeichen gegen Islamophobie setzen”, sagte Kramer. “Viele Muslime haben Angst und das dürfen wir nicht ignorieren.” Die bisherigen Reaktionen auf den Fall seien “unverständlich spärlich”. (Quelle: TAZ)

Am heutigen Abend ist ein Treffen der beiden Generalsekretäre mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) geplant.

Am Sonntag fand ein Totengebet in der Berliner Dar el-Salam Moschee statt, an der auch der ägyptische Botschafter, Ramzi Ezzeldin Ramzi, und der Bruder der Ermordeten, Tariq El-Sherbiny, teilnahmen. Daraufhin wurde der Leichnam von ihrem Bruder nach Ägypten gebracht. Am Flughafen in Kairo nahm ihn u.a. auch der deutsche Botschafter Bernd Erbel in Empfang.

Er verwies in einer kurzen Ansprache darauf, dass das Kopftuch in Deutschland nicht verboten sei und der Mord vom deutschen Volk verurteilt werde. Der Diplomat erklärte, dass die 3 Millionen in Deutschland lebenden Muslime alle Freiheiten genießen und und das deutsche Volk den Muslimen nicht feindlich gegenüberstehe. (Quelle: al-Sharq)

Heute fand die Beerdigung von Marwa in Alexandria, Ägypten, statt. Al-Jazeera berichtet, dass die deutsche Botschaft in Ägypten verlauten ließ, dass diese Tat nicht die allgemeine Haltung gegenüber Muslimen reflektiere. Sulaiman Wilms von der Islamischen Zeitung, widerspricht im selben Artikel dieser Aussage teilweise, indem er sagt, dass dieser Vorfall die Ressentiments deutlich mache, mit denen Muslime in Europa konfrontiert seien.

Der Interkulturelle Rat hat sich in seiner Pressemitteilung dafür ausgesprochen, dass es besonders von politischer Seite Solidaritätsbekundungen mit den Opfern geben sollte, da die Haltung der Mehrheit der Menschen in Deutschland reflektieren würde, die antimuslimischen Rassismus ablehnen.

Peter Widmann von Institut für Antisemitismusforschung äußert sich zu de Fall in der TAZ:

“Falls es stimmt, was die Medien schreiben, war es ganz offensichtlich ein islamfeindlicher Anschlag”, sagte Peter Widmann, der am Zentrum für Antisemitismusforschung zu Islamophobie forscht.
(…)
“Dieser Anschlag wurde möglicherweise atmosphärisch durch eine Hassszene im Internet vorbereitet und durch problematische Tendenzen unter bestimmten Intellektuellen, die bis in die Mitte der Gesellschaft reichen”, sagte Wissenschaftler Widmann. Dennoch würde das Thema Islamfeindlichkeit in der Öffentlichkeit bislang kaum diskutiert.

Das liege, so Widmann, zum einen an einem “verbreiteten Unbehagen über den Islam” bis in die gesellschaftliche Mitte hinein. “Zudem gibt es Unsicherheit darüber, was legitime Kritik ist und wo ein Feindbild beginnt”, sagte Widmann. Aus seiner Sicht ist das aber einfach: Legitim sei Kritik immer, wenn sie sich an konkrete Personen oder Organisationen richtet, nicht aber, wenn ein Kollektivcharakter angenommen werde. (Quelle: TAZ)

Da nun ja diverse Gerüchte und Wutausbrüche die Runde machen, noch ein paar Anmerkungen von mir. Ich habe des öfteren gelesen, dass Leute sich in Foren, bei Twitter usw. darüber aufregen, dass die Anklage gegen Marwas Mörder auf Totschlag – nicht auf Mord – lauten solle. Das ist nicht wahr, aus dem einfachen Grund, weil noch gar keine Anklage erhoben wurde. Noch laufen die Ermittlungen laut einem Bericht der “Welt” wegen heimtückischen Mord. Eine Anklage wird dann aufgrund der Ermittlungsergebnisse erhoben.

Weiterhin habe ich des öfteren Vorwürfe gegen den deutschen Staat vernommen. Ich muss sagen, dass zumindest der Teil des deutschen Staates, der in diesem Fall durch den Dresdner Staatsanwalt und den Richter repräsentiert wird, gut funktioniert hat. Das mag vielleicht einige überraschen, allerdings muss festgehalten werden, dass durch das erste Gerichtsurteil der Tatbestand der Diskriminierung und des Rassismus festgestellt und bestraft wurde. Die Staatsanwaltschaft kam sogar zu der Auffassung, dass aufgrund der wiederholten Beleidigungen des Alex W. vor Gericht eine Revision angestrebt werden müsste, die möglicherweise eine Freiheitsstrafe nach sich gezogen hätte. Natürlich sehe ich auch eine Verantwortung für eine zunehmend islamfeindliche Stimmung in der Gesellschaft seitens Persönlichkeiten der Politik und Gesellschaft, wie ich an anderer Stelle schon erwähnt habe.

Interkultureller Rat äußert sich zum Fall Marwa

Der Interkulturelle Rat hat heute eine Pressemitteilung herausgegeben. In der heißt es unter anderem:

„Die Beleidigungen, mit denen der Täter, der 28-jährige Alex W., sein Opfer bereits in der Vergangenheit tituliert hatte, lassen den Schluss zu, dass die Bluttat islamfeindlich motiviert war“, erklärte der Vorsitzende des Interkulturellen Rates, Dr. Jürgen Micksch.

Der Interkulturelle Rat warnt seit vielen Jahren vor dem Anwachsen eines antimuslimischen Rassismus in Deutschland, der – nach jetzigem Kenntnisstand – erstmals in einem Tötungsdelikt Ausdruck gefunden hat.
(…)
Bei den Untersuchungen über den Tathergang ist auch der Frage nachzugehen, warum es bei dem Polizeieinsatz im Landgericht Dresden zu schweren Verletzungen des hinterbliebenen Ehemanns gekommen ist. Uns bewegt die Frage, warum er – obwohl an der Gewalttat nicht beteiligt – von den hinzukommenden Polizeibeamten fälschlicherweise als Täter identifiziert und angeschossen wurde.
(…)
Zugleich ist festzuhalten, dass von der Mehrheit der Menschen in Deutschland der antimuslimische Rassismus abgelehnt wird. Zeichen der Solidarität mit der ägyptischen Familie – besonders auch von politischen Verantwortlichen – sind deshalb jetzt besonders wichtig.

Hier geht es zur kompletten Mitteilung.

Update:

Die Pressemitteilung gibt es nun auch in englischer Sprache. Hier ein paar Auszüge:

The Intercultural Council is warning since many years against the growth of anti-muslim
racism in Germany, that – according to present knowledge – has led for the first time to
homicide.
(…)
When investigating the sequence of events the question must be answered, why, at the
occasion of the police operation in the Regional Court (Landgericht) of Dresden, the
victim’s husband was injured so severely. We are moved by the question, why he –
although in no way involved in the atrocity – was mistaken for the perpetrator by the
accruing Police officer and shot.
(…)
The killing of Marwa E. is a solemn occasion to make an issue of Islamophobia in Ger-
many. Urgent in addition is also a critical examination of anti-muslim blogs in the web.
Within many posts of those blogs one can find hate-filled and dehumanizing statements
that are not compatible with the Basic Constitutional Law of Germany.
At the same time must be affirmed that anti-muslim racism is rejected by the majority of
people living in Germany. A sign of solidarity – especially by the politically accountable
– is crucial now.

Pressemitteilung IMV – Beim Namen nennen: antiislamischer Mord in Deutschland

Hier unkommentiert eine Pressemitteilung des Insituts für Medienverantwortung in Erlangen

Beim Namen nennen: antiislamischer Mord in Deutschland
Das Opfer, die 32-jährige Marwa El-Sherbini

Mit Bestürzung haben wie die Nachricht wie auch die Art der Berichterstattung über die antiislamische Messerattacke in Dresden aufgenommen. Mit Kategorisierungen durch Begriffe wie „ausländerfeindlich“ oder „rassistisch“ wird versucht die Tatsache zu umgehen, dass die antiislamische Agitation, die wir seit rund 30 Jahren beobachten und seit etlichen Jahren anmahnen, eine neue Stufe erreicht hat. Dass bisherige Bemühungen um eine Versachlichung der Diskussionen um Islam und Muslime bei weitem nicht ausreichen, zeigt diese Tat wie auch die Tatsache, dass der Ehemann des Opfers von einem Polizisten angeschossen wurde – nicht der tatsächliche Täter. Ob dies etwas mit dem Aussehen der Betroffenen zu tun hat, wäre in einem Gutachten zu prüfen. Statt hier Alarm zu schlagen im Sinne einer Vierten Gewalt, verlegt man sich medial eher auf Straftatsberichterstattung as usual – Russlanddeutscher, also nicht unser Problem.

Dabei ist eine solche Tat, in der der Täter sein Opfer als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpfte, ein eindeutiges Signal, dass die Saat der antiislamischen Hassprediger wie auch deren Pendants der sinn-induktiven Verknüpfung von Gewaltthemen mit Symbolen des Islams in den Mainstream-Medien aufgeht. Wenn sich die Politik weiterhin wie bisher dilettantisch mit dem Erstarken eines antiislamischen Ressentiments als Ausdruck von Meinungsfreiheit befasst und Probleme ausschließlich aufseiten von Muslimen vermutet, werden wir die längst gerufenen Geister bald nicht mehr bändigen können. Es gab nie
eine Multi-Kulti-Idylle in Deutschland und von der sind wir auch heute wieder ganz sicher und sehr weit entfernt.

Unser Mitgefühl gilt der Familie des Opfers! Unsere Sorge uns allen – ohne Ausnahme.
Mit bestürzten Grüßen
für das IMV-Team

Dr. Sabine Schiffer
Institutsleitung

Hier das ganze als PDF-Datei.

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